Innerhalb eines halben Jahres, mit diesem Beispiel eröffnet der renommierte Autor der Pädagogik sein neues Buch, haben in Malmö acht aus dem ganzen Land angereiste (also fremde) Lehrer es vollbracht, eine vollkommen desolate Abschlussklasse auf die Landesbestenliste zu katapultieren. Ihr Rezept: Zugewandtheit, Respekt, Anspruch und Autorität.
Ähnliches habe er von den amerikanischen Kipp-Schulen (knowlege is power programm) in den USA gehört. Dort lernen sogenannte Unterschichtenkinder unter strengen Schulregeln. Von ihnen wird viel verlangt. Doch das Ergebnis kann sich sehen lassen: Sie bestehen standardisierte Tests doppelt so häufig als im Landesdurchschnitt üblich. Woran liegt das? Ganz offensichtlich an den Lehrern, die in beiden Fällen viel forderten, aber auch viel gaben. So konnten die Schüler sich jederzeit an ihre Lehrkräfte wenden, rund um die Uhr, sieben Tage in der Woche.
Was fehlt ist pädagogische Praxis
Michael Felten ist sich sicher, dass Schulerfolg und Chancengleichheit wesentlich von der Qualität des Unterrichts abhängen. Und die wiederum zuallererst vom Lehrer. Das menschliche Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern betrachtet er als "den unterschätzten Kern alles Lernens". Den Kindern würden Führungsfreude, Methodenklarheit und Einfühlsamkeit bei ihren Lehrern gut tun. Das brächte mehr voran als die x-te Evaluation. Was nutzten gewichtige Förderkonzepte, wenn die pädagogische Praxis dahinter fehlt?
Felten empfiehlt steuernde und fordernde Unterrichtsmethoden. Das Verständnis von Lernbarrieren und Verhaltensauffälligkeiten müsse für jeden Lehrer Grundlage seiner Arbeit sein. Dahinter stehe psychologisches Verstehen. Die heute übliche modische Individualisierung hingegen bedeute letztlich eine "neoliberale Degeneration des Pädagogischen". Der Lehrer müsse in der Lage sein, methodische Abwegigkeiten selbstbewusst zu beurteilen. Dann kann er seinen eigenen Weg zu mehr Unterrichtsqualität finden, der zugleich auch der zu seinen Schülern ist.
Ein Hohelied auf die Lehrer
Irgendwann, so Felten, habe eine Jungredakteur einer Tageszeitung beschrieben, warum er keineswegs den Lehrerberuf ergreifen wollte: "Teenager, die auf alles Lust hätten, nur nicht aufs Lernen; Eltern, die bei schlechten Noten gleich mit dem Anwalt anrücken, ansonsten aber umfangreiche Nacherziehung erwarteten; eine Schulbehörde, die anspruchsvolle Lernziele in weniger Zeit mit volleren Klassen zu erreichen vorgebe. Und dann noch die geringe gesellschaftliche Akzeptanz..."
Der gute Mann habe zur Hälfte Recht, räumt der Autor ein: "Lehrer sein ist verdammt harte Arbeit. Aber auch eine sehr schöne." Ungeachtet aller Sorgen, Ungewissheiten und Mühen verschaffe der Beruf ihm aber auch eine "eigentümliche Form von Erfüllung" und "innere Befriedigung". Er spricht vom "Glücksangebot, das zwischenmenschliche Nähe und Fürsorge beinhalten". Schon Platon habe vom pädagogischen Eros gesprochen.
Und schon stimmt er sein Hohelied auf die Lehrer an: "Sind Lehrer nicht Menschenbildner - Künstler, die trotz aller Lehrpläne in recht unabhängiger Weise Lebendiges (mit)gestalten? Sind sie nicht Brückenbauer zwischen Generationen, Schichten, Zeiten? Schlagen sie nicht immer wieder Verbindungen zwischen Bereits-Erwachsenen und Noch-Heranwachsenden - zwischen denen, die schon wissend sind, aber bereits erstarren, und denen, die noch für so vieles offen sind, aber auch so vieles brauchen?" Schöner kann man es kaum sagen!
Wichtig ist die öffentliche Anerkennung
Allerdings bezeichnet Felten Zufriedenheit und Wirksamkeitsempfinden als "labile Begleiter des Lehrers". Schließlich säe, jäte und dünge er das pädagogische Feld Stunde um Stunde und Jahr um Jahr. Ob die Saat aufgeht, zeige sich jedoch meist erst viel später: "bei der nächsten Klassenarbeit, bei einem gelungenen Schulabschluss, vielleicht gar jenseits der Schule, im richtigen Leben." Deshalb sei die öffentliche Anerkennung für den Lehrer so wichtig, nicht nur die bei schulischen Höhepunktensondern die alltägliche.
Vielleicht kann genau solche Anerkennung, die es anderenorts schon längst gibt, auch für deutsche Kultusministerien der erste Schritt sein, eine Rückkehr der Pädagogik in die Schulen zu initiieren. Denn auf die Lehrer kommt es an. Michael Felten macht es eindringlich deutlich und gibt noch dazu praktische Tipps für den Schulalltag.
Michael Felten: "Auf die Lehrer kommt es an. Für eine Rückkehr der Pädagogik in die Schule", Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2010, 191 Seiten, 16, 95 Euro, ISBN 978-3-579-06882-4







