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Icon   Claus Christian Malzahn: "Über Mauern"

Häutungen im Schatten der Mauer

Nils Michaelis • 14. June 2010

wjs Verlag
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Berliner und Berlin-Touristen interessieren sich für alles Mögliche - nur nicht für die Geschichte der deutschen Hauptstadt. Und schon gar nicht für deren 28-jährige Teilung, behauptet Malzahn. Deswegen hat der frühere "Spiegel"-Journalist ein Buch geschrieben. Angekündigt wurde "Über Mauern" als "tragikomischer" Rückblick auf einen postulierten Wohlfühl-Faktor der Halbstadt und als eine kritische Bestandsaufnahme der Metropole von heute. Das Ergebnis ist ein Versuch, die politischen Umbrüche mit den Wendungen im eigenen Leben zu verknüpfen. Besonders erhellend ist er nicht.

Die Mauer unterm Balkon

Vor allem dann, wenn man mehr erwartet, als den süffisanten Rückblick eines Hauptstadt-Medienmachers, der vom gepflegten Kleingarten am Schwielowsee aus sein früheres Leben als "taz"-Mitarbeiter und Mauerstreifen-Anwohner betrachtet. Der Räsoneur an märkischen Wassern: Wer denkt da nicht an den alten Stechlin im gleichnamigen Roman Theodor Fontanes. Doch von dessen Selbstironie ist Malzahn weit entfernt. Es sei denn, er verortet sie in den Erinnerungen an die Kellnerinnen im "Café Adler" am Checkpoint Charlie, die der Junge aus Niedersachsen seinerzeit anhimmelte. Zotigkeit wäre noch eine freundliche Umschreibung für diesen Stil.

Und doch: Bisweilen gelingt es dem langjährigen Reporter, das Leben im Altbau an der Heidelberger Straße in wirkungsvollen Skizzen von Menschen und Situationen zu verdichten. Es sind Szenen aus einem Alltag auf Augenhöhe mit dem östlichen Nachbarbezirk Treptow, als die Mauer direkt unterm Balkon Teil der vertrauten Umgebung war. Und als sich spießige Vopos vom Balkon aus von lauter Musik und nackt präsentierten Hinterteilen provozieren ließen. Indem Malzahn ihnen einen Schuss Fabulierkunst verpasst, werden aus einzelnen Momenten kleine Erzählungen mit teils berührenden Wendungen.

Umstrittenes Dreiviertel-Schloss

Allzu lange hält er sich mit derlei ästhetischen Ausprägungen der "sonnigen Sache" West-Berlin nicht auf. Mit fortschreitender Lektüre verstärkt sich der Eindruck, die Mauer- und Nachwende-Episoden dienten nur als Ouvertüre für den Appell des Autors an das, was er für Geschichtsbewusstsein und Bürgergeist hält und, von linksalternativen Einflüssen reingewaschen, knapp 20 Jahre nach der Wiedervereinigung vorzuleben meint. Ein hoher moralischer Anspruch schützt indes nicht vor Widersprüchen: Einerseits beklagt Malzahn zu viel Lust auf Party und zu wenig an Geschichte im Hauptstadtleben. Andererseits weidet er sich mit Sarkasmus am Abriss des Palastes der Republik, der durch ein umstrittenes Dreiviertel-Schloss von fragwürdiger historischer Authentizität ersetzt werden soll. So bleibt nach der Lektüre mehr als nur eine inhaltliche Zwiespältigkeit zurück.

Gelungene autobiografische Werke leben weniger von Eitelkeit als von einem gesunden Maß an Distanz gegenüber der eigenen Person, wenn nicht gar von Selbstkritik. Manch einer bedarf hierfür der Altersweisheit.

Claus Christian Malzahn: "Über Mauern: Warum das Leben im Schatten des Schutzwalls eine sonnige Sache war", 104 Seiten, Verlag Wjs, ISBN 978-3937989549, 14,90 Euro

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