vorwärts.de: Herr Beckmeyer, was für ein Auto fahren Sie?
Uwe Beckmeyer: Einen BMW, bei dessen Wahl ich besonders auf den Kraftstoffverbrauch, die Geräusch- und Schadstoffemissionen wie auch andere ökologische Kriterien bei Produktion,
Beschaffung, Logistik und Recycling geachtet habe. In seiner Fahrzeugklasse nimmt er dabei eine Spitzenposition ein.
Schätzungen zufolge werden im Jahr 2020 zwölf Prozent des europäischen PKW-Bestands einen Elektroantrieb haben. Welche Auswirkungen hat das auf die Verkehrsinfrastruktur?
Die entscheidende Voraussetzung für den Ausbau der Elektromobilität ist es, dafür zu sorgen, dass genügend Stationen für Ladestrom vorhanden sind, die einfach zu erreichen und zu bedienen
sind. Ob wir uns dabei an der bisherigen Form des Tankstellennetzes für konventionelle Antriebsstoffe orientieren werden oder neue Formen entwickeln müssen, ist derzeit aus meiner Sicht noch
offen. Die aktuell laufenden Modellversuche zeigen, dass das Laden der Batterie eines Elektrofahrzeugs am einfachsten während der Arbeitszeit auf dem Parkplatz des Arbeitsgebers, im öffentlichen
Parkhaus oder in der eigenen Garage erfolgen kann. Außerdem müssen wir die Schnittstellen zwischen dem Individualverkehr und dem Öffentlichen Personennahverkehr verbessern. Allein durch die
begrenzte Reichweite von Elektrofahrzeugen wird es wichtig sein, dass wir die beiden Bereiche auf intelligente Weise miteinander verknüpfen. Dazu gehört auch eine entsprechende Infrastruktur im
öffentlichen Raum.
Mit den neuen Autos verändert sich auch ihre Produktion. Welche Bedeutung hat das für die PKW-Industrie und die dort Beschäftigten?
Das batterieangetriebene Fahrzeug von morgen wird sich technisch bei vielen Komponenten von dem heutigen konventionell angetriebenen Verbrennungsfahrzeug unterscheiden. Allein der Wechsel
vom Verbrennungsmotor hin zu einer Batterie im Hochvoltbereich bedeutet einen kompletten Systemwechsel. Zentrale Komponenten des bisherigen Fahrzeuges wie das Getriebe werden in Zukunft
wegfallen. Anschlüsse, Verkabelungen, fahrzeuginterne Verbindungssysteme werden neuen technischen Ansprüchen gerecht werden müssen.
Wir müssen uns bewusst machen, dass mit der weiteren Entwicklung der Elektromobilität ein Strukturwandel der Automobilindustrie, der Zulieferer und anderer Industriezweige wie die chemische
Industrie verbunden sein wird, der in seinen Ausprägungen mindestens in Ansätzen mit dem Wandel im Bergbau wie auch in der Elektronik- und Unterhaltungsindustrie vergleichbar ist. Das hat
Auswirkungen auf Berufsbilder, Herstellungsprozesse und Wertschöpfungsketten.
Wir brauchen eine Weiterentwicklung von Ausbildung und Qualifizierung bei den automobilnahen Berufen in der Herstellung und Produktion ebenso wie im Bereich der Kfz- Werkstätten wie auch
der Prüf- und Zulassungsorganisationen, die die bisherigen Formen der Berufsbilder ergänzt.
Auf ihrem Elektromobilitätsgipfel Anfang Mai hat die Bundesregierung eine "Nationale Plattform Elektromobilität" gegründet. Sie soll Deutschland international zum Marktführer bei den
E-Fahrzeugen und den nötigen Zuliefertechniken zu machen. Ist das realistisch?
Deutschland muss massiv in Forschung und Entwicklung investieren, um in kurzer Frist marktfähige Elektrofahrzeuge herzustellen. Das ist die zentrale Aufgabe von Industrie und Wirtschaft.
Politik muss die Rahmenbedingungen dafür schaffen und kann durch flankierende Maßnahmen die Markteinführung begleiten.
Der von vielen Seiten erhoffte Schub, der vom so genannten Elektromobilitätsgipfel der Kanzlerin ausgehen sollte, scheint zunächst einmal ausgeblieben zu sein. Das zeigt nur, dass das
Kompetenzgerangel zwischen den Bundesministerien endlich aufhören muss und es einer breiten Einbindung aller betroffenen Verbände und Interessensgruppen in den weiteren Prozess bedarf. Das gilt
besonders auch für die Verbraucherinnen und Verbraucher sowie den großen Kreis der Umweltverbände, die seit langem an dem Thema arbeiten. Darüber hinaus muss die gemeinsame Geschäftsstelle
Elektromobilität der Bundesregierung gestärkt werden und darf nicht zu einer Veranstaltungsagentur verkommen. Die in der neu gegründeten "Nationalen Plattform Elektromobilität" eingesetzten
Arbeitsgruppen müssen jetzt zügig Ergebnisse vorlegen, die dann durch Politik und Wirtschaft umzusetzen sind.
