Eva Züchner findet unumstößliche Beweise für die Nazi-Vergangenheit ihre Vaters, Gerhard Weise. 1913 geboren, verliert er seinen Vater während des Ersten Weltkrieges und wächst bei seiner Mutter, einer "aufrechten Sozialdemokratin", auf. Die lässt es sich nicht nehmen, den 17-Jährigen aus der HJ ausschließen zu lassen: "Gerharts Abschied aus dem NS-Schülerbund ... erfolgt im Januar 1932 'auf Grund elterlichen' Zwanges". Doch vergeblich, denn seinen Weg bestimmt die Teilnahme an der Reichspresseschule, 1937. Dort steht "die politische und charakterliche Formung der Berufsanwärter zu strammen Volksgenossen" im Vordergrund.
Unabkömmlich an der Heimatfront
Gerhart Weise macht während der Zeit zwischen 1933 und 1945 Karriere. Nach Kriegsbeginn, 1939, wird er nur wenige Woche eingezogen, kurz darauf "UK gestellt", also unabkömmlich durch seine Tätigkeit im nationalsozialistischen Deutschland. Weise arbeitet im Pressebüro Schwarz van Berg. Seine Propagandaarbeiten als "Schriftleiter" finden selbst in den Tagebüchern Joseph Goebbels Eingang. Weise verfasst mit seinen Kollegen neben der Propaganda für die "Heimatfront" auch Zeitungsartikel und Flugblätter, die nach Frankreich oder auch England geschleust werden. Sie sollen beruhigen und die Absichten Hitlerdeutschlands verschleiern.
Unzweifelhafter Verrat
Dass ihren Vater mehr mit dem Nazisystem verband, als sie sich lange Zeit eingestehen wollte, wird Eva Züchner zur traurigen Gewissheit. In ihrem Buch "Der verschwundene Journalist", beschreibt sie auch Gerhart Weises Verrat an seinem Kollegen und Freund Erich Ohser. Dieser wird wegen Wehrkraftzersetzung verhaftet. Er habe sich über die Durchhalteparolen der Nazis lustig gemacht, so die Anklage, an der Weise aktiv beteiligt ist. Ohser wäre von dem berüchtigten Richter Roland Freisler zum Tode verurteilt worden, hätte er sich in seiner Zelle nicht selbst das Leben genommen. "Von meiner Mutter weiß ich, dass mein Vater über seine Kontakte im Ministerium schon früh von der drohenden Verhaftung Erich Ohsers erfahren hat. Er sagt es seiner Frau. Sie bittet, seinen Freund zu warnen. Er weigert sich."
Späte Fragen und kaum Antworten
Am 21. September 1945 um 23 Uhr wird Gerhart Weise von der russischen Geheimpolizei abgeholt und kehrt nie wieder zu Frau und Tochter zurück. Seine Spur verliert sich.
Eva Züchner ist 60 Jahre alt, als sie sich auf die Spuren ihres Vaters begibt. Etliche Freunde, Kollegen und Familienangehörige sind schon lange nicht mehr am Leben, ihr Wissen bleibt verborgen. Die Autorin versucht die Lücken mit historischen Hintergründen, Auszügen aus Zeitungsartikeln und Werkfragmenten ihres Vaters zu füllen. Unaufgeklärt bleibt letztlich auch das Schicksal Gerhart Weises. Eva Züchner beendet die Biografie ihres Vaters mit den Worten: "So ist das Traurige an dieser Geschichte, dass sie eigentlich keinen Schluss hat."
Eva Züchner: "Der verschwundene Journalist: Eine deutsche Geschichte", Berlin Verlag, 2010, 287 Seiten, ISBN 978-3-8270-0896-1







