Klischees warten beharrlich auf ihre Bestätigung. Und manchmal sitzen sie, mittags bereits ihr drittes Bier trinkend, neben einem am Tresen. Es waren meine ersten Gehversuche im Ruhrgebiet, die mich direkt ins Café De Prins führten. Es hieß, ich könne hier auf Spurenelemente studentischen Lebens in Essen treffen.
tattdessen traf ich Günni. Günni war der erste Mensch im Ruhrgebiet, der einen vollständigen Satz an mich richtete, und der lautete: "Was willst du Penner überhaupt!?" Natürlich hatte ich mir
ein Bild von der Region gemacht - noch bevor ich sie mit eigenen Augen gesehen hatte. Mein Reiseführer hatte mir die Warnung mit auf den Weg gegeben, dass der Ruhri seine deftige Sprache pflegt
wie der Bergmann seine Zuchttauben. Dass mich
jedoch ein älterer Herr namens Günni derart anraunzt, nur weil ich ihm höflich das Geld hinhalte, das ihm beim Bezahlen aus der Tasche gefallen ist, diese Situation übertraf meine
exotischsten Vorstellungen.
Geld für Günnis Zylinder
Möglicherweise bewahrten mich meine angelesenen Vorurteile vor einer posttraumatischen Belastungsstörung. Monate später erfuhr ich jedenfalls, dass Günni in Wahrheit Günter Semmler hieß und als eine Art inoffizielles Stadtmaskottchen fungierte, als "Original". Und zwar als eines, das Nacht für Nacht durch die Kaschemmen zog, um die Gäste mit seinem "Container-Lied" auf dem Akkordeon zu malträtieren. Warf man Geld in Günnis Zylinder, hörte er zu singen auf.
Über das Ruhrgebiet sprechen heißt auf Klischee-Klippen zusteuern; es geht dabei stets um Industrieromantik, um Abziehbilder, die solange auf der Netzhaut kleben, bis sie selbst nach dem Abziehen Bilder hinterlassen. Derzeit versucht sich die Region, mit Essen als Bannerträger vorneweg, in der Rolle der Europäischen Kulturhauptstadt. Die Macher der RUHR.2010 mühen sich, neue Bilder in die Welt zu schicken.
Es sollen Motive sein, die den klischierten Vorstellungen vom Kohlenpott widersprechen. Das Ruhrgebiet hat längst sein blaues Wunder erlebt: Die Schornsteine sind aus den Stadtzentren verschwunden, aus verwaisten Gasometern, Hüttenwerken und Maschinenhallen sind Konsum- und Musicaltempel geworden. Doch so ein erzwungener Strukturwandel ist nicht immer unterhaltsam. Das Streichkonzert der Kämmerer in den hochverschuldeten Kommunen ist es auch nicht - vor allem nicht, wenn ihm etwa in Essen gleich drei bundesweit gefeierte Häuser wie die Aalto-Oper, die Philharmonie und das Grillo-Theater zum Opfer fallen. Und wer in Berlin aus dem ICE steigt, merkt schon auf dem Weg zum Ausgang des Bahnhofs den Unterschied zwischen Hauptstadtkultur und Kulturhauptstadt.
Als im Zuge der Industrialisierung und dann des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg so viele Arbeiter aus dem In- und Ausland kamen, bildete stets Arbeit die identitätsstiftende Kraft. Später kam der Fußball hinzu, der bis heute Identitäten in der Region kleinteilig organisiert und abbildet. "Man war in erster Linie Kruppianer und dann Pole oder Deutscher", behauptet ein Nachbar von mir, der im Alter schon mal sein sprachliches Feingefühl verliert und beim großen Passantengewusel an verkaufsoffenen Sonntagen von einem "Polackenrennen" spricht. Dieses Durcheinander der Herkünfte provoziert auf individueller Ebene eine relative Unbefangenheit im Umgang mit Hinzugezogenen - selbst wenn sie wie ich einen doppelten Migrationshintergrund mitbringen: Meine Eltern stammen aus Griechenland, ich selbst aus dem Rhein-Main-Gebiet. Einige Zeit habe ich sogar in Köln studiert. Erst die Liebe zu meiner Frau brachte mich ins Ruhrgebiet.
Am Mythos arbeiten
Bewusst oder unbewusst - irgendeiner bastelt im Ruhrgebiet immer an Identität. Dieses Arbeiten am eigenen Mythos, am Selbst-Verständnis, hat den Lokalpatriotismus der Ruhris so durchlässig
gemacht, dass sie selbst darüber lachen können. Der Bochumer Kabarettist Frank Goosen etwa verkauft seine Liebeserklärung an die Region "Woanders ist auch scheiße!" im Kulturhauptstadtjahr auf
T-Shirts gedruckt. In Köln, wo kein Narr über sich selbst lachen kann, müsste er dafür wegen Hochverrats mit diesen Leibchen einsturzgefährdete, undichte
U-Bahn-Baustellen trocken tupfen und dabei "Dat Wasser von Kölle is jut" singen.
Bisweilen wartet man jedoch vergeblich, dass sich Klischees bestätigen. Das gilt übrigens auch für Stereotype wie die vom ruppigen, aber offenherzigen Revierkumpel. Wenn mir das Warten in solchen Fällen zu lang dauert, erinnere ich mich gern an den Titel einer Ausstellung mehrerer Fotokünstler im Folkwang-Museum vor 23 Jahren. "Endlich so wie überall?" war die Schau mit dokumentarischen Fotografien aus dem Alltag der Menschen im Ruhrgebiet der 80er-Jahre überschrieben. Im Vorwort des dazugehörigen Katalogs notiert Paul Vogt: "… das Bekannte, die Klischees werden vorausgesetzt."
Oder ich denke an Günni. Als der Bänkelsänger 2004 mit 73 Jahren und einsam in seiner Essener Wohnung starb, spendeten Künstler der Stadt dem "Ruhrgebietsthekenschreck mit der Quetschkommode"
ein Denkmal aus Bronze. Es steht noch heute, ganz in der Nähe des Cafés De Prins. In einem Biergarten.
Nikolaos Georgakis ist Journalist, in Essen verwurzelt und beschreibt sich als "Ruhri mit doppeltem Migrationshintergrund" - griechische Eltern, in Hessen geboren. Bekannt wurde er 2007 mit
der NRZ-Serie "Heiraten für Anfänger".