Um die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten, müssen sich die führenden Autobauer in Deutschland den Herausforderungen stellen. Mit Blick auf die Konkurrenz aus Fernost gilt es,
Tempo zu machen. Ich vertraue dabei auf die Innovationsfähigkeit der deutschen Fahrzeugindustrie.
Zu Recht können die deutschen Autobauer darauf verweisen, dass sie für viele der wichtigsten Innovationen in der über 120-jährigen Geschichte des Automobils verantwortlich sind. Die
Entwicklung des Dieselmotors, die Geschichte der Fahrzeugelektrik und später -elektronik, vor allem aber auch die heute weltweit in allen Fahrzeugen verbauten Sicherheitstechniken wie ABS und der
Airbag wären ohne die Innovationskraft der deutschen Hersteller und Zulieferer undenkbar.
Auch die EU setzt auf saubere Autos. Ende April hat sie ihre Strategie veröffentlicht, von der sowohl die Umwelt als auch die Autoindustrie profitieren sollen. Kann das zusammen
funktionieren?
Davon bin ich fest überzeugt. Elektromobilität spielt eine zentrale Rolle auf dem Weg "weg vom Öl" und bei der Erreichung der gemeinsam auf europäischer Ebene beschlossenen
Klimaschutzziele. Die Zukunft der deutschen Automobilindustrie und ihrer Zulieferer kann nur im Kontext einer nachhaltigen Mobilitätsstrategie gedacht werden. Die Batterie- sowie die
Wasserstoff-/ Brennstoffzellentechnologie sind dabei Schlüsselelemente einer energieeffizienten Mobilität.
Die Herausforderung, Mobilität nachhaltig zu organisieren, macht es notwendig, dass wir neue innovative Ideen bei der Herstellung von Automobilen denken. Die deutschen Automobilindustrie
hat ihre Stärke in der Entwicklung von Innovationen. Das kann den deutschen Wirtschaftsstandort beleben und hilft im Ergebnis gleichzeitig der Umwelt.
Ziel ist ein extrem leises und nahezu CO2-freies Auto. Ist das möglich?
Die unter unserer Regierungsbeteiligung initiierten Modellregionen zeigen, dass Elektrofahrzeuge die Belastung von Städten und Ballungsräumen mit Schadstoffen, Feinstaub und Lärm verringern
und damit zur Steigerung der Lebensqualität beitragen. Insbesondere in Verbindung mit Strom aus erneuerbaren Energiequellen ermöglichen sie eine moderne, klimaverträgliche und ressourcenschonende
Mobilität. Fahrzeuge mit batterieelektrischen Antrieben weisen neben Brennstoffzellenfahrzeugen große Potenziale zur Verringerung der verkehrsbedingten CO2-Emissionen auf.
Gefragter als ein eigenes Auto sind vermehr neue Mobilitätskonzepte, die die Nutzung von Auto, Fahrrad, Bus und Bahn verbinden. Wie können die umgesetzt werden?
Auf deutschen Straßen fahren 42 Millionen Pkw. Ich gehe davon aus, dass das Automobil auch in den kommenden Jahren eine wichtige Rolle spielen wird. Richtig ist, dass - insbesondere in den
Städten - die jüngere Generation ein neues Verständnis von Mobilität entwickelt. Das Auto tritt dabei in seiner Bedeutung langsam in den Hintergrund.
Ich kann mir vorstellen, dass wir uns in der Zukunft besonders im städtischen Umfeld eher "Mobilität kaufen" werden als ein eigenes Fahrzeug. Der Besitz eines eigenen Pkw wird dabei weniger
Bedeutung haben als der einfache, barrierefreie Zugang zur Mobilität, d.h. die in der Nähe liegende Parkstation des Carsharing-Anbieters, die gut erreichbare und regelmäßig bediente
Bushaltestelle mit direktem Anschluss zum Fernverkehr etc.
Ich bin davon überzeugt, dass wir insgesamt eine neue Philosophie der Mobilität brauchen. Dazu benötigen wir einen gezielten Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs und der
entsprechenden Schnittstellen zum Individualverkehr. Dazu bedarf es der besonderen Förderung von Konzepten wie Carsharing und Fahrradverleihsystemen als auch mehr Park+ Ride-Parkplätzen.
Interview: Kai Doering







