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"Weniger reden, mehr machen"

Ulrich Horb • 29. March 2010

Klaus Wowereit auf der Ideenkonferenz Foto: Anne Kathrin Pauk
Klaus Wowereit auf der Ideenkonferenz Foto: Anne Kathrin Pauk

Vor rund 250 Teilnehmerinnen und Teilnehmern machte der SPD-Landesvorsitzende Michael Müller deutlich, dass Politik das Gespräch mit Bürgerinnen und Bürgern brauche, um immer wieder neue Impulse zu bekommen. "Politik muss neue Ideen und Anregungen aus der Gesellschaft aufnehmen und bearbeiten." An den Anfang der Konferenzreihe sei ganz bewusst die grundsätzliche Frage gestellt worden: Wie wollen wir in Berlin zusammenleben? Es gehe darum, gemeinsam Ideen für das Zusammenleben im nun beginnenden dritten Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung zu entwickeln.

Keinen Widerspruch fand die Feststellung von Michael Müller, den Begriff Integration "als umfassende soziale, politische, wirtschaftliche und kulturelle Teilhabe" zu verstehen. " Sie gilt für alle Menschen - ob mit oder ohne Migrationshintergrund", betonte Michael Müller.

Immer wieder kamen die Diskussionsteilnehmer deshalb auch auf soziale Fragen zurück, die an der Teilhabe hindern. Christian Haberecht, Vorsitzender des im Kreuzberger Wrangelkiez beheimateten FSV Hansa 07, berichtete, dass selbst der geringe Monatsbeitrag seines Vereins für manche Interessenten eine Hürde darstelle. Schon in der Vereinssatzung sei aber der Integrationsgedanke verankert. "Bei uns ist jedes Mitglied Integrationsbeauftragter."

"Weniger reden, mehr machen", forderte Kazim Erdogan, Gründungsstifter der Bürgerstiftung Neukölln. Auch noch so schöne Flyer nutzen nichts: Er setzt auf persönliche Kontakte und Gespräche, will zum Engagement motivieren. Das gelingt ihm immer wieder, zum Beispiel mit der Vätergruppe, die ein anderes Bild vom türkischen oder arabischen Mann zeichnet, wenn sie zum gemeinschaftlichen Großputz an einer Neuköllner Schule erscheint.

Zu den erfolgreichsten Projekten gehören die "Stadtteilmütter", Muna Naddaf, eine der Koordinatorinnen des Neuköllner Projekts, erläuterte, wie es den Frauen gelingt, Vertrauen aufzubauen und mit den Familien in ihrem Umfeld ins Gespräch zu kommen. Ein Projekt, das bislang auf Familien mit Migrationshintergrund beschränkt ist. Das müsse nicht sein, stimmte auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit einem Vorschlag aus dem Publikum zu: Denn auch eine alleinerziehende deutsche Mutter könnte zum Beispiel solche Unterstützung im Alltag gut gebrauchen.

Brigitta Wortmann, Mitglied des Sprecherrats des Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement, warb für einen "offenen Blick auf die Vielfalt". Sie ermutigte Firmen ebenso wie Kommunen, "Menschen nicht auf ein Merkmal" zu reduzieren und offen zu prüfen, warum bestimmte Gruppen nicht entsprechend ihrem Bevölkerungsanteil in bestimmten Positionen vertreten seien. Daraus gelte es dann Konsequenzen zu ziehen.

Ein neues "Wir-Gefühl" hält Dr. Mark Terkessides für notwendig. Er wies darauf hin, dass sich die Gesellschaft in Deutschland noch viel zu sehr durch den Blick in die Vergangenheit, auf Geschichte und Kultur, definiere. Jetzt gelte es, den Blick stärker in die gemeinsame Zukunft zu richten. Er plädierte für Änderungen in den Schulen, die die Vielfalt als Chance begreifen müssten. Es gebe nicht mehr das "deutsche Normkind der fünfziger Jahre".

Es sei unverständlich, wie man auf die Idee kommen könnte, Menschen wollten absichtlich keine Zukunftschancen und nicht das Beste für ihre Kinder, griff der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit einen Gedanken auf, der in der Konferenz geäußert wurde. Menschen seien nicht hergekommen, um sich abzukapseln, sondern weil sie in ihren Ländern keine Perspektive für sich oder ihre Kinder gesehen haben. Wowereit, der als stellvertretender SPD-Vorsitzender gemeinsam mit Kenan Kolat die Zukunftswerkstatt Integration leitet, dankte all jenen, die tagtäglich praktische Integrationsarbeit leisten. Es gebe Probleme in der Integration, aber sie sei auch millionenfach gelungen. Wowereit warb dafür, die Suche nach Lösungen nicht mit der Forderung nach mehr Geld zu beenden. Es gehe darum, Dinge auch neu zu denken und bestehende Projekte regelmäßig auf Wirksamkeit zu überprüfen. Integrationsarbeit sei eine lohnenswerte Arbeit. In der aufnehmenden Gesellschaft müsse eine Willkommenskultur etabliert werden, es müsse andererseits aber auch den Aufstiegswillen geben.

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