Die Armut ist noch immer groß, die Ungleichheit unüberwunden, Kriminalität weit verbreitet, die Nation noch lange nicht vereint - dennoch hat Südafrika allen Grund, sich und die erste
Fußball-Weltmeisterschaft auf afrikanischem Boden zu feiern. Denn nur wenige Nationen auf der Welt haben in zwei Jahrzehnten geschafft, was den Südafrikanern gelungen ist.
Südafrika 1990
In den Jahren, Deutschland sich wiedervereinigt wird in Südafrika Nelson Mandela aus dem Gefängnis entlassen - nach siebenundzwanzig Jahren Haft. Der Führer des African National Congress
(ANC), damals eine Widerstandsbewegung, galt als größter Terrorist Südafrikas, weil er sich für Demokratie und die Bürgerrechte der Schwarzen eingesetzt hatte, weil er für jeden Einwohner
Südafrikas eine Stimme bei freien und fairen Wahlen einforderte.
Während der Apartheid, der institutionalisierten Rassentrennung war die schwarze Bevölkerung Südafrikas, die etwa 80 Prozent ausmacht, von der Politik ausgeschlossen, ihre Interessen wurden
ignoriert, ihre Stimme brutal zum Schweigen gebracht. Sie lebte in Elendsvierteln, in Südafrika Townships genannt, meist ohne frisches Wasser, Elektrizität und durfte sich im Land nicht frei
bewegen. Schwarze Südafrikanerinnen wurden zu Putzfrauen ausgebildet, schwarze Südafrikaner zu Minenarbeitern oder Gärtnern - das Bildungssystem der Apartheid wollte sie klein halten.
Wer Widerstand leistete, wurde - wie Nelson Mandela - verfolgt, gefoltert oder sogar ermordet. Zu Beginn der neunziger Jahre war Südafrika ein Überwachungsstaat im permanenten
Ausnahmezustand. Die Apartheid-Regierung kämpfte im Land mit einem massiven Sicherheitsaufgebot an der Absicherung ihrer Diktatur, ging mit massiver Gewalt gegen Unruhen in den Townships vor und
führte zahlreiche Kriege in den umliegenden Ländern - beispielsweise in Mosambik, Angola und Simbabwe - um ihr System der Unterdrückung der Schwarzen aufrecht zu erhalten.
"Das gesamte südliche Afrika wurde Opfer eine Destabilisierungskampagne Apartheid-Südafrikas, die zwei Millionen Menschenleben kostete und einen geschätzten Schaden von etwa 6,2 Milliarden
Euro anrichtete," so Nelson Mandela vor den Vereinten Nationen 1993.
Weiße Südafrikaner, etwa fünf Prozent der Bevölkerung, lebten abgeschottet in Villensiedlungen. Ihr Lebensstandard war im internationalen Vergleich hoch, sie hatten große Häuser mit gepflegten
Gärten, sichere Einkommen und zahlreiche Hausangestellte - natürlich Schwarze. Armut unter weißen Südafrikanern war quasi inexistent. Doch der Preis dafür waren Abschottung, Unsicherheit und
Unterdrückung.
Zum Ende brach das Apartheid-System vollständig in sich zusammen. Der Kap-Staat wurde international - wo die Universelle Erklärung der Menschenrechte galt - isoliert, die Wirtschaft
kriselte, die Sicherheitsmaßnahmen überstiegen die eigenen Möglichkeiten. Das Land war gelähmt und am Rande eines Bürgerkrieges.
Das Ende der Apartheid
Am 11. Februar 1990 schließlich musste der südafrikanische Präsident Frederik Willem de Klerk, Mandela aus dem Gefängnis entlassen und das Verbot gegen seine Befreiungsbewegung ANC
aufheben. Der Apartheid-Regierung blieb keine andere Wahl, Südafrika stand kurz vor der Implosion. Und Mandela - statt zu Gewalt, Sühne und Rache aufzurufen, rief der ANC-Führer seine Bevölkerung
zu Versöhnung, Geduld und der Mitarbeit an einem nichtrassistischen, geeinten und demokratischen Südafrika auf. "Ich habe gegen die weiße Vorherrschaft gekämpft und ich habe gegen die schwarze
Vorherrschaft gekämpft. Ich habe an der Idee einer demokratischen und freien Gesellschaft festgehalten, in der alle Menschen harmonisch zusammenleben können und die gleichen Chancen haben. Dies
ist ein Ideal, für das ich leben, und das ich erreichen möchte, aber wenn es notwendig ist, bin ich auch bereit für dieses Ideal zu sterben," verkündet Mandela bei seiner ersten Rede als freier
Mann.
