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Hera Björk und ihr „gewisses Etwas“

Marc Schulte • 26. May 2010

Hera Björk. Foto: Martin Schmidtner
Hera Björk. Foto: Martin Schmidtner

vorwärts.de: Hera, Du kommst gerade aus der Mittagspause?

Hera Björk: Meine Schwester und ich waren gerade shoppen. Weil wir einfach viel zu warme Klamotten mitgebracht haben.

Erzähl uns ein wenig über die Story zu Deinem Video - das ist so humorvoll und witzig?

Danke, aber das Lob kann ich gar nicht annehmen. Es gebührt einer Choreografin, sie heißt Vera, sie hat das Skript geschrieben und war etwas nervös, ob ich es mögen würde und ob ich wirklich vom Brett springen würde. Aber ich fand es genial. Es war genau das, was ich wollte.
Das Video zeigt, wie ich so mein Leben lebe, arbeite, jeden Tag ins Schwimmbad gehe und dort jenen Typ sehe und meinen "Je Ne Sais Quoi-Moment" (dt.: Das gewisse Etwas) habe. Ich denke mir so "hmmmmmmmmm" und "ahhhhhhh!", aber er sieht mich einfach nicht an und nimmt keine Notiz von mir.
Darum gehe ich in die Umkleide und werfe mir dieses Kleid über, in dem er mich eigentlich nicht mehr übersehen kann. Es macht mich zur Diva. Ich schreite wieder ins Schwimmbad, wo er mich immer noch nicht sieht. Deshalb überlege ich, ob ich wohl vom Brett springen soll! Und ich tue es einfach, denn dann kann er nicht anders als mich zu retten. Er muss mich wahrnehmen. Und dann…? Wer weiß? Vielleicht werden die beiden einfach nur gute Freunde, oder sie werden Lover - wer weiß?! Das ist die Geschichte zu meinem Video.
Ich wollte was Spaßiges machen, nicht so ein typisches MTV-Video.

Ist ja auch ein ganz wunderbarer Kontrast zwischen Glamour und Tristesse. Wo habt Ihr das Video gedreht? Es sieht nicht wie die Blaue Lagune [ein Vulkanschwimmbad auf Island!] aus?

Es war in (überlegt, wie sie den Namen sagen soll und spricht es mit deutsch-dänischem Akzent aus) "den islandische Schwimmehall" in Reykjavik, in unserem ältesten Hallenbad.

Wir kennen Dich ja vom letzten Jahr, wo Du in Moskau als Background-Sängerin für den isländischen Beitrag gewesen bist. Und bei Deiner Pressekonferenz ging es ja auch um die isländische Sitte, dass mal die Background-Sängerinnen zu Solistinnen und ein anderes mal die Solisten zu Background-Sängern werden. Ihr scheint so eine richtig kleine Eurovisions-Familie zu sein. Ist es denn möglich, da noch Familienmitglied zu werden für jemand Neuen?

Ja, das ist so. Aber natürlich kann sich jeder anschließen. Das ist das schöne an der Eurovision: es ist eine offene Familie. Wenn Du den Eurovision-Spirit besitzt, kannst Du dabei sein!

Aber für mich ist das immer ganz unglaublich. Ich denke, Island hat etwa 250.000 Einwohner…

(Empörung spielend) Mehr als 300.000!

O je - entschuldige bitte. Aber das ist etwa so viel, wie unser Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf in Berlin hat. Mich erstaunt immer, wie viel musikalischer Einfallsreichtum und Talent von dieser kleinen Insel kommt! Was ist Euer Geheimnis?

Ich weiß es auch nicht so recht. Aber wir haben natürlich den Blick auf Amerika und Großbritannien und Europa, von wo wir sicher auch leicht beeinflusst werden. Und wenn man auf so einer Insel ist, hält man immer Ausschau: Wer oder was kommt als Nächstes? Was wird der neue Trend? Dagegen haben wir natürlich auch den Willen, unsere Identität zu bewahren, auf die wir sehr stolz sind. Es kann das Meer sein, der vulkanische Untergrund, woher wir unsere Energie beziehen!
Es ist sicher eine Kombination aus verschiedenen Dingen und ich selbst als Gesangslehrerin und Stimmbildnerin kann nur sagen, dass wir eben alles machen müssen auf Island, weil wir einfach nicht so viele sind und der Markt so klein ist. Und auch um überleben zu können. Du musst Klassischen Gesang beherrschen, Rock, Jazz, Blues, Chanson. Du musst auf Hochzeiten und Beerdigungen singen, auf Partys, in Konzerten. Einfach alles. Deine Stimme muss vielseitig sein und Du musst als Künstlerin mit vielen Situationen umgehen können.

