Sie kennt den Hunger, den der Erste Weltkrieg mit sich brachte. Sie saß auf dem Schoß von Walther Rathenau, erlebte die "wilden" Zwanziger in Berlin und überlebte die Shoah. "Ich habe keine
Erklärung und keine Entschuldigung, warum ich noch lebe", erklärt die 97-jährige Sonja Sonnenfeld. Die Zuhörer haben das Glück, dass sie noch da ist, um zu berichten. Vom Hauswartehepaar "Justav
und Jrete". Oder vom "Romanischen Café", dem wohl berühmtesten Berliner Künstler-Treff der 1920er. "Da waren alle. Ich auch", sagt Sonnenfeld.
"Ihr habt an Hitler geglaubt"
Dann berichtet sie vom Nationalsozialismus. Sie hat "Mein Kampf" gelesen, als das Machwerk noch druckfrisch war. Ihr Vater brachte es mit nach Hause, damit seine Kinder lesen, was Hitler
vorhatte. "Judenrein", das Wort hat Sonja Sonnenfeld nicht verstanden, die väterliche Erklärung konnte sie nicht begreifen.
Und dann erlebte sie, wie die Deutschen aufhörten zu denken. "Es gibt keinen Unterschied zwischen Deutschen und Nazis", unterstreicht Sonnenfeld. "Ihr habt an Hitler geglaubt und seid ihm
gefolgt. Gebt es doch zu!" Erst wenn alle das eingesehen haben, könne man aufhören darüber zu reden. Sonja Sonnenfeld hält Vorträge an deutschen Schulen und berichtet: "Meine Mission? Euch zum
selbstständigen Denken zu bringen."
"Heinz Rühmann mit grünen Augen"
Sie ist 97 Jahre alt und "immer noch vorlaut", sagt Sonnenfeld über sich selbst. Energisch kritisiert sie die schwedische Nachkriegs-Regierung. Sie habe nichts getan für Raoul Wallenberg,
der in Budapest Juden vor dem nationalsozialistischen Massenmord bewahrte. Außerdem solle Schweden endlich aufhören, sich zur Lage in Israel zu äußern. Denn davon hätte es keine Ahnung. "Wieso
müssen Israelis und Palästinenser Freunde sein? Die Schweden haben es mit den Norwegern auch nicht ausgehalten." - Das sei bis heute so, betont sie. Doch das ist nicht als Resignation zu
verstehen: "Alle können sich mit allen verstehen - wenn es richtig angefangen wird."
Die alte Dame springt zwischen den Themen und Jahrzehnten hin und her. Wieselflink, aber ohne je den Faden zu verlieren. Am Ende ihres Rückblicks erzählt sie noch von "Wölfchen", ihrem
Mann, dem Mathematiker Wolfgang Sonnenfeld. "Er sah aus wie Heinz Rühmann mit grünen Augen", erklärt sie verschmitzt. Und dann ist er zurück, der Humor einer der letzten Jahrhundertzeuginnen.
Sonja Sonnenfeld: "Es begann in Berlin", Donat Verlag, Bremen, 142 Seiten, 12,80 Euro, ISBN 978-3-934836-32-7







