Es ist ein Dokumentarfilm mit besonderer Bannkraft, den die Filmemacherin Ilona Ziok mehr als 40 Jahre nach dem Tod des Protagonisten präsentiert. "Fritz Bauer - Tod auf Raten" beschäftigt sich mit einer der wichtigsten Persönlichkeiten im Nachkriegsdeutschland. Der Jurist hatte sich der Aufdeckung und Ahndung der NS-Verbrechen verschrieben - und ging daran zu Grunde. Der Film dokumentiert Bauers aus heutiger Sicht unfassbaren Kampf gegen das noch von NS-Kadern durchsetzte Deutschland, gegen die tief in der Bürgerschaft verankerte Verweigerung einer echten Aufarbeitung der Verbrechen.
Als Jude und Sozialdemokrat geriet Bauer nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 ins Visier des NS-Staates, wurde verhaftet und verlor seinen Posten am Amtsgericht in Stuttgart.
1935 emigrierte Bauer nach Dänemark und später nach Schweden, wo er mit Willy Brandt die Zeitschrift "Sozialistische Tribüne" gründete. 1949 kehrte Bauer nach Deutschland und in den Justizdienst
zurück, zunächst nach Braunschweig. Sofort machte er sich daran, Licht in die Verbrechen der Nazizeit zu bringen, wo immer es ihm möglich war und die Täter zur Verantwortung zu ziehen, nannte
sich selbst "Jurist aus Freiheitssinn". Einer der Wegbegleiter Bauers, der Schriftsteller Ralph Giordano, beschreibt: "Die Tragik Bauers war, er wollte die Nazi-Vergangenheit aufarbeiten, aber
Deutschland war dazu noch nicht bereit."
Morddrohungen gegen Bauer
Giordano ist einer von mehr als 30 Zeitzeugen, die Ilona Ziok zum Leben und Wirken Fritz Bauers befragt hat. Im Versatz mit Ausschnitten aus alten Interviews mit ihm sowie mit historischem
Nachrichtenmaterial, etwa zu den Prozessen, entsteht so das Bild eines Mannes der voller Mut und Pioniergeist in ein zerstörtes Land kommt - und feststellen muss, dass sein Traum von der Zukunft
nicht der gleiche ist, wie der der Menschen um ihn herum. Dabei gelingt es Ziok, das Nachkriegsdeutschland in Facetten nachzuzeichnen, die heute teils vergessen sind. Wie hartnäckig und vor allem
wie weit verbreitet der Widerstand gegen eine Aufklärung der NS-Zeit war, wie festsitzend das rassistische Gedankengut, zeigt "Fritz Bauer - Tod auf Raten" eindringlich.
Denn was heute selbstverständlich erscheint musste zu Lebzeiten Bauers schwer erarbeitet werden. Das zeigte 1952 der Remer-Prozess, in dem Bauer als Ankläger fungierte. Ein noch vom NS-Regime in diesen Rang beförderter Generalmajor hatte die Attentäter des 20. Juli 1944 als Landesverräter beschimpft. Eine damals weit verbreitete Haltung. Rehmer wurde wegen Verleumdung angeklagt. Der Prozess führte zur Rehabilitierung der Widerstandskämpfer. Die Witwe des Attentäters Stauffenberg erhielt von nun an eine Offizierswitwenrente. Die hatte man ihr bis dahin verweigert.
Bauers größter Erfolg als Jurist waren aber sicherlich die drei Auschwitz-Prozesse in Frankfurt am Main von 1963 bis 1968, bei denen sich Mitglieder der Lagermannschaft des Vernichtungslagers
Auschwitz wegen Mordes und Beihilfe zum Mord verantworten mussten. Das traf keineswegs auf breites Verständnis in der deutschen Bevölkerung. So salutierten einige der diensthabenden Polizisten,
als die Angeklagten den Gerichtssaal verließen. Bauer, der beim Prozess nicht in Erscheinung trat, ihn als hessischer Generalstaatsanwalt aber überhaupt erst nach Frankfurt geholt hatte und die
Fäden in der Hand hielt, erhielt Schmähungen und Morddrohungen.
Mysteriöser Tod in der Wanne
Doch zum Wesen Fritz Bauers gehörte auch, allen Widerständen zum Trotz nach seinen Überzeugungen zu handeln. So gab er 1960 dem israelischen Geheimdienst Mossad den entscheidenden Hinweis
zum Aufenthaltsort des Massenmörders Adolf Eichmann. Nach dem Dienstweg hätte ein Auslieferungsantrag gestellt werden müssen, doch Bauer wusste, dass die gesamte Justiz durchdrungen war von
Alt-Nazis. Es war so gut wie klar, dass Eichmann einen Wink erhalten würde.
Am 1. Juli 1968 wurde Bauer tot in seiner Badewanne aufgefunden, in seinem Blut wurden Alkohol und Tabletten nachgewiesen. Die Umstände sind bis heute unklar - und werden es wohl auch bleiben. Auch Ilona Zioks Film kann den Tod nicht aufklären, zeigt aber nachvollziehbar, dass sein aufklärerisches Wirken dorthin geführt hat.
Mehrere Jahre hat Ilona Ziok an der Doku gearbeitet. Für die erfahrene Filmemacherin war die Arbeit an "Fritz Bauer" eine besondere Herausforderung. Nicht nur die Recherche war mühsam, auch
die Finanzierung des Films stand auf wackligen Beinen. "An Bauer hat sich keiner rangetraut", sagt sie. Und ist besonders froh, diesen Film gemacht zu haben: "Wo wären wir heute ohne Bauer? Wo
stünde Deutschland, wo stünde unsere Demokratie ohne die Auschwitz-Prozesse?", fragt sie.
"Fritz Bauer - Tod auf Raten"
Der Film kommt ab dem
4. November 2010
in die Kinos. Er ist der Eröffnungsfilm der Reihe "ÜBER MUT" der "Aktion Mensch" in Berlin. Anschließend soll er in der ARD gezeigt werden.
Filmschau in Frankfurt
Der AStA (Allgemeiner Studierendenausschuss) zeigt den Film am
03. November 2010 ab 19 Uhr im Festsaal des Studierendenhauses, Mertonstraße 26-28
Im Anschluss diskutiert Jonas Erkel (AStA-Vorsitzender) mit Ilona Ziok und Prof. Gross (Direktor Jüd. Museum/ Fritz Bauer Institut Frankfurt). Der Eintritt für Film und Diskussion ist frei.
fritz-bauer-film.de