Reicht Island überhaupt als Lebensgrundlage für eine Künstlerin? Du selbst bist, soweit ich weiß, auch oft in Dänemark? Auch beruflich?

Seit die Isländische Krone so schwach geworden ist, sind wir natürlich auch heilfroh, wenn wir Gigs bekommen, die in Euros bezahlt werden! Drum nehme ich alles an, was ich in Europa bekommen kann!
Wir Isländer sind das gewöhnt - kein Problem, in den Flieger zu springen und kurz mal die Insel für ein paar Tage zu verlassen und dann wieder zurückzukommen.

Wenn jemand nichts über Island weiß und dorthin ziehen willoder muss. Wie würdest Du ihn vorbereiten. Gibt es spezielle isländische Eigenschaften, die er kennen sollte?

Wir sind laut! Wir sind offenherzig. Wir lieben Leute, die zu uns kommen, weil wir stolz auf unser Land sind. Eigenschaften? Nein, eigentlich fällt mir da nichts ein. Dass jeder Englisch spricht zum Beispiel, dass jeder Websites hat und der Informationsaustausch gut funktioniert.

Wie wächst man auf Island auf? Verlassen viele die Insel, wenn sie erwachsen werden?

Es gehen sehr viele erst mal weg, vor allem nach Skandinavien zum Studium - aber sie kommen alle zurück.

Wir haben bei unserem Aufenthalt - und der war im Juli - auch nie die Sonne gesehen. Wir müssen das einfach fragen: Gibt es Sonne auf Island?

Jaaaaa! Wann seid Ihr denn da gewesen?

Es war im Juli 2005?

Ah, der berühmte Juli. Da war das. Da reden wir immer noch drüber! (lacht herzlich). Nein ernsthaft: wir haben oft mal Schlechtwetter-Phasen, aber auch wieder fantastisches Wetter.

Eure Eurovision-Titel sind eigentlich immer gut gelaunt, immer fröhlich, im Vergleich mit finnischen Titeln zum Beispiel - da gab es jahrelang traurige Lieder und alle dachten sich: Na klar - die Finnen! Lange Winter, viel Melancholie! Das ist auf Island doch eigentlich auch so, aber Ihr hattet immer sehr lebendige Titel. Seid Ihr optimistischer?

Ja, das sind wir. Im Sommer sind es 24 Stunden Sonnenschein, im Winter 24 Stunden Dunkelheit, da haben wir dann eine riesige Menge an Kerzen und Lichterketten überall - wir müssen einfach optimistisch sein. Also zumindest ich und meine Familie - wir sind wirklich von Grund auf optimistisch, manchmal vielleicht sogar einen Tick zu sehr optimistisch!

Ist der ESC denn immer noch ein wichtiges Thema auf Island? Besteht immer noch großes Interesse?

Allerdings! Wenn Du am 29. Mai auf Island bist, in Reykjavik oder irgendeiner anderen Stadt, dann wirst Du definitiv kein einziges Auto auf den Straßen sehen. Ja, wirklich! Kein einziges Auto! Alle schauen es sich irgendwo an. Es ist wirklich erstaunlich. Da gibt es immer einen Typen vom Fernsehen, der macht eine Reportage und steht in einer menschenleeren Stadt und fragt: "Wo sind die denn alle?"
Es gibt natürlich Leute, die sagen: "Ich schau mir das nicht an." Aber Du kannst sicher sein, dass die auch im stillen Kämmerchen sitzen, alles verrammeln und es sich ansehen. Es schauen sich einfach alle an!

Bist Du denn jetzt in diesem Jahr der Superstar und die Nummer Eins auf Island? Wie ist das, wenn Du durch die Stadt gehst?

Natürlich! Wenn Du Island beim ESC vertrittst, dann kennen Dich alle - Dein ganzes Leben, von der Wiege bis zur Bahre! Das war die größte Veränderung für mich in diesem Jahr. Klar kannten mich auch vorher viele, so die Altersklasse von 25 bis 45 , 50 hat mich schon immer gekannt, aber jetzt reißt auch das kleine Kind im Supermarkt die Augen auf und ruft: "Da, schau mal, das ist Hera!!!"
Natürlich ist es auch so, dass Stars kommen und gehen. Man kann danach auch wieder tief fallen. Wir sind ja als Künstler nur ein Produkt und die Lebenszeit eines Produkts ist nicht wirklich hoch auf Island und drum muss man aufpassen, es nicht zu übertreiben, damit Dich die Leute nicht überdrüssig werden. Es ist heikel, wenn man so weitermacht danach und bettelt: "Bitte, bucht mich!"
Nach dem Song Contest brauchen die Leute einfach wieder eine Pause, da die ganze Zeit der Rummel um Dich so groß war. Drum ziehen sich unsere Eurovision-Stars erst mal ein paar Monate zurück, um dann erst zurückkommen!

