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Icon   Waleri Panjuschkin: Die Nichteinverstandenen

Putins Gegner

Kai Doering • 21. March 2010

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So laut waren die Rückstrittsrufe noch nie. Ende Januar versammelten sich rund 12 000 Menschen in der zu Russland gehörenden Enklave Kaliningrad, um ihrem Ärger über die Erhöhung der Kfz-Steuern und steigender Strom- und Heizungspreise Luft zu machen. Der Schuldige stand für die Protestierer fest: Ministerpräsident Wladimir Putin.

So deutlich sich das russische Volk in der Ostsee-Enklave für mehr Geld zu Wort meldete - der "Spiegel" sprach gar vom "Menetekel von Kaliningrad" - so leise ist es, wenn es um freie Wahlen und gesellschaftliche Reformen geht. Anlass für den Protest der Menschen in Russland ist nicht der Mangel an Freiheit, "sondern die Einfuhrzölle für ausländische Autos, denn diese brauchen die Menschen offenbar dringender" schreibt Waleri Panjuschkin leicht ironisch. Doch nicht jeder im größten Land der Erde findet sich mit manipulierten Wahlen, gekauften Richtern und exekutierten Journalisten und Menschenrechtlern ab.

Ein dünnes Kapitel über Kasparow...

Da ist Maria Gaidar, die Tochter des früheren Ministerpräsidenten, die sich mit einem Transparent von einer Moskauer Brücke abseilt, oder Wissarion Assejew, der versuchte, das Geiseldrama in einer Beslaner Schule unblutig zu beenden. Der bekannteste der "Nichteinverstanden" ist allerdings wohl Gari Kasparow, der frühere Schachweltmeister, der nach seiner Karriere in die Politik einstieg und seitdem Ministerpräsident Wladimir Putin die Stirn bietet.

Kasparow widmet Panjuschkin das letzte Kapitel seines Buchs - und das dünnste. Es mag an seiner ohnehin schon großen Bekanntheit liegen oder aber daran, dass Panjuschkin den alles überragenden Großmeister nicht so interessant findet. Ganz anders sieht es mit Personen wie Natalja Morar oder Anatoli Jermolin aus, die zwar im Westen nur Eingeweihte kennen, deren Leistungen aber unbestritten groß sind.

In elf reportageartigen Porträts stellt Waleri Panjuschkin, normalerweise Redakteur bei der "Wedomosti", die Hauptfiguren der "Nichteinverstandenen" und ihre Motivation vor, sich mit teilweise spektakulären Aktionen gegen die Regierung zu stellen. Er beschreibt den Spießrutenlauf bei Demonstrationen und wie es den Protestierern immer wieder gelingt, der Polizei ein Schnippchen zu schlagen. Die Episoden, die Panjuschkin erzählt, sind mal traurig, mal lustig, jedoch stets authentisch und packend.

...und ein ungeschminkter Einblick in die russischen Verhältnisse

Anschaulich stellt der Journalist die Verhältnisse in russischen Gefängniszellen dar wie sie Regimekritikern drohen, wenn sie bei einer Demonstration verhaftet wurden. Kindlich-naiv wirken dagegen ihre Formen des Protests, wenn sich etwa Maxim Gromow den Mund mit Zwirnsfaden zunäht, um auf die Zensur der freien Meinung hinzuweisen, und sich dabei erfolglos die Backen zersticht.

Bei allem Lesevergnügen, das die Reportagen bereiten, vermitteln sie stets auch einen ungeschminkten Einblick in die Verhältnisse im heutigen Russland, diesem Land zwischen "lupenreiner" und "gelenkter" Demokratie. Dabei hat Panjuschkin keinesfalls den Anspruch objektiv zu sein - ganz im Gegenteil. Seine Porträts sind im höchsten Maße subjektiv und mit persönlicher Meinung gespickt. Gerade die macht aber "Die Nichteinverstandenen" zu einem seltenen Text aus der sonst so homogen erscheinenden russischen Gesellschaft.

Waleri Panjuschkin: Die Nichteinverstandenen, Knaur 2009, ISBN 978-3-426-78272-9, 12,95 Euro

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