Mandela, der eben noch gedemütigt, gefoltert und bestraft worden war, streckte denjenigen, die dafür verantwortlich waren die Hand aus. Das Volk, dass sein Land mit weißen Einwanderern
unter den Bedingungen von Unterdrückung, Beleidigung und Elend - über dreihundert Jahre teilen musste, gab sich mit Wahrheit und Versöhnung zufrieden, verwirklichte gleiches Stimmrecht und
garantierte Minderheitenschutz.
Die Helikopter, die eben noch die Widerstandskämpfer des ANC aus der Luft beschossen, flogen nun mit der Regenbogenflagge über das Land. Die Armee, die eben noch gegen Widerstandskämpfer in
Mosambik, Namibia und Sambia kämpfte, wurde 1994 auf einen schwarzen Präsidenten vereidigt. "Die Länder Europas haben Jahrhunderte gebraucht, um ihre Demokratie zu entwickeln. Wir hatten gerade
einmal 14 Jahre seit dem Ende der Apartheid," sagt der Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu, der die Wahrheitskommission Südafrikas leitete.
Im März 1992 stimmte die Mehrheit der weißen Bevölkerung für die Fortführung der Verhandlungen, im April 1994 wählten erstmals alle Südafrikaner einen neuen Präsidenten. "Mandela konnte und
kann jeden mit Charme und Selbstironie einwickeln. Binnen kurzer Zeit vermochte er auch bei weißen konservativen Südafrikanern sein Bild zu ändern: Vom mutmaßlichen Terroristen wurde er für viele
zum Freiheitshelden und Versöhner," sagt Robert von Lucius, ehemaliger Südafrika-Korrespondent, "sein Ansehen, sein intellektuelles Format und seine menschliche Größe, die Haltung des Verzeihens
und der Versöhnung waren es, die Südafrika vor einem von vielen befürchteten Bürgerkrieg und Blutbad bewahrte."
Im Jahr 1999 wird mit Thabo Mbeki der zweite schwarze Präsident des Landes gewählt, 2009 mit Jacob Zuma der dritte, noch amtierende, schwarze Präsident. "Seit dem Ende der Apartheid hat
Südafrika eine beispiellose Karriere gemacht. Vom geächteten Stinktier der Welt zur weltweit bewunderten Regenbogennation," sagt Christian von Soest, Südafrika-Experte am GIGA-Institut in
Hamburg, "die Überwindung der weißen Minderheitsherrschaft, die Verabschiedung einer Verfassung, die weitreichende Freiheits- und soziale Rechte verbürgt, und eine modellhafte Wahrheits- und
Versöhnungskommission ließen das Land an der Südspitze Afrikas zum Vorbild werden."
Südafrika heute
Heute leben in Südafrika noch immer 74 Prozent der Schwarzen in Armut, aber nie zuvor in der Geschichte des Landes hatten sie eine so große Chance, dem zu entkommen, nie zuvor wurden so
viele mit Strom, Elektrizität und Schulen versorgt, nie zuvor hat der Staat so hohe Mittel für Sozialleistungen aufgebracht wie jetzt. "Heute erhält gut ein Viertel der Bevölkerung staatliche
Unterstützung," berichtet Robert von Lucius, "in einem Land, in dem bis vor fünfzehn Jahren Sozialpolitik oder staatliche Hilfe an die Armen weitgehend unbekannt war. Die Armutsrate sank seit
1999. Südafrika hat das umfangreichste soziale Netz aller Entwicklungsländer."
Noch immer sind Kriminalität und Unsicherheit in Südafrika überdurchschnittlich. "Gewalt war früher ein Problem der Townships, inzwischen betrifft es alle. Viele Weißen denken, die Gewalt
sei seit dem Ende der Apartheid gestiegen, aber das stimmt nicht. Sie sind erstmals selbst massiv betroffen," sagt Andreas Hettiger, der das DAAD-Büro in Johannesburg leitete. Die hohe
Kriminalität rührt vor allem aus der weit verbreiteten Armut, aus Ungleichheit und Perspektivlosigkeit. Dabei waren die Chancen für Schwarze noch nie so groß wie heute, es müsste nur alles
schneller gehen und mittlerweile findet sich vor allem eine schwarze Bevölkerung in Armut wider, die die Apartheid gar nicht mehr miterlebt hat.
