Bachmannpreisträger Thomas Lang lässt in seinem Roman "Bodenlos" die 80er Jahre wieder lebendig werden. Dabei verkörpern Jan und seine Freunde die Attribute von Heranwachsenden aus gut situierter Mittelschicht. Sie probieren sich im Schreiben, Theater spielen und fotografieren, sind Punker, Rocker, "Müslifresser" oder Existenzialisten und wollen vor allem eins: Anders sein als die Erwachsenenwelt.
Jan bewundert seine Schwester An, die "die Schule geschmissen" hat und eine Fotolehre macht, bis sie auch die "schmeißt", weil sie von einer Portugalreise verspätet zurückkehrt und
unentschuldigt der Arbeit fern bleibt. Mit ihr träumt er vom Abhauen, nach Portugal "ins eigene Dorf" und zur Not auch vom Ziegen melken "oder so", frei nach dem Lebensmdenn "lieber Schwielen an
der Hand als im doofen deutschen Land".
Die verratenen Ideale der 68er
Doch im kleinstädtischen Füchten, einem Provinznest mit 10 000 Einwohnern am Rand der Eifel, kann man nicht einmal Portugiesisch lernen. Neben Langeweile herrscht hier Spießertum, dass Jan
zutiefst verachtet, verkörpert in Vater Rene, der als verbeamteter Architekt seine Ideale der Familienversorgung geopfert hat, sich mit einer "Bonzenkarre" tröstet und mit Mutter Karin streitet,
als die wieder ganztags arbeiten möchte, weil die Kinder groß sind. Die Gleichgültigkeit dieser Erwachsenenwelt lässt die Jugendlichen rebellieren, weil "wir hier allen scheißegal sind", erklärt
Jan seiner Schwester den Grund für die nächtlichen Randale einiger Freunde, "weil es nicht mal jemanden kümmert, wenn einer von uns draufgeht".
Atomraketen und Camus
Über allen schwebt das von diesen Erwachsenen geduldete "Arsenal an Nuklearwaffen mit der 1,6-millionenfachen Sprengkraft der Hiroshima-Bombe", wie es Jans Freund Holger mehr als einmal
erklärt. Doch als Gemeinsamkeit trägt das nicht weit. Die Vorbereitung zur Teilnahme an der großen Bonner Friedensdemonstration im Herbst 1982 scheitert an unterschiedlichen Meinungen.
Thomas Lang gelingt mit diesem Roman eine intensive und sehr feinsinnige Beschreibung einer Generation, die einerseits im Wohlstand des Nachkriegsdeutschlands zu ersticken droht, andererseits
aber aus diesem Wohlstand nicht auszubrechen vermag. So lässt er die jungen Leute randalieren und kommentiert dieses Verhalten, indem er die Erzählperspektive wechselt: "Innerlich war die große
Demo in Bonn schon für sie abgehakt, bevor sie überhaupt angefangen hatten, über Flugblätter und Transparente nachzudenken. Es ging dabei nicht so sehr ums Coolsein oder darum zu zeigen, dass man
frei war nicht mitzumachen, sondern um die Erkenntnis, dass es besser war, der Welt den Rücken zu kehren. Sie wussten, dass sie in der deformierten Erwachsenenwelt keinen Platz hatten, solange
sie sich nicht selbst verbogen."
Thomas Lang: "Bodenlos", C.H. Beck, München, 2010, 461 Seiten,
21,95 Euro,
ISBN 978-3-406-59070-2







