"Ich mache mir immer mehr Gedanken um meinen kleinen Bruder. Seit einiger Zeit verbringt er seine Freizeit nur noch mit diesen Neonazis aus unserem Ort", liest man in einem der vielen Berichte
von Betroffenen. Beim Verein "Gegen Vergessen - Für Demokratie" haben sie einen Anlaufpunkt gefunden. Seit eineinhalb Jahren bietet dieser eine kostenlose
Online-Beratung gegen Rechtsextremismus an.
Scham und Schweigen
"Springerstiefel plus Glatze ist gleich Neonazi - ganz so einfach ist es heute nicht mehr", bestätigt Martin Ziegenhagen, einer der Berater des Vereins. "Eltern können, wenn sie wachsam
sind, rechtsradikale Tendenzen ihrer Kinder aber weiterhin recht eindeutig erkennen - am Verhalten." Doch wie sollen Eltern oder Freunde reagieren, wenn sie diese Tendenzen feststellen? "Es ist
wichtig, dem Kind gegenüber die eigene politische Überzeugung deutlich zu machen. Also nicht nur, wogegen man ist, sondern vor allem wofür", rät der Diplom-Pädagoge Ziegenhagen.
Doch viele Jugendliche sind für diese Gespräche nicht offen. "Mein Sohn lässt überhaupt nicht mit sich reden. Ich versuche es immer wieder, aber er reagiert nur noch aggressiv und geht mir
aus dem Weg," schreibt eine betroffene Mutter. Um mit dieser schwierigen Situation umgehen zu können, hilft es, sich Rat bei anderen Betroffenen und Experten zu holen. Doch viele schämen sich und
haben Angst davor, das Problem publik zu machen. "Wir versuchen, die Menschen da abzuholen, wo sie stehen", erklärt Birgit Luig, die zweite Beraterin des Teams. "Wir schließen eine Lücke, für
die, die sich nicht vor Ort beraten lassen wollen oder können." Die Beratung erfolgt anonym.
Individuelle Beratung
Über 70 Betroffene werden zurzeit betreut. Sie können sich per E-Mail an das Beratungsteam wenden und erhalten innerhalb von drei Tagen eine Antwort. Außerdem werden Gespräche in
Einzelchats angeboten. Neben diesen individuellen Beratungsmöglichkeiten steht auch ein Gruppenchat zur Verfügung. Alle drei Wochen tauschen sich hier Angehörige von Rechtsextremen aus.
Beide Betreuer des Projekts geben an, durch ihre Arbeit in der Realität gelandet zu sein. "Durch die individuelle Beratung ist mir klar geworden, wie weit die Rechtsextremen tatsächlich in
der Mitte unserer Gesellschaft angekommen sind. Wir bekommen Anfragen aus fast jedem Bereich", so Luig. Auch Ziegenhagen erklärt: "Wir sind schon ganz schön an der Grenze unserer Kapazitäten."
Betroffene, die Hilfe suchen, können sich gerne unter
online-beratung-gegen-rechtsextremismus.de melden.







