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Keine Erinnerung, nirgends

Wiebke Porombka • 06. July 2010

Suhrkamp Verlag
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"Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud", das neue Buch der mittlerweile 81-jährigen Christa Wolf, ist die Lebensgeschichte einer Intellektuellen in der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte und ein Stück Literaturgeschichte. Es ist zugleich eine große Meditation über die sonderbaren Windungen, die die Erinnerung schlägt und ausschlägt.

Allemal erstaunlich an diesem Buch (das nur einmal, auf der Rückseite des Umschlags, als Roman bezeichnet wird) ist der Hinweis, den Christa Wolf ihm voranstellt: Alle Figuren und Ereignisse seien Erfindungen der Erzählerin, nicht der Autorin wohlgemerkt. Erstaunlich ist dieser Hinweis deshalb, weil es sich bei "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud" nicht nur allzu offensichtlich um eine autobiographische Spurensuche handelt, sondern darüber hinaus um die Aufarbeitung eines Stücks deutsch-deutscher Literaturgeschichte.

Demontage einer Autorin

1993 weilt Christa Wolf - und wie sie auch die Erzählerin ihres Buches - auf Einladung des Getty Centers für einige Monate in Los Angeles, als im fernen Deutschland die Akte von IM Margarete an die Öffentlichkeit gegeben wird. IM Margarete, das war Wolf, die Ende der fünfziger Jahre von der Stasi angeworben wurde und bis 1962 einige wenige, indes durchweg positive Berichte über Menschen in ihrem Umfeld schrieb. Was nun beginnt - und Wolf respektive der Erzählerin zumeist nur über das Faxgerät zugetragen wird - ist die beispiellose Demontage einer Autorin und Intellektuellen, deren Festhalten an der Utopie des Sozialismus misstrauisch stimmte. Das Festhalten zeugte doch auch für das zumindest partielle, wenn auch immer wieder problematisierte Einverständnis mit dem Unrechtssystem der DDR.

Christa Wolfs Alter Ego

Symptomatisch ist eine Szene gleich zu Beginn von "Stadt der Engel". Die Erzählerin, Alter Ego Wolfs, reist in einer Art Trotzreaktion mit dem noch gültigen Pass der DDR nach Amerika ein und antwortet auf die erstaunte Frage des Beamten, ob sie sicher sei, dass dieses Land noch existiere, knapp: "Yes, I am". Was folgt, indem Wolf verschiedene Zeitebenen beginnend in den sechziger Jahren der DDR bis hin ins Amerika der neunziger Jahre miteinander verschneidet, ist eine Dokumentation der Erschütterungen, die die Autorin in den Monaten nach der Veröffentlichung ihrer Täterakte erlebt. Mehr noch aber ist es eine permanente Selbstbefragung: Wie um alles in der Welt konnte sie vergessen, dass sie mit der Stasi in Kontakt gestanden hat, und das nicht nur als Überwachte und Ausspionierte, wie ihre mehr als vierzig Bände umfassende eigene Akte dokumentiert.

Dass sie es vergessen hat, ist der tragisch-existentielle Kern, aus dem das Erzählen erwächst. Diese Selbstbefragung hat, wie oftmals bei den Frauenfiguren Wolfs, durchaus etwas Ambivalentes: dem Anspruch auf moralische Integrität und unhintergehbare Aufrichtigkeit wohnt immer auch ein Reflex zur Selbstgerechtigkeit und Stilisierung des eigenen Leids daran inne. Zumal Wolf wiederholt Figuren auftreten lässt, die ihrer Entlastung das Wort reden. Nichtsdestotrotz ist dieses Buch, als Lebensgeschichte einer Intellektuellen im geteilten Nachkriegsdeutschland und als ein Stück Literaturgeschichte der Nachwendezeit, zweifelsohne ein Ereignis.

Christa Wolf "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud", Suhrkamp Verlag, Berlin, 416 Seiten, 24,80 Euro, ISBN 978-3514820508

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