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Icon   Ingeborg Bachmann: "Kriegstagebuch"

Von Befreiung und Überleben

Birgit Güll • 08. May 2010

Suhrkamp Verlag
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Vom Frieden merkt man nicht viel, sagen alle, aber für mich ist Frieden, Frieden! ... Ich werde studieren, arbeiten, schreiben!", so Bachmann. Um der Panzerfaustausbildung in Polen zu entgehen, besuchte die wissensdurstige junge Frau 1944 statt der Universität die "verhasste Lehrerbildungsanstalt". Sie erlebte die repressive NS-Erziehung und versuchte sich ihr zu entziehen. Bis zur Befreiung durch britische Truppen, die Kärnten als Erste erreichten.

"... dass er mir kein Wort glauben würde"

Im Büro der Field Security Section (FSS) trifft Ingeborg Bachmann 1945 den britischen Soldaten Jack Hamesh: "klein und eher hässlich, Augengläser, spricht fliessend deutsch mit einem Wiener Akzent", notiert sie zu der ersten Begegnung. Und beschreibt, wie sie rot wird "vor Verzweiflung", als er sie auf den "Bund deutscher Mädel" anspricht. Zwar wurde sie mit 14 nicht übernommen und vereidigt, doch die Rechtfertigung bleibt ihr im Halse stecken: "Ich habe mir gedacht, dass ihm wahrscheinlich alle Leute erzählen, dass sie nie dabeigewesen sind und nur gezwungen worden sind, und ich habe auch sofort gedacht, dass er mir kein Wort glauben würde."

Schuld und Scham beschäftigen Ingeborg Bachmann früh. Ihr Vater, ein Lehrer, war NSDAP-Mitglied. Die junge Frau weiß, wer die "wildesten Nazis" in der Familie waren. Ihre Auseinandersetzung mit dem Faschismus wird durch den 25-jährigen Jack Hamesh befeuert, nachdem ein Gespräch über Bücher bei einem weiteren Treffen ganz unverhofft Nähe zwischen den beiden schuf. Bachmann hat die von den Nationalsozialisten verbotene Literatur gelesen: "Ich war so glücklich, er kennt alles und er hat mir gesagt, er hätte nie gedacht, dass er ein junges Mädchen finden würde in Österreich, das trotz der Nazierziehung das gelesen hat."

"... jetzt erst recht"

Bald findet Bachmann die Erklärung für den Wiener Akzent des Soldaten, den sie schon beim ersten Treffen bemerkt hatte: Jack Hamesh ist ein österreichischer Jude. 1938 konnte er sich mit einem Kindertransport nach England retten. Ihr Umgang "mit dem Juden" erregt die Aufmerksamkeit der Nachbarn. Bachmann ist erzürnt: "Ich werde mit ihm zehnmal auf und ab durch Vellach und durch Hermagor gehen, und wenn alles Kopf steht, jetzt erst recht." Die beiden sprechen über "Weltanschauung und Geschichte", lesen Werke wie Marx' "Kapital".

Doch eine Zukunft mit Hamesh plant die junge Frau nicht: "Natürlich will ich fort, aber damit ich studieren kann, und ich will überhaupt nicht heiraten", schreibt die 18-jährige Ingeborg Bachmann in ihr Tagebuch. Die angehende Dichterin zieht nach Wien und studiert Philosophie, während Jack Hamesh nach Palästina geht. Er schreibt Briefe, die Bachmanns "Kriegstagebuch" perfekt ergänzen. Bei diesem handelt es sich wohl um Auszüge. Herausgeber Hans Höller geht davon aus, dass die Schriftstellerin sie für die Arbeit an ihrem "Todesarten"-Romanprojekt nutzte. In seinem erhellenden Nachwort weist er Spuren im Werk nach.

"... die überlebenden Juden"

Hameshs Post aus Palästina erzählt von den schwierigen Anfängen des Landes und von den Hoffnungen in einen Staat Israel: " ... solange sich die übrigen Völker nicht von Judenhass abkehren können ist es hier der einzige Ort wo die überlebenden Juden in Europa Zuflucht und neues Leben finden können." Seine elf Briefe aus den Jahren 1946/47 zeugen von Zuneigung. "Nur eines tut mir immer noch weh! Du sagtest kein einziges Wort vom Wiedersehen". Enttäuscht schreibt er: "... und schreibe mir bitte nicht mehr dass das Freisein glücklich macht." Bachmanns Antworten, aus denen er bisweilen zitiert, sind verschollen. Auch von Jack Hamesh selbst gibt es bisher keine Spur.

Sein letzter Brief geht im Sommer 1947 an Ingeborg Bachmann. Knapp ein Jahr später wird sie den Dichter Paul Celan treffen. Ihn, den überlebenden Juden aus Czernowitz und die Schriftstellerin wird eine lebenslange (Liebes-)Beziehung verbinden, in der die Auseinandersetzung mit der Shoah eine zentrale Rolle spielt. Der Briefwechsel zwischen den beiden Ausnahmedichtern, "Herzzeit", erschien 2008. Nun liegt mit dem liebevoll edierten "Kriegstagebuch" ein weiteres zentrales Dokument zu Ingeborg Bachmann vor.

Ingeborg Bachmann: "Kriegstagebuch" Mit Briefen von Jack Hamesh an Ingeborg Bachmann, Herausgegeben und mit einem Nachwort von Hans Höller, Suhrkamp Verlag, Berlin, 2010, 108 Seiten, 15,80 Euro, ISBN 978-3-518-42145-1

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