Er ist gekommen, um zuzuhören. Und so sitzt Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit – grauer Anzug, gestreiftes Hemd ohne Krawatte, dafür gleich zwei Knöpfe geöffnet - an diesem sonnigen Augustmorgen im Gemeinderaum der Kreuzberger Christuskirche vor etwa 40 Anwohnern, die ihm ihr Leid klagen.
„Unser Kiez ist in den letzten Jahren lebenswerter geworden“, sagt Berti Wahl, Mitglied des Anwohnervereins „Graefekiez e.V. „Und was ist die Folge: Die Mieten gehen hoch und die Leute müssen wegziehen.“ Eine Rentnerin, nach eigenem Bekunden seit mehreren Jahrzehnten im Grafekiez ansässig, fühlt sich mittlerweile nur noch als „Störfaktor“ für Investoren. Ein Dritter vermisst die früher typische „Kreuzberger Mischung“ bei den Anwohnern.
Ein Besuch in jedem Bezirk
Es ist kein einfacher Beginn von Klaus Wowereits eintägiger Tour durch Friedrichshain-Kreuzberg. Im Laufe des Jahres möchte der Regierende Bürgermeister jedem der zwölf Berliner Bezirke einen Besuch abstatten, um die spezifischen Probleme vor Ort kennenzulernen. Und die scheinen hier, im äußersten Osten Kreuzbergs massiv zu sein.
Den Anwohnern im Gemeindesaal kann Wowereit nicht sehr viel Hoffnung auf eine schnelle Verbesserung ihrer Lage machen. „Das Land hat wenige Möglichkeiten, Mieterhöhungen zu verhindern“, gesteht er. In diesem Bereich sei der Bund zuständig. „Wenn die Stadt prosperiert, steigen die Mieten“, erklärt der Regierende Bürgermeister. Allerdings funktioniere das nur, wenn auch die Löhne wachsen würden. „Keiner darf draußen bleiben“, laute daher das Credo.
Ärger auf der Party-Brücke
Dann muss Klaus Wowereit weiter. Pastor Gabriel Straka wünscht dem Stadtoberhaupt noch einen „erlebnisreichen Tag in Kreuzberg“ und weg ist Wowereit. Doch weit kommt er nicht. Ein paar Meter von der Kirche entfernt, bringt ihm ein Straßenmusiker ein spontanes Ständchen. Wowereit setzt sich auf die Bank neben ihm und lauscht. „Es war nett, Sie kennenzulernen“, sagt der Musiker zum Abschied.
Einen Espresso und einige Smalltalks weiter steht Klaus Wowereit auf der Admiralbrücke. Sie führt über den Landwehrkanal und ist in den letzten Jahren zum einem Magnet für junge Touristen aus dem In- und Ausland geworden. Allabendlich sitzen sie während der Sommermonate hier, machen Musik und unterhalten sich – sehr zum Ärger der Anwohner, die sich vom Lärm belästigt fühlen. Erst am Abend zuvor musste die Brücke von der Polizei geräumt werden.
Weltstadt bis 22 Uhr
„Die Leute kommen hierher, um sich zu amüsieren und nicht aus Bosheit“, zeigt Wowereit Verständnis für die Feierfreunde. Auf die Frage einer Journalistin, ob er selbst als Mitte Zwanzigjähriger auch auf der Brücke feiern würde, mag der Regierende Bürgermeister dann aber doch nicht antworten. Doch er lässt sich von der Polizei und einigen Anwohnerinnen über den aktuellen Stand des laufenden Mediationsverfahrens informieren. Im Herbst ist mit Ergebnissen zu rechnen. „Wir hoffen, gemeinsam mit den Anwohnern eine Lösung zu finden“, betont Bezirksstadtrat Peter Beckers.
Dann ist auch dieser Ortstermin beendet. Klaus Wowereit geht weiter zum Kottbusser Tor, einem der zentralen Drogenumschlagplätze der Hauptstadt. „Berlin ist Weltstadt – bis 22 Uhr“, hat jemand ein paar Meter weiter mit Kreide an eine Wand geschrieben. Der Regierende Bürgermeister hat den Satz nicht gesehen.
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