Berlin und Paris betreiben Milliardenprojekte in Afrika "Wüstenstrom schon in fünf Jahren"

von Lutz Hermann - 22.07.2010
Es klingt wie die größte ökologische Herausforderung des Jahrhunderts: "Desertec" sei das bedeutendste Infrastrukturprojekt aller Zeiten und soll bis zu 400 Milliarden Euro kosten. Läuft alles nach Plan, sagt "Desertec"-Projektleiter Ernst Rauch in der "Süddeutschen Zeitung" vom 15. Juli, erfolgt der Spatenstich 2013.

Gigantisch und fast unvorstellbar, was Deutschland und jetzt auch Frankreich im Auge haben. Getreu dem Anspruch, als Energieproduzent in Europa eine führende Rolle wie der Partner zu spielen, unternimmt Präsident Nicolas Sarkozy den Vorstoß, aus Nordafrika Ökostrom über das Mittelmeer zu transportieren. Das Supervorhaben heisst "Transgreen". Keine Konkurrenz zum deutschen Plan "Desertec", versichern Pariser Fachleute, nur als "Ergänzung" wolle Frankreich mit Deutschland eine verstärkte Zusammenarbeit auf dem weltweiten Energiesektor eingehen.

"Desertec" wollte von Anfang an internationaler werden. Ernst Rauch sagt: "Wir sind heute 17 Gesellschafter, davon sieben aus Deutschland. Marokko, Algerien, Spanien, Frankreich und Italien sind schon vertreten...Wir wollen noch bis zu acht weitere Partner aufnehmen. Alle müssen laut Gesellschafterbeschluss aus der Mittelmeerregion oder dem Nahen und mittleren Osten kommen.

Solartechnik für Europas Strombedarf

"Desertec" hat als Ziel erklärt, mit Solartechnik, Photovoltaik und Windkraft in Nordafrika etwa 15 Prozent des europäischen Strombedarfs decken zu können. Das Projekt soll schätzungsweise 100 Milliarden Euro bis zum Jahr 2020 kosten. 2050 voll einsatzbereit könnten erste Anlagen 2020 in Betrieb gehen. Der Haken jedoch: Bislang fehlen "Desertec" die Netze, um den Ökostrom in großen Mengen über das Mittelmeer zu bringen. Hier wollen die Franzosen mit ihrem Knowhow im Bau von Unterseekabeln groß einsteigen. "Der Stromtransport ist ein Schlüsselelement des Desertec-Vorhabens," erklärte sein Vorstandschef Paul van Son in einem Interview mit dem Düsseldorfer "Handelsblatt" .                           

Die Industrie verfolgt mit gespannter Aufmerksamkeit, wie "Desertec" den Solar-Wüstenstrom aus den ehemaligen französischen Kolonien in den EU-Raum transportieren will. Der franzöische Partner: "Wir Franzosen wollen ebenfalls ein internationales Vorzeigeprojekt präsentieren."  Siemens hat sein Interesse gezeigt, bei den Franzosen konkret mitzumachen. "Siemens ist der natürliche Partner der Franzosen", sagte ein Unternehmenssprecherin, denn der deutsche Konzern sehe sich als Marktführer für die Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung und sei Gründungspartner von "Desertec". Im vergangenen Sommer gegründet ist "Desertec" das derzeit ehrgeizigste Infrastruktur und Solarenergie-Projekt der Welt.

Ob beide Pläne, "Transgreen" und "Desertec", sich auf dem Energiemarkt Konkurrenz bieten, wird sich zeigen. Politisch will Sarkozy seine engen Beziehungen zu den drei ehemaligen Kolonien Algerien, Marokko und Tunesien spielen lassen. Frankreich ist Initiator der vor zwei Jahren mit drei Dutzend Staaten gegründeten Mittelmeer-Union. Deutschland war anfangs ausgeschlossen, was zu erheblicher Verstimmung in Berlin geführt hat. Im nachhinein wurde Deutschland als Mitglied aufgenommen. Nun wartet die Fachwelt gespannt auf die Vorlage des "Transgreen"-Konzepts. Auf der letzten Spitzenkonferenz der Mittelmeer-Union vor einigen Monaten in Kairo wurden die französischen Vorstellungen in Umrissen bekannt, Umweltminister Jean-Pierre Borloo will sie im Herbst  vorstellen.

Das Geschäft soll lohnend sein

An Kapazitäten wurde bisher lediglich bekannt, dass "Transgreen" etwa 20 Gigawatt bis 2020 produzieren könnte, fünf Gigawatt sollen nach Europa übertragen werden. Transportverbindungen sollen zwischen Algerien und Spanien, Ägypten und Griechenland sowie zwischen Italien und Libyen hergestellt werden.

Nach Angaben des französischen Projektleiters André Merlin werde die Vorbereitungsphase zur Verlegung von Kabeln Ende dieses Jahres beginnen. 10 bis 15 Industrieunternehmen beteiligen sich an "Transgreen". Geringe Erzeugerkosten können die hohen Transportaufwendungen unter dem Meer aufwiegen und das Geschäft für die Konzerne lohnend machen, erhoffen sich die Experten in beiden Ländern.

Der angekündigte Klimawandel hat nicht nur Fürsprecher. Einige Experten in beiden Ländern fragen sich, ob die Erderwärmung "wirklich" eine ausgemachte Sache sei. Darauf die Antwort von "Desertec"-Projektchef Rauch: "Am Klimawandel und den wissenschaftlichen Ergebnissen ist nicht zu rütteln. Klimawandel findet statt, und er ist menschengemacht. Wir sehen eindeutig, dass die Anzahl wetterbedingter Naturkatastrophen in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen hat. Wir registrieren heute dreimal mehr schwere Sturm- und Überschwemmungskatastrophen als vor 30 Jahren!"

Kein Zurück also, kein Stillstand, keine Kompromisse, der Weg zum Solarenergieausbau muss beschritten werden. Noch einmal Rauch: "Es ist volkswirtschaftlich richtig und sinnvoll, jetzt erneuerbare Energien drastisch auszubauen. Sie schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe: Der Klimawandel  wird gebremst, und Risiken anderer Technologien im Laufe der Zeit vermieden. Wir werden noch lange einen Mix aus verschiedenen Energieträgern haben. Aber: Es ist höchste Zeit, umzusteuern..."
 

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