Pressefreiheit

Zahl der Angriffe auf Journalisten steigt rasant

Robert Kiesel14. Januar 2016
Die Verleumdung der Medien als „Lügenpresse“ hat die rechtsextreme Szene längst verlassen, ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Immer häufiger bleibt es nicht bei verbalen Attacken. Pressevertreter leben in Deutschland zunehmend gefährlich.

Die Zahl der Angriffe auf Journalisten in Deutschland hat im vergangenen Jahr deutlich zugenommen. Das zeigen Statistiken der Organisation Reporter ohne Grenzen sowie des in Leipzig ansässigen Europäischen Zentrums für Presse- und Medienfreiheit (EZfPM). Demzufolge hat sich die Zahl der Attacken auf Journalisten verfünffacht. Das EZfPM registrierte allein im vergangenen Jahr 49 Angriffe auf Medienvertreter.

Hetze gegen die „Lügenpresse“ zeigt Wirkung

Eine entscheidende Rolle bei der Zunahme der Aggressionen gegenüber Pressevertretern attestieren Beobachter den im Herbst 2014 erstmals aufgetauchten „Gida“-Bewegungen. Sie richten sich offiziell gegen die „Islamisierung des Abendlandes“, ziehen bei ihren bundesweit stattfindenden Veranstaltungen jedoch immer wieder auch Rechtsextreme und gewaltbereite Hooligans an.

„Es gibt einen eklatanten Zusammenhang zwischen dem Aufkommen der sogenannten „Gida“-Bewegungen und der Zunahme von Angriffen auf Journalisten“, erklärt dazu Martin Hoffmann vom EZfPM. Er war neben anderen Vertretern von Print-, TV- und Onlinemedien zur Sitzung des Bundestagsausschusses für Kultur und Medien geladen. Sie sollten den Abgeordneten über die Arbeitsbedingungen von Journalisten vor dem Hintergrund von Beleidigungen, Bedrohungen und tätlichen Angriffen berichten.

Pressefreiheit unter Personenschutz

Unter anderem für Sachsen - die Schwerpunktregion schlechthin, wenn es um Angriffe auf Pressevertreter geht - berichtete Stefan Raue, Chefredakteur des Mitteldeutschen Rundfunk (MDR). Er verwies auf den „ganz klaren Zusammenhang“ zwischen Beginn der „Gida“-Demonstrationen und der Zunahme von Angriffen auf Journalisten. „Diese haben von Anfang an stattgefunden und sind nicht etwa eine Reaktion auf eine kritische Berichterstattung“, machte Raue deutlich. Mittlerweile seien Beleidigungen und Bedrohungen am Rande von Demonstrationen von Pegida in Dresden oder Legida in Leipzig „fast schon in den Alltag übergegangen“. Der MDR setze deshalb verstärkt Personenschützer ein, um Mitarbeiter und Material vor Angriffen zu schützen.

Eine drastische Maßnahme, die offensichtlich angebracht ist. Zu beobachten war das auf der jüngsten Demonstration vom „Legida“ am vergangenen Montag in Leipzig. Dort hatte die Pegida-Frontfrau Tatjana Festerling von der Bühne aus in die Menge gerufen: „Wenn die Mehrheit der Bürger noch klar bei Verstand wäre, dann würden sie zu Mistgabeln greifen und diese volksverratenden, volksverhetzenden Eliten aus den Parlamenten, aus den Gerichten, aus den Kirchen und aus den  Pressehäusern prügeln.“ Die Masse johlte und eine der Zuhörerinnen setzte das Gesagte prompt in die Tat um. Wenige Meter von der Bühne entfernt schlug sie einer erfahrenen Reporterin von MDR Info zunächst das Handy aus der Hand, boxte Sekunden später mit voller Wucht in das Gesicht der Journalistin. Nur durch Glück wurde diese dabei nur leicht verletzt.

Angriffe wie diesen zu dokumentieren ist Anliegen des Blogs augenzeugen.info. Mehr dazu lesen Sie hier.

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