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Icon   Cem Gülay/Helmut Kuhn: "Türken-Sam"

Einmal Gangster und zurück

Joris Steg • 14. April 2010

Foto: dtv
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Auf dem Höhepunkt seiner Macht konnte Cem Gülay mit seinen Gangster-Kollegen in Porsche-Cabrios nachts mit 200 km/h durch Hamburg jagen, ohne von der Polizei angehalten zu werden. Und das, obwohl sie total besoffen und mit "Jajo" (Koks) zugedrönt waren. Einige schossen mit ihren Pistolen auf Ampeln - die Polizei reagierte nicht. Längst musste "Türken-Sam" vor der angesagten Disco "Traxx"" nicht mehr in der Schlange stehen - dort, wo er früher von den Türstehern abgewiesen worden war. Mittlerweile war der Respekt der Türsteher vor ihm so groß, dass türkische Jugendliche sogar in die Disco gelassen wurden, nur weil sie angaben, mit ihm verwandt zu sein. Cem hatte es "geschafft": Er verdiente viel Geld, fuhr schnelle Autos, trug teure Klamotten, wurde respektiert und anerkannt. "Türken-Sam" war ein erfolgreicher Gangster.

Verslumtes Wohnviertel
"Niemand wird als krimineller Gewalttäter geboren" heißt es in dem Vorwort des Buches. Wie er dazu wurde, schildert Cem Gülay schonungslos. Er endet als Gangster, obwohl er alle Voraussetzungen für eine erfolgreiche Karriere mitbringt - er spricht perfekt Deutsch, hat das Abitur bestanden, ist sportlich und sieht gut aus. Cem wächst in Hamburg-Lokstedt auf, damals noch Wohngebiet des Mittelstandes, und hat deutsche Freunde. Diese können seinen Namen nicht richtig aussprechen und nennen ihn Sam.

Doch das Viertel verslumt. Wer Geld hat, zieht weg. Drogendealer und türkische Gangs kommen. Es gibt Schlägereien. Türkische Jugendliche machen Jagd auf Deutsche. Nazis schlagen Türken zusammen. Ein Teufelskreis von Brutalität und Gewalt entsteht. Cem erlebt hautnah, wie Vorurteile, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus wachsen. Er will studieren, sich in die Gesellschaft integrieren und dazugehören. Doch er muss immer wieder Rückschläge hinnehmen, die ihm zeigen: Du gehörst nicht dazu. Ob in der Schule oder beim Sport - er hat das Gefühl, benachteiligt und nicht akzeptiert zu werden.

Patriarchale Familie
Hinzu kommt seine familiäre Situation. Seine Mutter wurde mit 13 zwangsverheiratet. Als Cem geboren wird, ist sie 15. Es folgen zwei weitere Söhne. Cems Vater redet wenig mit seinen Söhnen, arbeitet viel und spart jeden Cent. Zu Hause herrscht er als Patriarch. Gewalt und Beleidigungen sind an der Tagesordnung, Liebe und Zuwendung hingegen kaum vorhanden. Als sein Vater wieder einmal seine Mutter misshandelt, erträgt Cem es nicht mehr. Er stellt seinen Vater vor die Alternative, ihn entweder beim Studium zu unterstützen oder ihm 5000 Mark zu geben, womit Cem das Haus verlassen würde. Am nächsten Tag sitzt sein Vater wortlos am Tisch und überreicht ihm einen Umschlag. Inhalt: 5000 Mark.


Doch Cem wäre noch lange kein Gangster geworden, hätte es seinen Onkel Can nicht gegeben Zu ihm schaut er auf: Can hat Geld, tolle Klamotten und Autos, Respekt, Anerkennung und Macht - all das, wonach sich Cem sehnt.

Verkorkstes Milieu
Onkel Can bringt Cem das "Gangster-Einmaleins" bei. Eine Regel lautet: Gehe nie einer Schlägerei aus dem Weg und sei möglichst brutal. Cem, der mittlerweile Kampfsport macht und 100 Liegestütze einarmig macht, ist äußerst brutal und häufig in Schlägereien verwickelt. Im kriminellen Milieu steigt er rasant auf - durch seine Brutalität und sein Talent.

Er ist im Warentermingeschäft tätig. Dabei wird per Telefon potenziellen Anlegern versprochen, ihr eingesetztes Geld - meistens Schwarzgeld - an der Börse zu vermehren. Allerdings wird nur mit einem geringen Teil des Geldes spekuliert, der Rest geht direkt an die Betrüger. Auf diese Weise verdient Cem in Hochzeiten mehrere zehntausend Mark im Monat. Er lebt das Leben, das er aus Gangsterfilmen wie "Goodfellas" oder "Scarface" kennt: Gepflegtes Auftreten, eigener Slang, Autos, Frauen und Partys. Nie würde er sich als Kriminellen bezeichnen, Gangster sein ist Lifestyle für ihn.

Doch das Gangster-Leben macht nicht glücklich. Cem wird spielsüchtig, nimmt Drogen und sehnt sich nach wahrer Liebe, einem soliden Leben. Doch was soll ein Gangster machen, der nichts gelernt hat? Cem versucht sich als Holzhändler in der Türkei und nimmt Schauspielunterricht in den USA. Beides wenig erfolgreich. Zu dieser Zeit fliegen in Hamburg viele Warenterminbetrüger auf, unter anderen Cems frühere Kollegen. Obwohl Cem schon ausgestiegen ist, wird auch er verurteilt.

Misslungene Integration

"Türken-Sam. Eine deutsche Gangsterkarriere" ist nicht nur eine biografische Gangstergeschichte, sondern auch die Geschichte einer misslungenen Integration. Sowohl die Fehler der Deutschen als auch die der Türken werden offen gelegt. Besonders interessant sind Gülays soziologische Ausführungen über verschiedene Generationen türkischer Zuwanderer. Ob jedoch die im Buch skizzierte Horrorvision von durch randalierende, ausgegrenzte Migranten in Brand gesetzte Innenstädte realistisch ist, scheint fraglich.

Damit Integration gelingt, gibt Gülay der Politik Ratschläge: Reine Ausländerschulen sollten geschlossen und Anti-Diskriminierungsregeln verschärft werden. Seine Hauptforderung aber sind Gleichbehandlung und Chancengleichheit. Man muss Cem Gülay nach der Lektüre nicht unbedingt sympathisch finden, sein Buch jedoch ist bemerkenswert, lesenswert und interessant.

Cem Gülay lebt mittlerweile nicht weit entfernt vom Potsdamer Platz in Berlin.

Cem Gülay, Helmut Kuhn: "Türken-Sam. Eine deutsche Gangsterkarriere." Deutscher Taschenbuch Verlag 2009, 15,40 Euro, ISBN 978-3-423-24767-2

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