In ihrem Beitrag zur ver.di-Vortragsreihe "sicht.weisen" erläuterte Solga, Bildungsarmut betreffe nicht nur jene 7,9 Prozent der Bevölkerung, die überhaupt keinen Schulabschluss erwerben,
sondern sie betreffe schon einen großen Teil der Hauptschüler. 79 Prozent von ihnen finden keinen regulären Ausbildungsplatz. Jeder zweite von ihnen lande nach der Schule in einer
Übergangsmaßnahme, andere versuchten, sich schulisch weiterzubilden. Die PISA-Studie habe auch nachgewiesen, dass mehr als zwanzig Prozent der deutschen Schüler nur die unterste Kompetenzstufe
erreichten, wenn es um ihre Lesefähigkeit gehe. Die Studie klassifiziert sie als "funktionale Analphabeten".
Risikofaktoren für schulisches Versagen seien weiterhin Bildungsferne der Eltern, Migrationshintergrund und eine hohe Anzahl von Geschwistern. So scheitern Kinder von Eltern mit
Hauptschulabschluss zu zwanzig Prozent an den schulischen Anforderungen und gehen ohne Abschluss von der Schule ab. Jedes dritte Migrantenkind hat auch drei Jahre nach dem Verlassen der Schule
noch keinen Job gefunden, bei der Gesamtkohorte trifft das nur auf zehn Prozent zu.
Chancengleichheit reicht nicht aus
Die Benachteiligung bestimmter Gruppen verfestige sich dann von der Schule über die Ausbildung bis ins Berufsleben. Dieser Zusammenhang sei in keinem Land so stark ausgeprägt wie in
Deutschland. Solga hält die Forderung nach Chancengleichheit für ungenügend. So werde die soziale Auslese nur durch eine genetische ersetzt. Selbst bei annäherungsweise erlangter
Chancengleichheit könnten sich nur die Geschicktesten und Klügsten durchsetzen. Die anderen würden weiterhin von Lebenschancen ausgeschlossen. Stattdessen müsse eine Verringerung der
Bildungsarmut angestrebt werden. Es sei eine gesellschaftlich Notwendigkeit, angesichts sinkender Geburtenraten die Potentiale des gesamten Nachwuchses auszuschöpfen und nicht nur die einiger
Privilegierter. Zu den Maßnahmen, die Solga vorschlägt, gehört die Einführung der Ganztagsschule mit intensiver individueller Betreuung. Dabei müssten die Lehrer von Sozialpädagogen unterstützt
werden, um Defizite, die in den Familien entstanden sind, zu kompensieren.