Dein Konzert letztes Jahr im November in Köln [Clubtreffen des Eurovision Club Germany] war fantastisch!

Oh, danke!

Wir haben uns über Deine selbstironische Art sehr amüsiert, wie Du immer wieder mit dem Textzettel hantiert hast, um keinen Texthänger zu haben. Was ist jetzt Dein Rezept, damit Dir das hier nicht passieren kann?

Na ja, das geht natürlich nicht! Das wird dann zum Problem, wenn ich anfange, drüber nachzudenken. Deshalb schalte ich, wenn ich auf die Bühne gehe, einfach auf Autopiloten. Mein mechanisches Gedächtnis muss es abspielen, meine Zunge auch und meine Hände und Füße wissen von selbst, wo sie hinmüssen. Wenn ich mir da im Wege stehe, dann hab ich's verschissen. Drum trainiere ich, mir da nicht selbst im Wege zu stehen.
Wenn ich natürlich Lieder bringen muss, die ich gerade erst gelernt habe, dann ist es gut, eine Sicherheit zu haben - also zum Beispiel Textzettel in 32er Lettern. Und natürlich baut man sich dann Hilfen ein - ich notiere mir das erste Wort einer Strophe und dann geht es auch von selbst weiter.
Aber das Konzert in Köln war auch für mich absolut großartig.

Ist Hera Björk eigentlich ein Künstlername?

Oh?! Nein, es ist tatsächlich mein richtiger Name - seit meiner Geburt!

Wir hätten etwas mit - dottir erwartet?

Ich heiße Þórhallsdóttir. [Der Anfang des Wortes wird wie das englische th ausgesprochen] Hera Björk ist mein Vorname und zweiter Vorname, den dritten Teil habe ich weggelassen. Nur in dem Sinne ist es ein Künstlername.

Danke, da haben wir was gelernt. Noch eine Frage zum Thema Aussprache. Kannst Du uns verraten, wie jener Vulkan heißt, den unsere Reporter immer falsch aussprechen?

Eiafjöllökut [sie spricht die letzte Silbe mit einer am Gaumen gestoppten Mischung aus t und einem ch-Laut, der sich wie ein unterdrücktes Niesen anhört]

So haben wir das in unseren Nachrichten nie gehört!

Manche Journalisten machen das schon recht drollig. Ich mag den amerikanischen Sprecher, der einfach irgendwann gesagt hat: "Vulcano - I call you Kevin!" - Und er nannte ihn dann nur noch Kevin - das hat mir gefallen.

Bei der Pressekonferenz hast Du erzählt, dass Du eigentlich noch nicht nervös bist?

Ja, es gibt keinen Grund, nervös zu sein: die Techniker hier sind spitzenklasse, meine Background-Sänger und -sängerinnen ebenso. Ich muss nur ruhig bleiben - dann wird alles klappen!

Bereits Deine allererste Probe hier lief ja auch so rund - für uns sah alles absolut perfekt aus!

Ja, aber worauf ich mich wirklich freue ist, Euch alle vor mir in den ersten Reihen zu sehen - wir haben einen Blick auf Euch während des Liedes und ich will Euch alle fröhlich und Flaggen schwenkend sehen!

Werden wir! Danke, Hera, für das Interview und alles Gute!

Das Gespräch wurde von Martin Schmidtner und Marc Schulte bereits am vergangenen Samstag, noch vor dem Semifinale,
in Englisch geführt.

Bekannt wurde Hera Björk, Jahrgang 1972, als Co-Gastgeberin einer populären Fernsehshow auf Island. Sie ist Stimm- und Gesangslehrerin und natürlich Sängerin. Im Rahmen des Eurovision Song Contests trat sie erstmalig 1999 in Erscheinung - wenn auch "nur" als Tänzerin im Video zum damaligen isländischen Beitrag "Whose Line Is It Anyway?". Auf dem Album "Medúlla" ihrer berühmten Namensvetterin Björk ist ihre Stimme auch verewigt - zuletzt war sie im vergangenen Jahr Background-Sängerin für Island in Moskau.

Geschrieben hat sie das Lied mit Örlygur Smári, der auch am isländischen Titel "This Is My Life" von 2008 mitarbeitete. Hera Björk ist am Dienstag beim Eurovision Song Contest in Oslo mit dem Lied "Je Ne Sais Quoi" (Das gewisse Etwas) für Island gestartet. Hera hat eines der 10 Tickets aus dem ersten Semifinale für das Finale erhalten und startet auf der Position 16 am Samstag.

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