Der Wasserkessel pfeift. Fred Bloggs sitzt am Küchentisch in seiner Wohnung in Colchester — der durchschnittlichsten Stadt Englands, im County Essex, nordöstlich von London gelegen — und studiert vergilbte Zeitungsartikel von 2005. »Jobchancen in Großbritannien«, »Das britische Arbeitsmarktmodell sorgt für Wachstum«, »Die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes hat die Arbeitslosenquote auf rund fünf Prozent gesenkt«, lauten die Schlagzeilen von Independent, Times und Daily Telegraph. Vor fünf Jahren war der britische Arbeitsmarkt gesund und Bloggs Angestellter der Kaufhauskette Williams & Griffith.
Heute schreibt die Presse: »Die Wirtschaftskrise hat die Arbeitslosigkeit in Großbritannien auf den höchsten Stand seit 16 Jahren getrieben« und Bloggs hat die längste Zeit Krawatten verkauft. Das britische Sozialsystem kann die steigende Armut im Land ebenso wenig verhindern, wie der 1999 eingeführte Mindestlohn.
"Unterbeschäftigt" in England
Fred Bloggs ist in Großbritannien der deutsche Max Mustermann, der französische Jean Dupont — ein Jedermann, Durchschnitt. Laut dem Office for National Statistics (ONS), dem britischen Statistischen Bundesamt, ist Fred Bloggs 39 Jahre alt. Er trinkt drei Tassen Tee am Tag, glaubt an Gott und mag keinen Rosenkohl. Bloggs hat gar kein Geld, um sich Rosenkohl zu kaufen — selbst wenn er eine Ausnahme der Regel wäre.
Im April 2010 war er einer von 2,5 Millionen arbeitslosen Briten, einer von 1,5 Millionen Arbeitslosengeldempfängern und gehörte zu den insgesamt 2,8 Millionen Menschen, die das ONS als »unterbeschäftigt« klassifizierte. Der Durchschnittsbrite ist verheiratet und hat zwei Kinder. Um die Darstellung des ohnehin schon komplizierten britischen Sozialsystems nicht noch komplizierter zu machen, lebt Fred Bloggs in dieser Geschichte allein. Er hat dadurch viel Zeit, in seinem Wohnviertel auf die Suche nach weggeworfenen Zeitungen zu gehen. Eine gratis Beschäftigung.
Wer in Großbritannien arbeitslos oder weniger als 16 Stunden die Woche lohnbeschäftigt ist, bekommt wöchentlich 76 Euro Jobseeker’s Allowance — ein sogenanntes Unterhaltsgeld für Arbeitssuchende. Je nach Bedürftigkeit gibt es Zuschüsse für Wohnung, Kleidung und andere Grundbedürfnisse. Wer jünger ist als 25 Jahre, hat Anspruch auf 59 Euro, ein Paar auf 120 Euro wöchentlich. »Zuviel zum Sterben, zu wenig zum Leben«, sagt Bloggs und nippt an seinem gemilchten Schwarztee.
Wer arbeiten kann, soll dies bedingungslos tun?
Der Bankencrash und die damit einhergehende wirtschaftliche Rezession verschonten auch den britischen Arbeitsmarkt und seine Werktätigen nicht. Dabei schien das Großbritannien nach Magret Thatcher alles richtig zu machen: Tony Blairs »New Deal« setzte auf intensive Beratung und Vermittlung und die Devise: »Wer arbeiten kann, soll dies bedingungslos tun«.
Langzeitarbeitslose (länger als zwei Jahre ohne Job) werden beraten, vermittelt und als Ultima Ratio in subventionierte Arbeitsverhältnisse gesteckt. Der Niedriglohnsektor, der britischen Dienstleistungsgesellschaft — rund 80 Prozent aller Erwerbstätigen waren 2009 im tertiären Sektor beschäftigt —, wächst und wächst. Auf der anderen Seite vertraut London seit Jahren auf eine konsequent angebotsorientierte, flexible Wirtschaftspolitik und die Eigeninitiative seiner Arbeitenden wie Produzierenden.
Wenn die Konjunktur nicht mehr anzieht...
Seit Thatcher sind die Gewerkschaften geschwächt. Der sozialen Schieflage, die der freie Markt zwangsläufig erzeugt, setzt die Politik geringe Mindestlöhne und Kombilohnmodelle für die Working Poor entgegen. Die Zahlen gaben dem britischen Liberalismus ein Jahrzehnt lang Recht: Zwischen 1993 und 2004 ging die Arbeitslosigkeit auf der Insel von zehn auf 4,7 Prozent zurück. Doch in der Krise offenbart der freie Markt seine Achillesferse: Der lockere Kündigungsschutz lässt Arbeitgeber in der Regel zwar schnell Personal entlassen, aber auch zügig wieder einstellen, sobald die Konjunktur anzieht. Aktuell greift dieser Mechanismus nicht mehr. Die britische Wirtschaft liegt am Boden, die Arbeitslosenquote wieder bei acht Prozent und immer mehr Briten sind auf das existenzsichernde Minimum staatlicher Maßnahmen angewiesen.
Bloggs berufliche Karriere ist nicht unbedingt das, was man als »straight« bezeichnen würde. Mal verkaufte er Privatversicherungen, mal Telefonverträge. Die letzten fünf Jahre hatte er sich auf Krawatten spezialisiert. Häufig wechselnde Jobs sind für geringer qualifizierte Briten nichts Besonderes. Im England der 1990er Jahre wurde die Arbeitslosigkeit dabei für kaum jemanden zum Dauerzustand. Für die Zeit zwischen zwei Jobs lebte Bloggs auf Pump. Ein paar Monate später zahlte er zurück.
Heute sieht die Lage anders aus. Vor fünf Monaten setzten Williams & Griffith ihren Mitarbeiter vor die Tür. Nicht weil er schlecht verkauft hätte — er war schlicht und ergreifend als Letzter in die Abteilung für Herrenoberbekleidung gekommen und musste in der Krise als Erster wieder gehen. Bei Williams & Griffith verdiente Bloggs etwa 300 Euro die Woche. Elf Prozent, also 33 Euro, zahlte er davon an die National Insurance. Dieser Sozialfonds ist das britische »Rundum-sorglos-Paket« — Sozial-, Arbeitslosen-, Gesundheits- und Rentenversicherung in einem.
76 Euro Jobseeker’s Allowance pro Woche
Da Bloggs vor seiner Arbeitslosigkeit mindestens zwei Jahre in die Sozialkasse eingezahlt hat, bekommt er nun vom Department for Work and Pensions ein halbes Jahr lang wöchentlich 76 Euro überwiesen. So ergeht es allen alleinstehenden Briten, die zwischen 18 und 60 (Frauen) respektive 65 (Männer) Jahre alt sind und in einem Angestelltenverhältnis mehr als 16 Stunden in der Woche arbeiten: Sie zahlen lohnabhängige Beiträge ein und bekommen im Falle der Arbeitslosigkeit einen lohnunabhängigen Fixbetrag wieder raus.
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