Artikel (Archiv) > „Wir machen Bastard-Pop“

Hauptinhalt

Artikel (Archiv)

Übersicht

Icon   Interview mit Rainer von vielen

„Wir machen Bastard-Pop“

Kai Doering • 29. March 2010

Kritische Texte, fetzige Beats: Rainer von vielen machen Bastard-Pop. Foto:www.rainervonvielen.de
Kritische Texte, fetzige Beats: Rainer von vielen machen Bastard-Pop. Foto:www.rainervonvielen.de

vorwärts.de: Sind Sie gläubig?

Rainer von vielen: Ich würde mich nicht als gläubig bezeichnen. Ich bin zwar katholisch erzogen worden, habe aber eine sehr kritische Einstellung der katholischen Kirche gegenüber.

Dann stammt der Titel Ihres neuen Albums "Milch & Honig" also nicht aus der Bibel?

Zum Teil doch. Wir haben auf der Platte ein sehr kirchenkritisches Lied, das "Meine Engel" heißt. Das passt auf jeden Fall sehr gut zum Titel des Albums. Milch und Honig sind ja die Utopie des gelobten Landes, also eines Orts, an dem alles gut ist. Der Albumtitel ist also auch als Kontrast gedacht zu den Liedern, die gesellschaftskritische Texte haben. Gleichzeitig unterstreicht er die Verbindung zu unserer Heimat dem Allgäu, wo es viel Milch gibt - und Honig auch.

Was bedeutet Heimat für Sie?

Heimat ist dort, wo die Menschen sind, die ich liebe und die mich lieben. Heimat ist aber auch der Ort, an dem ich der sein kann, der ich glaube zu sein. Im Allgäu kann ich das sehr gut. Ich fühle mich dort zu Hause. Deshalb bezeichne ich es als Heimat.

Wie gefällt Ihnen Berlin?

Ich stehe total auf die Stadt. Wir haben immer eine großartige Zeit, wenn wir in Berlin sind. Ich mag aber auch die Ruhe auf dem Land. Ohne den Kontrast zwischen Großstadt und Land würde mir etwas fehlen. Wenn wir viel in Großstädten unterwegs gewesen sind, tut es auch wieder gut, auf dem Land den extremen Gegenpol zu haben.

Im Lied "Mein Block" nehmen Sie das Leben in Berlin auf die Schippe...

Der Song ist eine originale Cover-Version eines Rap-Lieds von Sido. Er ist aus einer Spaß-Laune heraus entstanden. Nach einem Konzert in München habe ich das Akkordeon ausgepackt und wir haben rumgealbert. Dabei haben wir angefangen, Hip-Hop-Texte mit Volksmusik zu kombinieren. "Mein Block" ist voller Kontraste, weil der Text das Leben in der Stadt darstellt, die Musik aber ländlich ist. Das hat uns gefallen.

Was hält Sido von dem Lied?

Vor ein paar Monaten haben wir ihn bei "Nazis aus dem Takt bringen" getroffen und haben ihm dort das Lied vorgespielt. Sido fand es total witzig und will es jetzt sogar selbst auflegen.

"Milch & Honig" ist musikalisch schwer festzulegen. Wie würden Sie selbst Ihre Musik bezeichnen?

Wir nennen es Bastard-Pop. Wir mixen viele Stile und suchen das Eingängige. Gerade wenn wir inhaltlich nicht so leicht verdauliche Texte machen, versuchen wir, dass zumindest unsere Musik leicht zugänglich ist.

Im Lied "Klub Krise" setzen Sie sich mit der Wirtschaftskrise auseinander und singen: "Wir sahen das Unglück schon von Weitem nahen, doch wir haben nichts getan". Warum nicht?

Aus Bequemlichkeit. Es ist ganz menschlich, dass man versucht, das so lange wie möglich zu erhalten, was funktioniert - auch wenn die Vernunft einem sagt, dass es nicht mehr lange gut gehen kann. Aber eine exponentielle Gewinnkurve kann eben nicht ewig weiter steigen. Irgendwann explodiert es.

Haben wir aus dem Kollaps gelernt?

Es ist doch alles schon wieder wie vorher. Sobald man nur ein wenig Sicherheit fühlt, geht es so weiter wie immer. Diejenigen, die von der Wirtschaft mit all ihren Ausprägungen profitieren, achten ja auch sehr genau darauf, dass es so weiter gehen kann - egal unter welchen Umständen.

Welche Rolle kann Musik spielen, damit die Menschen vielleicht doch etwas lernen?

Sie kann aufmerksam machen und ein Bewusstsein für bestimmte Dinge schaffen. Musik kann Denkanstöße geben. Und: Musik verbindet Menschen. Bei unseren Konzerten kommen Leute zusammen, die für das stehen, was sie tun. Sie finden Gleichgesinnte.

Was wünschen Sie sich für "Milch & Honig" und die damit verbundene Tour?

Für die Tour wünschen wir uns erstmal, dass nichts Schlimmes mehr passiert. Unser Schlagzeuger hat sich nämlich den Knöchel gebrochen und wir mussten kurzfristig einen Ersatz finden. Davon brauchen wir nicht mehr. Beim Album hoffen wir natürlich, dass es gut ankommt und sich gut verkauft. Es wäre schön, wenn wir damit den Puls der Zeit treffen und auf offene Ohren stoßen.

Interview: Kai Doering

Tourdaten und Musik zum Reinhören unter
www.rainervonvielen.de

Inhalt rechte Spalte

 

Hauptinhalt 2

Buchtipp

Econ Verlag

Icon Rezension; Rudolf Hickel: „Zerschlagt die Banken"

„Zerschlagt die Banken"

Icon Rezension; Hans-Christian Jasch: „Staatssekretär Wilhelm Stuckart und die Judenpolitik"

Massenmord, geplant von Beamten

Icon Kathrin Hartmann: "Wir müssen leider draußen bleiben"

Von der Politik über den Tisch gezogen

Icon Rezension; Alexander Dill: „Gemeinsam sind wir reich"

Mehr Sozialkapital

Interview

Eren Güvercin

Icon Eren Güvercin im Interview

„Ich habe nie ein Identitätsproblem gehabt“

Icon Interview mit Frank Mentrup

Lust auf den Wechsel

Icon Interview mit dem Deutsch-Iraner Omid Pouryousefi

"Viele haben die Nase voll"

Icon Interview mit Katja Kullmann

„Dann ist da diese andere europäische, große Idee, die wir Sozialdemokratie nennen“

Veranstaltung

vorwärts-Fest in Bayern

Icon vorwärts-Fest

„Der Wandel in Bayern hat angefangen!“

Icon Buchvorstellung

Naziverbrecher ohne Reue

Icon Fotoausstellung im Willy-Brandt-Haus

Das kulturelle Gesicht Afghanistans

Icon Bildungspolitik

Gleiche Chancen für alle?

Kolumne

Icon Willst du mit mit (wählen) gehen?

Das Allerletzte von Martin Kaysh

Icon Notiert von Uwe Knüpfer

Berliner Tagebuch

Icon Abzug aus Afghanistan

Global gedacht von Rafael Seligmann

Icon Notiert von Uwe Knüpfer

Berliner Tagebuch

Filmtipp

 „Genug der Farce“, sagt sich Monsieur Demanet.

Icon Film der Woche: Kill me please

Selbstmord inklusive

Icon Film der Woche: Die Vermissten

Mit dem Rücken zum Nichts

Icon Film der Woche: Medianeras

Wir sind die Stadt

Icon Film der Woche: Ufo In Her Eyes

„Ein ideologischer Schrottplatz“