Georg Brunold, Reporter, Autor mehrerer Bücher, langjähriger Korrespondent der "Neuen Zürcher Zeitung" in Afrika und zuletzt Chefredakteur der Schweizer Kulturzeitschrift "DU", nimmt den Leser
mit dieser Auswahl von 164 Texten von 154 Autoren und 10 Fotoreportagen mit auf eine phantastische Zeitreise durch die Jahrtausende und mehrmals rund um die Welt. Bei den Verfassern der
Reportagen musste sich der Herausgeber trotz aller Opulenz des Buches beschränken, so "bleibt der Leser der Führung europäischer Begleiter und Verwandter jenseits des Atlantiks anvertraut",
unvermeidlich, denn "alles übrige hätte sogar dieses Buchformat gesprengt".
Durch Zeit und Raum
Die Reise durch Zeit und Raum beginnt so nicht zufällig bei den alten Griechen, mit Herodot, dem "Vater der europäischen Geschichtsschreibung". Der reisende Reporter schreibt um 450 v. Chr.
in seinem Bericht über Ägypten "ich" und verbürgt sich so als Augenzeuge. Über Thukydides, Hippokrates, Xenophon, Platon und Polybios führt die Zeitreise weiter zu den Römern. Tacitus
schildert, wie Nero Rom niederbrennen lässt, Plinius der Jüngere erlebt und beschreibt den Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79. Im Jahr 449 schildert Priskos von Panion einen diplomatischen Besuch im
Lager des Hunnenkönigs Attila.
Einhard, der Biograph Karls des Großen, beschreibt 820 ehrfurchtsvoll Erscheinung und Auftreten des Frankenkaisers. Francesco Petrarca malt drastisch die "Sintflut der Verbrechen" in
Avignon um die Mitte des 14. Jahrhunderts aus; mit diesem Sittenbild lebt der Korrespondent auch damals gefährlich: "Diesem Brief habe ich weder meine Unterschrift, noch mein Siegel, weder Ort
noch Zeit angefügt. Du weißt, wo ich bin, und die Stimme des Sprechenden erkennst Du." Columbus schildert den Landfall und ersten Landgang im Oktober 1492 auf einer Karibikinsel.
Rund fünfzig Jahre nach der Pest in London 1665 montiert Daniel Defoe aus Augenzeugenberichten und aus den Aufzeichnungen städtischer Archive eine dichte, anschauliche Reportage über die
dramatischen Ereignisse, die überzeugend wie ein eigener Erlebnisbericht auftritt; Brunold nennt den Text das "monumentale Manifest der modernen Reportage".
Schöne neue Welt
Heinrich Heine gerät über Polens Weiber ins Schwärmen, Richard Wagner berichtet für die "Dresdener Abend-Zeitung" als "armer, deutscher Musiker aus Paris", Iwan Gontscharow erlebt als
Sekretär eines russischen Admirals einen wilden Sturm auf dem Stillen Ozean, Walt Whitman schildert - obwohl selbst nicht dabei - gestützt auf Augenzeugen dramatisch die Ermordung Abraham
Lincolns, John Reed ist in der russischen Revolution 1917 beim Sturm auf den Winterpalast dabei, Egon Erwin Kisch analysiert scharfsinnig die Fließbandproduktion in den Ford Werken in Detroit und
höhnt mit bitterem Sarkasmus über die schöne neue Welt des Henry Ford.
Janet Flanner schreibt 1936 für den "New Yorker" ein dreiteiliges Portrait über Adolf Hitler, ein Stück daraus unter dem Titel "Hitlers Stimmbänder" studiert hellsichtig Hitler als Redner.
Es finden sich Orwell und Blixen, Genet und Koestler, Hemingway und Canetti, Hannah Arendt und Capote, Wallraff und Chatwin, Enzensberger und, und, und…
Kratzer am Mythos des Jahrhundert-Reporters
Natürlich ist auch der vielfach preisgekrönte polnische Reporter Ryszard Kapuscinski mit einer Reportage vertreten, über den Brunold im Textvorspann schreibt: "Der weitgereiste Pole R.K. (1932
- 2007) hat vorgestellt zu werden? Odysseus aus Warschau? Ryszard Kapuscinski ist Ryszard Kapuscinski. Alles andere wäre eine schreckliche Untertreibung." Aber es ist eine hübsch sibyllinische
Formel von Brunold. Denn zu Kapuscinski als Reporter hat er durchaus eine dezidierte Meinung. In einem Interview mit dem "Reporterforum" formuliert er bündig: "Ein Reporter allerdings, bei dem
grundsätzlich nichts stimmt von dem, was er schreibt, wie das zum Beispiel bei Ryszard Kapuscinski leider der Fall ist, bringt uns die Welt auch nicht näher."
Gegenüber "Literaturen" vom November 2009 wird Brunold noch deutlicher: Keine Seite, auf der sich der polnische Star-Reporter nicht mindestens zwei Denkmäler setze; kaum eine Schilderung,
in der er als Ich-Erzähler nicht mit Benzin übergossen werde und nur deshalb gerade noch mit dem Leben davonkomme, weil seinem Henker das Streichholz zwischen den schwitzenden Händen zerbricht;
keine Kakerlake, der Kapuscinski nicht die Größe einer Kröte andichte. Im "Reporterforum" bemerkt Brunold zusammenfassend knapp: "Wenn das Time-Magazine Kapuscinski auf den Titel setzt und als
größten Reporter des 20. Jahrhunderts feiert, ist das ausgesprochen läppisch."
Ein ernüchterndes Urteil schon lange bevor Anfang März dieses Jahres die sechshundert Seiten starke Biographie Artur Domosaskis über Kapuscinski am Mythos des "Reporters des Jahrhunderts"
Kratzer hinterlässt und nachweist, das viele seiner Erlebnisse frei erfunden seien.
Poetologie der Reportage
Im Anschluss an die Reportagen findet sich in einer von Brunold zusammengestellten "Bibliothek des Reporters" in dreißig Kapiteln eine Art Poetologie der Reportage, in denen er die 230
Bücher vorstellt, die ihn beeinflusst haben und auf die er immer wieder zurückgreifen wird, sein "seit 25 Jahren gepflegter Werkzeugkasten, den ich mit in die Verbannung nähme", wie er dem
"Reporterforum" erklärt.
Der letzte Text in der Sammlung der Reportagen ist von dem Schweizer Feuilletonisten Andreas Langenbacher. Der schließt mit einem Zitat von Nostradamus: "Das große Theater beginnt aufs
Neue,/ die Würfel gefallen, die Netze schon ausgeworfen".
Georg Brunold hat mit seinem Buch weit ausholend Netze ausgeworfen und wunderbar Welt eingefangen.
Georg Brunold: "Nichts als die Welt - Reportagen und Augenzeugenberichte aus 2500 Jahren", Galiani Verlag, Berlin 2009, 684 Seiten, 85 Euro, ISBN 978-3869710013







