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Icon   Reinhard Wilke „Meine Jahre mit Willy Brandt“

Aus der „Froschperspektive“

Reinhard Wilke • 22. March 2010

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"Die Sicht, die ich in den sechs Jahren von 1970 bis 1976 auf Willy Brandt gehabt habe, könnte man als eine Froschperspektive bezeichnen, als eine Sicht von unten, des Dienenden. Als mir im Mai 1970 Horst Ehmke (Kanzleramtschef, Red.) die Leitung des Kanzlerbüros antrug, gab es nach Rücksprache mit meiner Familie, die wusste, was das an Arbeit und Entsagung für uns bedeuten würde, nur eine Antwort: "Für Willy machen wir das!"

Ich habe das niemals bereut, selbst in den schweren Maitagen des Jahres 1974 nicht. Willy Brandt war mehr als ein "Chef": Er war eine Persönlichkeit, die Mitdenken und Solidarität nicht einfordern musste. Es war gar keine Frage, dass wir bis an die Grenzen unserer Kraft für ihn arbeiteten. Das galt für das ganze Kanzlerbüro, und unter ihnen, jedenfalls nach außen hin, auch jener, der sich später als Spion der DDR entpuppte und seinen Verrat, will man seinen Äußerungen glauben, bitter bereute und büßte: Günter Guillaume.

Die schlimmste Panne


Hier muss ich auf die schlimmste Panne zu sprechen kommen, die schließlich zum Rücktritt von Willy Brandt führte: unser Verhalten nach der Mitteilung Hans-Dietrich Genschers (Innenminister, Red.), man müsse Guillaume observieren. Hierüber ist in den letzten Wochen so manches geschrieben und einiges ist in einem Film verarbeitet worden, der für sich in Anspruch nimmt, Fiktion zu sein und daher meint, mit den Fakten etwas großzügiger umgehen zu können. Ich möchte einiges davon berichtigen bzw. ergänzen. Der Hintergrund für die Zustimmung Willy Brandts zur Observierung von Günter Guillaume war folgender: Horst Ehmke hatte, als Guillaume ins Kanzlerbüro versetzt werden sollte, sowohl Willy Brandt als auch mir gesagt, es habe Berichte über Vorgänge aus den 50er(!)-Jahren gegeben, die mit ungeklärten Funksprüchen zusammenhingen. Er hatte uns aber ausdrücklich versichert, diese Dinge seien geklärt. Wir hatten uns daher seiner Ansicht angeschlossen, man dürfe jemanden, der vor vielen Jahren aus der DDR gekommen sei, nicht benachteiligen.

Als nun Genscher dem Bundeskanzler im Frühjahr 1973 die Bitte Günter Nollaus (Verfassungsschutz-Chef, Red.) übermittelte, Guillaume zu observieren und dabei keine neuen, aktuellen Erkenntnisse vortrug, waren wir beide der Auffassung, es handele sich um die "alten Geschichten". Und wir waren der Meinung, man solle und könne den Verfassungsschutz nicht daran hindern, ihnen noch einmal nachzugehen, auch wenn wahrscheinlich dasselbe herauskommen werde wie damals: nämlich nichts. Wir hielten den "typischen kleinkarierten Parteifunktionär", wie Willy Brandt Guillaume mehrfach bezeichnete, nicht für einen raffinierten Spion, der Staatsgeheimnisse ausspionieren könnte. Wir wurden in unserer Auffassung dadurch bestärkt, dass wir monatelang nichts mehr von Genscher oder Nollau hörten.

"Ich habe mir das nie verziehen"


Trotzdem habe ich mir später bittere Vorwürfe gemacht, dass ich dem mir von Brandt übermittelten Wunsch Genschers nachgekommen bin, mir nichts anmerken zu lassen, niemandem etwas zu sagen und am Tätigkeitsbereich Guillaumes nichts zu ändern, und dass ich darauf vertraut habe, die ermittelnden Behörden würden in Zusammenarbeit mit dem Chef des Bundeskanzleramtes, der schließlich zugleich Koordinator der Geheimdienste war, die notwendigen Vorkehrungen treffen, dass kein Schaden entstünde. Ich habe mir das nie verziehen.

Strake menschliche Persönlichkeit


Willy Brandt war ein Mann von großer physischer und psychischer Kraft. Im Urlaub lief er uns allen beim Wandern davon, und in langen Nächten war er der wachste und am anderen Morgen der frischeste. Seine Arbeitskraft war unglaublich, niemand konnte es mit ihm aufnehmen. Wie er es schaffte, trotzdem noch in der Woche zwei bis drei Bücher - darunter auch belletristische - zu lesen, ist mir bis heute unbegreiflich. Nach der Halsoperation im November 1972 - er hatte sich die Stimmbänder im Wahlkampf ruiniert - litt er als starker Raucher unter dem Rauchverbot, vor allem aber an dem Gefühl, dass Fehler gemacht wurden. Es waren gar nicht immer seine eigenen Fehler, aber er nahm sie auf sich, weil er sie nicht verhindern konnte. Autoritatives Eingreifen war ihm fremd, zumindest unangenehm. Als sich einmal zwei Minister im Kabinett wie die Kesselflicker stritten und er daraufhin angewidert in sein Zimmer ging, folgte ich ihm und fragte ihn, warum er nicht auf den Tisch gehauen und dem Streit ein Ende gemacht habe. Er antwortete nur: "Aber das sind doch erwachsene Menschen." Eine solche Haltung wurde von manchen als Schwäche angesehen, in Wahrheit gehörte sie zu seiner Persönlichkeit und damit seiner starken menschlichen Ausstrahlung.

Streit über Radikalenerlass


Man konnte ihm auch widersprechen. Darüber ist es nur einmal zu einem Streit gekommen, als ich ihm dringend von dem so genannten Radikalenerlass abriet, der Kommunisten aus dem öffentlichen Dienst fern- halten sollte. Damals kam der Berliner Antikommunist aus ihm heraus, als er mir vorhielt, Breshnew würde sich doch totlachen, wenn "seine Leute" bei uns Richter werden könnten. Später hat er - was wieder für ihn spricht - den Radikalenerlass für einen Fehler erklärt.

Willy Brandt ist nicht nur als ein großer Bundeskanzler in die Geschichte eingegangen, sondern in den Herzen und Köpfen jener geblieben, denen er durch sein Beispiel demokratisches Denken und Verhalten nahe gebracht und ihnen den Mut zu gesellschaftlichem Engagement gegeben hat."

* Reinhard Wilke war Leiter des Kanzlerbüros und später des Bundestagsbüros von Willy Brandt. 2010 erschienen seine Erinnerungen als Buch: "Meine Jahre mit Willy Brandt" mit einem Vorwort von Ulrich Wickert.

Reinhard Wilke "Meine Jahre mit Willy Brandt", Stuttgart 2010, Hohenheim Verlag, 272 Seiten, 19,90 Euro
ISBN 978-3-89850-198-9

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