18 Millionen Einwohner, 22 Prozent der Anteil an der deutschen Wirtschaftsleistung: NRW ist das einwohner- und wirtschaftsstärkste Bundesland in Deutschland. Und es hat Geschichte gemacht - "als soziales Gewissen Deutschlands, als Land der Arbeit und der Mitbestimmung, als Land des Strukturwandels und der Industriekultur, als Land des rheinischen Kapitalismus und der ökologischen Modernisierung der Wirtschaft, als Stammland der deutschen Sozialdemokratie und Hochburg des Sozialkatholizismus". So schreiben es Stefan Goch und Karsten Rudolph in ihrem Buch "Wandel hat eine Heimat".
Auf 340 Seiten haben die beiden Wissenschaftler - Rudolph ist außerdem NRW-Landtagsabgeordneter für die SPD - spannende Beiträge zusammengetragen, die beschreiben, was NRW zu dem macht was es heute ist. Der Bogen, reicht von der historischen Identitätsbildung, über die roten Bürgermeister, den langjährigen Ministerpräsidenten Johannes Rau bis zu den Themen neue Mitte und Migration.
Die große Leistung von Johannes Rau
"Wenn es im Ruhrgebiet anders als in anderen altindustriellen Gebieten Europas nicht zur Verslummung oder Verödung kam, so war dies wesentlich auf die aktive Strukturpolitik der Landesregierung unter Führung Johannes Raus zurückzuführen", würdigt Bernd Faulenbach die Leistungen des langjährigen SPD-Ministerpräsidenten in seinem Beitrag. Der Professor an der Ruhr-Universität Bochum und Vorsitzende der Historischen Kommission beim SPD-Parteivorstand beschreibt, wie es Johannes Rau gelang, das Land voranzubringen und in einer Zeit des extremen wirtschaftlichen und sozialen Wandels zusammenzuhalten. "Kennzeichnend für Raus Politik auf der Landesebene war der kontinuierliche Versuch, einen möglichst breiten Konsens in landespolitischen Fragen zu erreichen", so Faulenbach.
Sehr lesenswert auch der Beitrag von Klaus Tenfelde über die "neue soziale Mitte" im Revier. Noch bis in die 60er Jahre galten die "Alten Welten": Berufe wurden vererbt, ebenso wie weibliche Berufslosigkeit. Die Bildungsschicht wurde importiert, denn die Kinder von Arbeitern sollten wieder Arbeiter werden. Ein Jahrzehnt später hieß es: "Vati im Pütt, Tochter an der Uni, und das war jetzt die einzige Tochter." Es ist der Anfang einer bürgerlichen Mittelschicht, der Anfang eines Wandel auch, den die Politik zu spüren bekam. Auch das ist klug analysiert in diesem Buch nachzulesen.
Kampf gegen den Abriss
Wer angesichts der oft SPD-nahen Autoren vor allem Lobhudeleien erwartet, wird überrascht sein. In einem spannenden Beitrag erzählen Frank Dittmeyer und Thomas Henke vom Kampf gegen den Abriss der Siedlung "Neu Oberhausen". Die grauen Häuschen aus der Vorkriegszeit mit Blick aufs Stahlwerk - der breiten Öffentlichkeit aus dem Film "Das Wunder von Bern" bekannt - passten nicht in die optimistische Zukunftssicht der SPD-Planer.
Die Häuser sollten abgerissen werden. Stattdessen sah der "Entwicklungsprogramm Ruhr" 70 Hochhaussiedlungen nach dem Motto "sicher, trocken und warm" vor, schreiben Dittmeyer und Henke. Zum Glück wurde nichts draus. Die Häuser wurden besetzt, eine "Mischung aus Subkultur, Illegalität und politischem Kampf" war entstanden, an dessen Ende die Gründung einer Genossenschaft stand. Ihr gelang es, die Häuser vom Eigentümer Thyssen zu erwerben und kurz vor Toreschluss sogar noch eine Beteiligung an der Internationalen Bauausstellung Emscher Park durchzusetzen: statt IBA-von-oben eine IBA-von-unten. Allein schon wegen dieser Geschichte ist das Buch lesenswert.
Stefan Goch, Karsten Rudolph (Hg.): "Wandel hat eine Heimat. Nordrhein-Westfalen in Geschichte und Gegenwart", assoverlag Oberhausen 2010, 339 Seiten, 29,90 Euro, ISBN: 978-3938834428







