Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung als verfassungsgerichtlich verbürgtes Grundrecht geht auf die Volkszählung von 1983 zurück. Es verbürgt das Persönlichkeitsrecht eines Jeden, grundsätzlich über Preisgabe und Verwendung seiner personenbezogenen Daten entscheiden zu können. Doch welchen Wert hat dieses Recht noch in Zeiten schier unbegrenzter Datenspeicherungs- wie auch Missbrauchsmöglichkeiten?
Woher haben die meine Nummer?
Call-Center sind aus unserem Leben kaum wegzudenken. Sie sind die erste Station bei telefonischer Bestellung oder Nachfrage. Oft jedoch überraschen Anrufer von dort mit dem Versuch, zum Kauf von Abos oder sonstigen Produkten und Dienstleitungen zu animieren. "Woher haben die meine Nummer?" wird sich manch Angerufener schon gefragt haben.
Die Antwort wäre in der Regel wenig zufriedenstellend: Sie wurde gekauft. Nicht nur der Staat versucht im Zuge der Anti-Terror-Gesetze immer mehr über seine Bürger in Erfahrung zu bringen. Viel akribischer ist die Wirtschaft: stets bemüht, Kontaktadresse und Konsumgewohnheiten etwa durch Rabatsysteme elektronisch zu erfassen, um Werbung passgenau zu platzieren. Auch und gerade für den Telefonverkauf der Call-Center sind diese Informationen Gold wert und werden daher gehandelt, auch ohne Zustimmung der Betroffenen. Je detaillierter die Daten, desto interessanter, gerne auch mit Angabe der Kontodaten!
Was kann ich tun?
Dies erlebte auch Detlef Tiegel, der 2008 als Call-Center-Agent in einem kleinen Unternehmen begann und sensible Daten von 17 000 nichts ahnenden Verbrauchern in die Hände gedrückt bekam. Tiegel entschied sich, dieses illegale Vorgehen öffentlich zu machen.
Er erzählt jedoch nicht nur seine persönliche Geschichte, sondern informiert zugleich über Missbrauchsgefahren, die sich aus dem Datenhandel ergeben. Da werden vermeintliche Hauptgewinner nichtsahnend auf kostenpflichtige Hotlines gelenkt oder gleich die bekannte Kontonummer zum Abbuchen mehrerer Euros genutzt; bei tausendfach vorliegenden Datensätzen ein lukratives Geschäft, selbst wenn der Schwindel ab und an auffliegt.
Nicht einschüchtern lassen
Nichtsahnenden Betroffenen flattern saftige Rechnungen ins Haus: zu Verträgen, die nie geschlossen wurden. Wer zur Zahlung nicht bereit ist, erhält Schreiben dubioser Rechtsanwälte und Mahnungen. Viel zu oft lassen sich Betroffene einschüchtern, zahlen den Betrag und nähren die Betrüger. Tiegel rät zur Gelassenheit gegenüber den leeren Drohungen der Abzock-Firmen, die den Gang vors Gericht meiden wie der Teufel das Weihwasser. Doch sind es nicht nur die Datenhändler, die den gläsernen Menschen schaffen. Wie leichtsinnig wird oft Privates veröffentlicht: in den sozialen Netzwerken des Internets. Datenschutz beginnt bei jedem Einzelnen und ist nicht allein staatliche Aufgabe.
Das Buch von Detlef Tiegel ist eine informative Lektüre zum Thema Datenschutz und -missbrauch: eine lesenswerter Nachfolger der Fernsehsendung "Nepper, Schlepper, Bauernfänger" für das 21. Jahrhundert.
Detlef Tiegel: "Achtung Abzocke! Wie ich den Datenskandal der Call-Center ins rollen brachte", Wilhelm Heyne Verlag, München 2010, 207 Seiten, 8,95 Euro, ISBN 978-3-453-60125-3







