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Von Religion umzingelt

Hilal Sezgin • 09. June 2010

Von Religion umzingelt? Religiöses Wahrzeichen einer Stadt. Foto: flickr.com/drona, Lizens: cc-by-nc 2.0
Sind wir von Religion umzingelt? Der Kölner Dom - Omnipräsentes religiöses Wahrzeichen einer Stadt. Foto: flickr.com/drona, Lizens: cc-by-nc 2.0

Manchmal habe ich den Eindruck, wir sind in letzter Zeit von Religion geradezu umzingelt. Früher galt ich als Deutsche, heute als Muslimin. Aygül Özkan, die erste CDU-Ministerin mit türkischem Namen, war bei ihrem Amtseintritt in aller Munde - weil Muslimin. Ihre CDU-Kollegen bestanden auf dem Kruzifix im Klassenzimmer - schließlich leben wir im christlichen Abendland. Zehntausende Berliner hatten im vergangenen Jahr Angst, dass christliche Werte in der Schule zu kurz kommen; sie stimmten für die Initiative "Pro Reli".

Der 60. Jahrestag des Grundgesetzes wurde mit einem Staatsakt begangen - und einem christlichen Gottesdienst. Überall, wo ein Mensch den Mund aufmacht, wird er unter dieser oder jener Religion rubriziert, und sobald Kinder nicht eine anständige Dosis religiöser "Werte" eingetrichtert bekommen, droht für viele der Sittenverfall. Kann es in Deutschland etwa keine Demokratie und keinen Zusammenhalt ohne Religion geben?

Die Privilegien der Kirchen - jetzt auch für Muslime?

Doch, ganz bestimmt ginge das. Obwohl man zugeben muss, dass die Bundesrepublik von Beginn an der Religion einen nicht zu bescheidenen Platz eingeräumt hat. Eine Staatsreligion schließt das Grundgesetz zwar aus und garantiert - von der Idee her jedenfalls - Neutralität gegenüber allen Religionen. Dennoch haben die Gründungsväter und -mütter nicht das streng laizistische französische Modell gewählt. Der deutsche Staat will die Religion nicht aus der Öffentlichkeit verbannen. Im Gegenteil, er wertschätzt ausdrücklich den Beitrag der Religion(en?) zu Erziehung und Gesellschaft, daher räumt er ihr (ihnen?) viele Spielräume ein wie unter anderem den Religionsunterricht, den das Grundgesetz in Artikel 7 an allen öffentlichen Schulen garantiert.

Bereits an dieser grundsätzlichen Haltung des deutschen Staates zur Religion könnte man sich stoßen. Lange Zeit schien sich allerdings kaum jemand darum zu kümmern. Die vielfältigen Kooperationen und Verflechtungen von Kirche und Staat wurden nicht debattiert. Mit den Juden, die nach 1945 wieder in Deutschland leben wollten, hat man diverse Kompromisse geschlossen. Für eine wirklich multireligiöse Gesellschaft aber ist Deutschland noch nicht gerüstet. Erst das Hinzukommen einer dritten Religion hat das Konfliktpotential freigelegt.

Erst jetzt, wo in Form von vier Millionen Muslimen "Neue" dazukommen und für ihre religiösen Verbände dieselben Privilegien verlangen, wie sie die christlichen Kirchen genießen, kommen die Dinge in Bewegung. Ein Islam-Staatsvertrag, Sitze in Rundfunkräten, islamischer Religionsunterricht, islamische Theologie an den Universitäten... Das geht doch nicht, dass "wir Deutschen" auch noch "den Muslimen" Geld für deren Moscheen geben sollen, empören sich manche. Haben diese Leute einmal über die vielen Bezuschussungen von kirchlichen Einrichtungen nachgedacht?

Wenn schon Religionsförderung, dann gleiches Recht für alle

Denn auch das kann man kritisieren. An dem Gottesdienst anlässlich der Feierlichkeiten zu 60 Jahren Grundgesetz ärgerte mich, dass man offenbar nicht eine Sekunde überlegt hatte, auch Juden und Muslime einzubeziehen. Meine nicht-gläubigen Freunde dagegen ärgerte es, dass es überhaupt einen Gottesdienst gab. Beide Formen von Ärger haben ihre Berechtigung, sie schließen einander nicht einmal aus. Wenn sich der Staat schon der Religion zuneigt und sie fördert, dann bitte allen Religionen.

Gleichzeitig kann man fragen: Aber warum überhaupt? Historisch gesehen, haben sich beide Gewohnheiten gemeinsam etabliert: dass die Religion eine wichtige Rolle in der deutschen Öffentlichkeit und Politik spielt; und dass diese Religion das Christentum ist. Vielleicht ist nun der Zeitpunkt gekommen, beides in einem Atemzug zu hinterfragen, Deutschland in beiden Punkten neu zu verorten.

Die Frage, die Gläubige und Nicht-Gläubige und überhaupt Anhänger aller möglichen gesellschaftlichen Modelle diskutieren müssten, lautet also: In welchen Bereichen ist die derzeitige staatliche Förderung von Religion noch zeitgemäß? Egal wie die Antwort aussieht, man kann sie nur aufrichtig geben, wenn manihre Konsequenzen mit gleichen Rechten für alle Religionen durchspielt.

Vielleicht werden wir in ein, zwei Jahrzehnten endlich dahin kommen, die Idee der Religionsfreiheit im vollen Sinne umzusetzen. Diese Freiheit bedeutet erstens, dass jeder glauben darf, was er will. Zweitens, dass man nicht gläubig sein muss, um ein guter Bürger zu sein. Und dass es, drittens, jedem gestattet sein muss, über seinen Glauben auch einfach zu schweigen. Wir müssen jedem Menschen die Ausübung seiner Religion gleichermaßen freistellen - und dürfen keinen auf seine Religionszugehörigkeit reduzieren.

Hilal Sezgin, Jahrgang 1970, ist Journalistin und Publizistin mit deutsch-türkischer Abstammung. Im April 2010 erschien ihr Roman
"Mihriban pfeift auf Gott".

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