Seit dem Jahr 2007 leben weltweit erstmals mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Kaum eine andere Metropole symbolisiert die Verstädterung der Erde so wie Mumbai. Nach offiziellen Angaben hat die indische Mega-City 13,9 Millionen Einwohner. Anfang der 70er-Jahre waren es knapp sechs Millionen. Mehr als die Hälfte lebt in Slums. Dennoch strömen Menschen aus allen Teilen des Landes in das Finanz- und Wirtschaftszentrum.
"Bei Mumbai ging es um die pure Migration, die die Stadt quasi zerbersten lässt", sagt Fee Hollmig. Drei Wochen lang hat die Absolventin der Berliner Ostkreuzschule den Alltag auf den Straßen mit der Digitalkamera begleitet. Ihre querformatigen Detailaufnahmen lassen die Menschen als Individuen inmitten des urbanen Chaos hervortreten. Dafür steht das Porträt eines kleinen Mädchens, das, umringt von Kinderbeinen, trotzig in die Kamera blickt.
"The Promised City"
Die 36-Jährige ist eine von 19 deutschen, indischen und polnischen Fotografinnen und Fotografen, deren Arbeiten ab dem 14. April in der "Glückssucher"-Schau im Berliner Willy-Brandt-Haus und später in Warschau und Mumbai zu sehen sein werden. Diese gehört zum Projekt "The Promised City". Mit Theateraufführungen, Filmen, Lesungen und Ausstellungen gehen das Goethe-Institut und das Polnische Institut in Berlin der oftmals trügerischen Anziehungskraft von Großstädten auf den Grund.
19 Foto-Künstler, das sind ebenso viele Perspektiven auf ein diffuses Thema, dem es unter verschiedenen Blickwinkeln an drei Orten nachzuspüren galt, die grundverschiedener nicht sein können, aber die Rolle als Sehnsuchtsort teilen: Berlin, das Traumziel von Kreativen aus aller Welt. Warschau, boomende Hauptstadt und wirtschaftliches Herz Polens. Und schließlich Mumbai, die "Traumfabrik" zwischen Bollywood und Banken. Deren Anziehungskraft verorten die Arbeiten bisweilen unter Aspekten jenseits der Klischees: So wird Warschau auch als Hochburg für gleichgeschlechtliche Subkulturen ins Bild gesetzt.
"Kleines Kind mit großen Augen"
Manchmal fällt es auf den ersten Blick schwer, zwischen den Exponaten eine geistige Verbindung herzustellen. Doch wer die Geschichten der dokumentierten Menschen kennt, liest sie in den Fotos. Alexander Labrentz und Anikka Bauer, die ebenfalls von der Ostkreuzschule kommen, haben sich für die kreativen Migranten Berlins entschieden. In von warmen Licht-und Schatteneffekten umspielten Schwarz-Weiß-Bildern hat die 33-Jährige Varieté-Artisten festgehalten, die sich diese Stadt erwählt haben, um ihre Kunst zu erlernen und zu vervollkommnen. Das leicht Verschwommene einiger Bilder scheint das ungewisse Ende jener Kunst-Arbeit an sich selbst widerzuspiegeln.
Labrentzs Fotos zeigen Theodor, einen Neuköllner Performance-Künstler, der vor 25 Jahren aus den USA in die Stadt gekommen war. Seine mit Werkzeugen und Recyclingstücken vollgestopfte Wohnung und seine Kleidung taucht er fast durchweg in gelb. Labrentzs intime Momentaufnahmen öffnen eine Tür zur inneren Welt eines Menschen, der einen Ort zur Selbstverwirklichung entdeckt hat und zum Teil seines Schaffens gemacht hat. "Ich glaube, Theodor hat sein Glück gefunden", sagt der 29-Jährige. "Hier kann er sein Leben leben, so wie er es möchte." Gleichwohl ist Labrentz bewusst, dass das Streben nach Erfüllung meist ein fließender Prozess ist: "Auf der einen Seite sieht man Glücksseligkeit in Theodors Ausdruck und in seinem Dasein, andererseits meinte ich fast ein kleines Kind mit großen Augen vor mir zu haben, das sucht und fasziniert ist."
Ein Wesenszug, den viele Wanderer in den Metropolen dieser Welt teilen dürften.
Der Freundeskreis Willy-Brandt-Haus e.V. und die Ostkreuz-Schule für Fotografie Berlin präsentieren vom 15. April bis zum 9. Mai im Rahmen des internationalen Projekts THE PROMISED CITY die Fotoausstellung " Glücksucher: Berlin - Warschau - Mumbai". Die Ausstellungseröffnung findet am Mittwoch, den 14. April 2010, um 19.30 im Willy-Brandt-Haus Berlin statt. Informationen über das Projekt "The Promised City" finden sie unter: http://www.promised-city.org/







