vorwärts.de: Früher träumten junge Paare vom Eigenheim im Grünen. Heute zieht es sie vermehrt in die Stadt. Woran liegt das?
Häussermann: Früher sind Akademiker, gerade wenn sie eine Familie gegründet haben, an den Stadtrand gezogen. Heute bleiben sie in der Stadt. Egal ob sie in hochwertigen Dienstleistungsberufen arbeiten oder sich in prekären Verhältnissen von Projekt zu Projekt hangeln. Das ist eine Frage des veränderten Lebensstils. Menschen mit instabilen Beschäftigungsverhältnissen sichern ihre Existenz über Kontakte. Das ist in der Innenstadt einfacher. Auch das Leben mit Kindern lässt sich, gerade wenn beide Partner berufstätig sind, in der Innenstadt besser organisieren als im Umland, wo dafür die Hausfrau zuständig war. Es gibt heute sehr viele Akademikerpaare - ob gut verdienend oder schlecht - bei denen es keine Hausfrau im traditionellen Sinne mehr gibt.
Das müsste sich doch positiv auf die Bildungslandschaft in Großstädten wie Berlin auswirken?
In innerstädtischen Gebieten ist der Migrantenanteil höher. In den Berliner Bezirken Wedding, Kreuzberg oder Neukölln leben viele Kinder mit Migrationshintergrund. Wenn sie nicht gut Deutsch sprechen, sind sie in der Schule nicht erfolgreich. Gibt es in einer Klasse viele Migranten mit schlechten Deutschkenntnissen, nehmen die Mittelschicht-Eltern aus sorge um die Bildungszukunft ihrer Kinder diese von den Schulen, zum Teil ziehen sie aus den Gegenden weg. So konzentrieren sich an den Schulen Kinder mit Lernschwierigkeiten. Betroffen davon sind meist Migrantenkinder. Sie gehen - wenn überhaupt - mit Abschlüssen von der Schule, die auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt nichts wert sind.
Der Zusammenhang zwischen der Wohnumgebung und der Situation in der Schule wurde lange ignoriert. Heute gibt es in einigen Vierteln gute und schlechte Schulen nebeneinander. Bildungsorientierte Eltern schicken ihre Kinder auf die 'gute' Schule und Kinder aus bildungsfernen Familien sammeln sich auf der 'schlechten'. So sind sie von vornherein benachteiligt.
Wie kann die Politik gegensteuern?
Die Schulen müssen sehr viel besser ausgestattet werden. Und sie brauchen bessere pädagogische Konzepte, gerade im Umgang mit der multikulturellen Zusammensetzung von Klassen. Auch die Vorschulerziehung ist wichtig. Sprachen, die man in der Schule braucht, müssen frühzeitig gelernt werden.
Bei vielen der sogenannten bildungsfernen Familien ist es nötig, die Motivation und den Sinn für Bildung zu wecken. Häufig sind das arme Familien, sie leben in beengten Wohnverhältnissen. Die Kinder können sich nicht auf ihre Schularbeiten konzentrieren und bekommen keine zusätzlichen Anreize.
Was sind die Probleme auf Seiten der Eltern?
Es gibt eine Unterschicht, die räumlich sehr konzentriert wohnt. Gerade bei der migrantischen Unterschicht ist der Hintergrund ihrer ländlichen Herkunft noch spürbar. Es gibt eine starke Orientierung an körperlicher Arbeit. Kinder sollen früh arbeiten gehen und Geld verdienen. Dann gibt es noch eine kleine Gruppe, die ihre Kinder aus religiöser Überzeug nicht auf bestimmte Schulen schicken will. Das sind Kulturkonflikte, die bearbeitet werden müssen.
Wie erreicht man diese Eltern?
Voraussetzung ist, dass man sie in ihrer Eigenart und mit ihren Problemen akzeptiert und respektiert - und sie nicht ständig beschimpft, wie das auch manche SPD-Politiker machen. Vermittlerinstanzen wie Moscheevereine, Migrantenvereine, Sportvereine, Cafés müssen stärker miteinbezogen werden. Sie haben Einfluss auf die zugehörigen ethnischen Gruppen.
Und wie erreicht man die Familien der deutschen Unterschicht?
Das ist ein ähnliches Problem, das ebenfalls schwer zu lösen ist. Die Kinder leben häufig in instabilen Verhältnissen. Sie sind sehr schwer zu gewinnen - versuchen muss man es trotzdem. Wichtig ist, dass Kinder aus solchen Familien in Schulklassen nicht dominieren. Denn dann gibt es niemanden, der als Vorbild dient. Im Gegenteil, da werden diejenigen, die etwas leisten wollen noch verlacht und gemobbt. So ein Klima darf nicht entstehen.
Wir können es uns nicht leisten zu sagen: "Wenn die nicht wollen, dann ist das Pech für sie." Wir haben immer weniger Kinder und einen immer größeren Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften. Hier geht es nicht nur um Menschenfreundlichkeit, sondern auch um die ökonomische Entwicklung.
Wie erreicht man, dass diese Kinder in Schulklassen nicht dominieren?
Mein Vorschlag wäre, die Kinder mit Bussen umzuverteilen. So wurde es in Amerika mit der Bürgerrechtsbewegung eingeführt, um die Schwarzen in die Schulen der Weißen zu fahren. Es hat dort die Verhältnisse aber nicht richtig verändert, weil die Weißen immer wieder Mittel und Wege gefunden haben, die Sache zu torpedieren. Das müsste man verhindern.
Diese Umverteilung wäre ein Vorteil für die Kinder?
Kinder, die wissen wie man lernt, ziehen Kinder mit Schwierigkeiten im Unterricht mit. Sie werden selbst aber nicht runtergezogen, wie es die Mittelschichteltern immer befürchten. Wenn in einer Klasse 10 bis 15 Prozent der Schüler Lernschwierigkeiten haben, benachteiligt das nicht die übrigen Kinder.
Politisch hat dieser Vorschlag allerdings keine Chance.
Warum?
Das ist eine politisch schwierige Aufgabe. Alle Parteien haben Angst vor den Mittelschichteltern. Das sind diejenigen, die sich artikulieren, die in den Zeitungen auftreten und die sich organisieren können. Das sind die, die politisch aktiv sind, das sind die Wähler.
Im Prinzip scheitert es also in erster Linie am Widerstand der Eltern?
Ich glaube immer noch, dass nur ein kleiner Teil unserer Bevölkerung so verbohrt ist, zu sagen: "Mit denen da will ich mein Kind nicht in der Schule haben." Es ist eine Bereicherung für Kinder, wenn sie fremde Kulturen, andere Sprachen und Religionen kennenlernen. Man muss die Lehrer dafür qualifizieren und den Eltern erklären, dass ihre Kinder dadurch nicht benachteiligt werden. Aber natürlich muss auch sicher gestellt werden, dass die Lernfortschritte in den einzelnen Klassen nicht absinken.
In der Gustav-Falk-Schule im Berliner Stadtteil Wedding gibt es einen solchen Versuch. Im kommenden Schuljahr soll es eine Modellklasse mit einer "Deutsch-Garantie" geben. Was halten Sie von solchen Modellen?
Das ist ein Versuch zur Mischung, allerdings bleibt es nur ein Inselprojekt, sozusagen eine Verzweiflungstat. Im Prinzip ist das richtig, aber es müsste flächendeckend passieren. Und die Kinder, die nicht in diese Klassen kommen, weil sie nicht gut genug Deutsch können, müssten besonders gefördert werden.
Hartmut Häussermann ist Soziologe und Stadtforscher. Bis 2008 war er Professor für
Stadt- und Regionalsoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.







