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Drastische Konsequenzen

Volker Stahl • 30. March 2010

Anti-Scientology-Demonstration im amerikanischen San Diego, Foto: San Diego Shooter (cc)
Anti-Scientology-Demonstration im amerikanischen San Diego, Foto: San Diego Shooter (cc)

Ein Ausstieg aus der Scientology Kirche sei eine Leichtigkeit, werden ihre Repräsentanten nicht müde zu betonen. Eine Postkarte genüge. Die Aussagen von Menschen, die es versucht und geschafft haben, belegen aber das Gegenteil: "Sie konfrontieren den Aussteigewilligen mit einer Checkliste von Fragen, die alle nur darauf ausgerichtet sind, den Austritt als falsch darzustellen", berichtet Hana Whitfield, die der Organisation von 1965 bis 1984 angehörte und zum engsten Vertrautenkreis des Gründers L. Ron Hubbard zählte. Die Prozedur könne mit Unterbrechungen durchaus hundert Stunden dauern, erklärt Whitfield. Fielen die Antworten nicht wie gewünscht aus, würden treu ergebene Mitglieder in den Raum geholt, um die Abtrünnigen niederzuschreien.

extremistische Organisation mit ausgeklügeltem Repressionsapparat

Hana Whitfield gehört zu einer Reihe von Experten, alle ehemalige SO-Mitglieder, die am Wochenende von der 1992 gegründeten Arbeitsgruppe Scientology (AGS) der Hamburger Behörde für Inneres eingeladen wurden, um über Aussteiger-Schicksale und jüngste Entwicklungen in dem ideologisch geschlossenen SO-System zu informieren und diskutieren. Scientology gilt hierzulande nicht als Religionsgemeinschaft, sondern als antidemokratische und extremistische Organisation mit einem ausgeklügelten Repressionsapparat. Seit 1997 wird sie vom Verfassungsschutz beobachtet.

Wer Scientology verlassen will, müsse mit "drastischen Konsequenzen" rechnen, sagt Amy Scobee, ehemalige SO-Spitzenmanagerin, die die Führung der Organisation als "durch und durch korrupt" bezeichnet. "Eine Ausstiegserklärung bedeutet 24 Stunden Bewachung." Mitarbeiter müssten die immens hohen Kosten für alle Kurse zurückerstatten, die sie erhalten haben.

Mischung aus Verhör und Beichte

Warum gehen die Scientologen so aggressiv mit Renegaten um? "Wir kennen inkriminierte Personen der Organisation. Und die wollen unter keinen Umständen, dass etwas nach außen dringt", gibt Bruce Hines zu bedenken. Der Ex-Angehörige des paramilitärischen SO-Elitekaders Sea Org hat früher so genannte Auditings - eine Mischung aus Verhör und Beichte - mit prominenten Mitgliedern wie Nicole Kidman durchgeführt. Jesse Prince, ebenfalls ehemaliges Sea-Org-Mitglied, verweist auf den ökonomischen Schaden, den ein Imageverlust nach sich zieht. Schließlich sei der wahre Betriebszweck der Organisation, so Prince, "viel Geld zu machen und noch mehr Geld zu machen."

"Bis nichts mehr bleibt", lautet der Titel eines Spielfilms, der auf reale Begebenheiten basiert. Er zeigt den verzweifelten Ausstiegsversuch eines Mitglieds, dessen Familie in dem Konflikt mit der SO zerbricht. Der Film wird am Mittwoch in der ARD zur Prime Time ausgestrahlt. "Die gesamte Entstehungsphase unterlag strengster Geheimhaltung", berichtet Co-Produzent Benjamin Benedict. "Keine leichte Aufgabe bei einem Film, an dessen Entstehung etwa 80 bis 100 Personen beteiligt waren."

"Die kriegen wieder eine übergebraten."

Aus der Führungsetage von SO Deutschland hagelt es Proteste gegen den Streifen. Die ARD habe "Kampagnen-Journalismus" betrieben, meint Jürg Stettler, Sprecher der Organisation. Die Ausstrahlung von "Bis nichts mehr bleibt" sei zwar juristisch nicht zu verhindern, räumt die SO ein. Sie wolle aber eine Schadenersatzklage gegen die Stadt Hamburg als Arbeitgeberin der AGS anstrengen. Begründung: Deren Leiterin Ursula Caberta, die die ARD beraten und Kontakte zu Aussteigern hergestellt hat, habe angeblich falsche Informationen über SO verbreitet.

Der Film sei "wunderbar", weil er die Wahrheit abbilde, hält Caberta den Vorwürfen entgegen. Einer Klage gegen ihre Behörde sieht die kampferprobte SO-Jägern gelassen entgegen: "Die kriegen wieder eine übergebraten", spielt Caberta auf eine aktuelle, allerdings noch nicht rechtskräftige Entscheidung vom Hamburger Verwaltungsgericht an. Die Scientologen hatten mit Berufung auf das Informationsfreiheitsgesetz auf Herausgabe von personenbezogenen Daten geklagt - und verloren.

Bis nichts mehr bleibt
Fernsehfilm, Deutschland 2010
ARD, Mittwoch, 31. März 2010, 20:15 bis 21:45


Der Text erscheint mit freundlicher Genehmigung des "Blick nach rechts"

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