Der Begriff "Komplex" stammt aus der Psychologie. Er beschreibt Gefühle, Gedanken und Vorstellungen, die häufig unbewusst auf das Denken und die Handlungen Einfluss haben. Teilweise werden
sie durch Störungen in der frühkindlichen Entwicklung verursacht. Diese Idee lässt sich laut dem Nachwuchshistoriker Sebastian Ullrich ebenfalls auf die Gründung der Bundesrepublik anwenden. In
seiner Dissertation greift er die Frage auf, ob Bonn durch die negative Vorprägung zu einer zweiten Weimarer Republik hätte werden können.
"Im letzten Jahr gab es einen regelrechten Gedenkmarathon, doch meist wurde dabei ein gradliniger Verlauf präsentiert. Doch die Gründung der Bundesrepublik war keine ungebrochene
Erfolgsgeschichte. Das Grundgesetz musste sich erst beweisen", erläutert Ullrich die Grundthese seiner Dissertation.
Weimar als Trauma
"Immer wenn Bonn in den Spiegel schaute, glaubte es Weimar zu sehen. Es gab eine fast krankhafte Fixierung auf die Weimarer Republik", so der Laudator Edgar Wolfrum bei der Übergabe des mit
5000 Euro dotierten Preises. Nicht wenige Zeitgenossen befürchteten, der zweite Demokratieversuch könnte ebenfalls in einer Katastrophe enden. "Weimar war eine traumatische Grunderfahrung",
urteilt der Geschichtsprofessor Wolfrum.
Viele der Beteiligten hatten bereits die Gründung - und den Untergang - der Weimarer Republik miterlebt. Sie galt als Negativfolie, vor deren Hintergrund die Bundesrepublik immer wieder neu
gemessen wurde. Die Angst vor einem zweiten Scheitern der Demokratie war groß. "Alle Beteiligten waren daran interessiert, ein zweites Weimar zu vermeiden", erläutert Ullrich. Ein Großteil der
Bevölkerung nahm die Bundesrepublik nur als Aufwärmung Weimars wahr.
Bonn ist nicht Weimar
Der Anfang im Schatten einer gescheiterten Demokratie sei gewiss schwierig, so Ullrich. Wolfrum erläutert: "Die Bundesrepublik hatte Zeit zum Lernen. Sie hatte das, was der Weimarer
Republik fehlte: Ruhe und Glück." Auch Ullrich unterstreicht: "Nur durch eine strenge Abtrennung von Weimar konnte die zweite Republik an Vertrauen gewinnen."
Nach den ersten Erfolgen stellten die Beteiligten erleichtert fest: "Bonn ist nicht Weimar". Das "Kindheitstrauma" war überwunden. Der Weg bis zu dieser Feststellung kann in der
Dissertation von Sebastian Ullrich "Der Weimar Komplex. Das Scheitern der ersten deutschen Demokratie und die politische Kultur der frühen Bundesrepublik 1945-1959" nachgelesen werden. Für seine
Arbeit erhielt er den Hans-Rosenberg-Gedächtnis-Preis, der in diesem Jahr zum vierten Mal vergeben wurde.