In Südafrika ist es nie zu einem Bürgerkrieg, nie zu Pogromen der Schwarzen an den Weißen, zu Vertreibung und Rache gekommen. Zwar heilen die Wundern langsam, aber sie heilen und
Großereignisse wie die Rugby-Weltmeisterschaft 1996 haben ein gemeinsames Nationalgefühl erzeugt. "Der Zuschlag für die Austragung der Fußball-WM 2010 stellt nun einen besonderen Triumph dar und
eine einzigartige Gelegenheit, das Land der Weltöffentlichkeit zu präsentieren", sagt Scarlett Cornelissen von der Universität Stellenbosch, "die WM 2010 charakterisiert der Versuch, die
Veranstaltung als Katalysator für die Einheit des Landes zu nutzen."
Viele afrikanische Regierungen, die einst aus Widerstandsbewegungen entstanden sind, haben sich nach einigen Jahren zu Diktaturen entwickelt wie beispielsweise Simbabwe. Dort vertrieb
Präsident Mugabe weiße Farmer, zensierte die Medien, schränkte die Bürgerrechte ein, verfolgte selbst die schwarze Opposition, manipulierte Wahlen und ließ Demokratie und Wirtschaft den Bach
herunter gehen. In Südafrika steht auch der dritte schwarze Präsident zu Mandelas Grundsatz, das Landgehört denen, die hier leben. Er achtet die Demokratie, die Gewaltenteilung und die
Verfassung. Die südafrikanischen Medien sind frei und kritisch, die Oppositionsparteien, egal ob weiß oder schwarz, werden respektiert, Wahlen sind frei und fair. "In Südafrika - im Gegensatz zu
weiten Teilen Afrikas - steht hinsichtlich der demokratischen Entwicklung seit Jahren nicht mehr das große 'Ob' im Raume, sondern nur noch die Detailfrage des 'Wie," sagt Stefan Kaußen,
Südafrika-Experte und Buchautor.
"Ich bin zuversichtlich," so der letzte weiße Präsident Frederik Willem de Klerk, "unsere Regierung wird die Gelegenheit nutzen und aus der Weltmeisterschaft einen Erfolg machen, auch wenn
der neue Präsident nicht mehr das Charisma und das Ansehen Mandelas hat. Wir Südafrikaner sind auf Wunder spezialisiert." Die Vorbereitungen der Weltmeisterschaft bedeuteten für Südafrika einen
riesigen Kraftakt. Niemand hätte gedacht, dass die modernen Stadien bis zum Anpfiff fertig werden, niemand hätte mit der Funktionsfähigkeit des modernsten Zugs Afrikas - dem Gautrain - gerechnet,
niemand damit, dass das größtenteils in Armut lebende Volk hinter dem Sportereignis stehen würde. "Falls es jemals Zweifel am Rhythmus und an der Lebensfreude der Südafrikaner gab. Dieser Tage
vibriert das Land in heller Vorfreude," so Max und Nashibi aus Durban, die für die Universität Tübingen berichten.
Präsident Zuma hat versprochen, die Weltmeisterschaft nachhaltig nutzen zu wollen, um die Nation zu einen, um aus neuem Stolz neue Kraft zu gewinnen und die nächsten, vor allem sozialen
Herausforderungen des Landes anzupacken. Das Image von Land und Kontinent soll nachhaltig verbessert werden, um Investoren und Touristen anzuziehen und das Vertrauen der Welt zu stärken. Nun wird
erst einmal gespielt, die Meisterschaft der Vorbereitungen hat Südafrika bereits für sich entschieden. Allein dafür kann es sich feiern!







