Ausstellungseröffnung Zwischen Propaganda und Terror

von Theo Meier-Ewert - 30.08.2010

Berlin 1933-1945. Zwischen Propaganda und Terror
Ein Begleitkatalog zur gleichnamigen Ausstellung. Nicht enthalten sind die Sonderelemente „Adressen der Macht 1936” und „Die nationalsozialistischen Fest- und Feiertage 1937”, hg. v. Stiftung Topographie des Terrors, vertreten durch Andreas Nachama, Berlin 2010, 264 S., ISBN 978-3-941772-02-1, 10 Euro

Eine neue Dauerausstellung auf dem historischen Gelände der Stiftung Topographie des Terrors gibt einen Überblick über die Reichshauptstadt Berlin und die Folgen der NS-Herrschaft für die Stadt und ihre Bevölkerung. Hier standen einst die Befehls- und Verwaltungszentralen von SS und Gestapo.

Die Ausstellung in dem Graben entlang der freigelegten Kellermauern an der ehemaligen Prinz-Albrecht-Straße ist chronologisch und sachthematisch in fünf farblich unterschiedene Kapitel gegliedert: Berlin am Ende der Weimarer Republik, Beginn der NS-Diktatur, Kriegsjahre 1939 – 1945 und  Folgen der NS-Herrschaft. Bilder und Texte werden als lineares Band unter einem Glasdach auf 72 gläsernen Tafeln präsentiert. 11 Medienstationen mit Hör- und Filmbeispielen unterstreichen den betont nüchternen Charakter. Transparenz ist der leitender Gedanke für die gesamte Neugestaltung des Dokumentationszentrums.

Sie erlaubt jederzeit den Blick auf das Ganze, hier also aus der Ausstellung auf die Ausgrabungsreste des Gestapogebäudes und den dahinter stehenden Teil der Berliner  Mauer gegenüber dem einstigen Reichsluftfahrtministerium an der Niederkirchnerstraße. Ursachen und Auswirkungen einer „Vergangenheit, die nicht vergehen will“ korrespondieren miteinander, werden unmittelbar anschaulich: Auch Steine können also miteinander in Beziehung gebracht und damit aussagekräftig werden.

Sehr genau und einprägsam wird das NS-Ideal der rassenideologisch definierten Volksgemeinschaft herausgearbeitet. Die „arische“ Familie wurde mit  Ehestandsdarlehen, Kinderzulagen, Steuervergünstigungen und Eigenheimbeihilfen gefördert. Feste und Feiern, Inszenierungen aller Art, vom Eintopfsonntag bis zur Olympiade 1936,  stifteten Gemeinschaft und förderten das Gefühl der nationalen Überlegenheit. Dies war  Voraussetzung für die bereitwillige Unterstützung der auf die Gewinnung von Lebensraum ausgerichteten Kriegspolitik Hitlers. Sie fand ihren Höhepunkt in der von Albert Speer  seit 1937 vorangetriebenen  Umgestaltung Berlins zur „Welthauptstadt Germania“, die bis 1950 beendet sein sollte. Da sah Berlin freilich ganz anders aus als geplant.

Wer dem politischen und rassischen Ideal nicht entsprach, wurde ausgegrenzt, boykottiert,  verfolgt, deportiert und schließlich ermordet. Auch diesen Prozeß zeichnet die Ausstellung ausführlich  nach und verdeutlicht ihn immer wieder an Einzelschicksalen. Zugleich werden auch  Handlungsspielräume gezeigt, die sich dem Einzelnen eröffneten. Sie reichen von der anonymen Denunziation durch Hausbewohner bis zur Solidaritätsadresse von Bewohnern einer Kleingärtnerkolonie. Diese wenden  sich  Ende 1943 mit einer Unterschriftenaktion an die „Dienststelle für Zigeunerfragen“ gegen die beabsichtigte  Deportation von Mitbewohnern nach Auschwitz: „Wir... können über Familie Krause keine Klage führen.“

Wieder einmal wird offenbar, daß die Ausgrenzung und Verfemung Mißliebiger von Anfang an wirksam wurde  und im Alltag, vor aller Augen und in aller Öffentlichkeit, stattfand. Ganze  Zeitungsseiten mit Versteigerungsanzeigen von  nichtarischem“ Besitz sind ein Indiz dafür, und selbst Gesellschaftsspiele wie das Würfelspiel „Juden raus“ stellen sich in den Dienst der Rassenpolitik: „Gelingt es Dir, sechs Juden rauszujagen, so bist Du Sieger ohne zu fragen.“

Der Krieg war für die Berliner zunächst kaum spürbar. Das erste zerbombte Haus war 1940 noch ein  Ausflugsziel. Doch dann wurde die Stadt als Zentrale des NS-Terrors  zum wichtigsten Ziel des strategischen Bombenkrieges der Alliierten.  Ende 1943 begann die „Schlacht um Berlin“; der  Bombenkrieg wurde Alltag. Mindestens 20.000 Berliner kamen bei weit  über 300 Luftangriffen ums Leben. „Die Reichshauptstadt wird bis zum letzten Mann und bis zur letzten Patrone verteidigt“ lautete der maßgebliche Verteidigungsbefehl der Führung  vom 9. März 1945. Am 2. Mai erfolgte die Kapitulation; „berlin, der schutthaufen bei potsdam“, notierte Bertolt Brecht am 27. Oktober 1948 nach seiner Rückkehr aus dem erzwungenen Exil. Der vorzügliche Katalog enthält die Texte und Bilder der Ausstellung, außerdem acht vertiefende Essays.

 

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