Zur Eröffnung sprach Christian Hönisch. Die Zwangsehe, so der Referent vom Bundesfamilienministerium, sei nicht nur zivil- und strafrechtlich zu verfolgen, sie verletze auch die Menschenwürde
und stelle zentrale Werte des Grundgesetzes wie das der Gleichberechtigung und der selbstbestimmten Lebensführung in Frage. Um die Diskussion zu versachlichen, habe sein Ministerium eine Studie
in Auftrag gegeben, die das bestehende Material ergänzen soll. Die Bundesregierung habe im Koalitionsvertrag vereinbart, Zwangsheirat als eigenen Straftatbestand ins Strafgesetzbuch aufzunehmen.
Es werde auch darüber nachgedacht, die Rückkehrmöglichkeiten für Frauen, die zur Zwangsehe ins Ausland verschleppt wurden, zu erleichtern.
Über die Hintergründe des Phänomens Ehrenmord klärte zu Tagungsbeginn Corinna Ter-Nedden vom Frauenhilfszentrum Papatya aus Berlin auf. Sie hat einige der hilfesuchenden Frauen gebeten, ihr
zu beschreiben, was Ehre sei. "Ehre ist, was man zwischen den Beinen hat", bekam sie zur Antwort. Das Besondere am Ehrbegriff der vornehmlich türkischen Betroffenen sei, dass er sich auf die
ganze Familie erstrecke, dass also eine Verletzung des Verhaltenskodex das Ansehen aller in Mitleidenschaft ziehe. Ter-Nedden sagte: "Das ist ganz so, als ob der Abiturschnitt meines Bruders
darüber entscheidet, ob ich studieren darf." Zum Ehrbegriff gehöre der Gehorsam in der Familie. Der Sohn dürfe etwa nicht in Anwesenheit seines Vaters rauchen. Das Verbot richte sich aber nicht
gegen das Rauchen an sich, sondern diene allein dazu, die Hierarchie in der Familie zu demonstrieren.
"Soziale Jungfräulichkeit"
Ganz analog werde der Verlust der Jungfräulichkeit als Akt des Ungehorsams verstanden und beschäme den Vater, dessen Autorität beschädigt werde. Eine Bedrohung, so Ter-Nedden weiter, stelle
schon der Verlust der "sozialen Jungfräulichkeit" dar, also der durch das Umfeld wahrgenommenen Unschuld. Wenn ein Mädchen etwa mit einem Mann gesehen werde oder in aufreizender Kleidung ausgehe,
werde ihr Ehrverletzung unterstellt, ganz unabhängig davon, ob das zutreffe oder nicht.
Ter-Nedden berichtet von einem Mann, der wegen Ehrenmordes im Gefängnis saß und dort von einer französischen Journalistin befragt worden sei. Der habe seine Auffassung veranschaulicht, in
dem er sagte, ein Vater, der seine Tochter nach draußen gehen lasse, sei wie ein Mann, der ein Stück Lammkeule vor die Haustür lege, obwohl er wisse, dass dort Wölfe lauern. Nicht der Wolf,
sondern der Mann sei Schuld, wenn die Lammkeule gefressen werde.
Das strikte Beharren auf diesen Moralvorstellungen sei auch ein Versuch der Migranten, sich von der Mehrheitsgesellschaft abzugrenzen. Geringere Lebenschancen, mit denen sich die Migranten
konfrontiert sähen, versuchten sie mit der Inanspruchnahme moralischer Überlegenheit zu kompensieren.
"Sag nein, es ist dein Recht"
Latifa Drif, von "Planning Familiale", dem französischen Pendant zur deutschen Organisation Pro Familia, berichtet, es habe um das Jahr 2000 eine regelrechte Epedemie von Anfragen zum Thema
Zwangsehe gegeben. Daraufhin habe man eine E-Mail-Adresse, eine Internetseite und eine Telefonnummer eingerichtet, die sich speziell mit dem Thema befasse. Man habe Personal geschult und
Handreichungen für Betreuer entwickelt. Die wichtigste Aufgabe sei es häufig, die Hilfesuchenden aus ihren Familien zu holen und bei Gastfamilien unterzubringen. In einem zweiten Schritt werde
ihnen Unterstützung bei Behördengängen gewährt, in finanziellen Notlagen ausgeholfen, Kontaktaufnahme zu einem Rechtsanwalt oder einem Psychologen angeboten. Um das Thema öffentlich stärker ins
Bewusstsein zu rücken, habe man verschiedene Kampagnen ins Leben gerufen. "Dire non, c'est ton droit" - "Sag nein, es ist dein Recht" hieß der letzte Aufruf. Planning Familiale habe Plakate
aufgehängt und Flyer verteilt, Lehrer und Sozialarbeiter angesprochen und beraten. Man habe aber auch versucht, den Kontakt zu den Eltern der Betroffenen herzustellen.
Zum Selbstmord gedrängt
Eine ganz bestimmte Art der Kontaktaufnahme mit Betroffenen nutzt Sevil Bremer aus Stockholm. Die Psychologin berät über eine Website per E-Mail, wenn gewünscht auch anonym. Das erleichtere
Frauen die Kontaktaufnahme, die noch in ihren Familien seien und keine Möglichkeit hätten, eine Beratungseinrichtung aufzusuchen. Die E-Mails, die bei ihr eingingen, so Bremer, würden in der
Mehrzahl spät in der Nacht verschickt oder am Vormittag, also entweder dann, wenn die übrigen Familienangehörigen schliefen oder wenn die jungen Frauen an der Schule seien und dort ohne Aufsicht
durch die Eltern einen Internetzugang nutzen könnten.
Häufig, so die Psychologin, gehe es darum, das Selbstmordrisiko der Frauen richtig einzuschätzen. Die würden oft von ihrer Familie gedrängt, sich selbst das Leben zu nehmen, um dem Vater
oder Bruder die Tat und die anschließende Haft zu ersparen. Gegen Ende ihres Vortrags las Bremer aus eine der E-Mails vor. Darin macht eine 19-Jährige sich Vorwürfe, dass sie mit ihrem Freund
geschlafen habe. Ihr Vater habe angekündigt, er werde jede seiner Töchter töten, die vor der Ehe Geschlechtsverkehr habe. Am liebsten würde sie ihr Jungfernhäutchen nun wieder herstellen lassen.
Aus dieser E-Mail, so Bremer, sei ein langer Briefwechsel entstanden. Am Ende habe man dem Mädchen helfen können.







