vorwärts.de: Herr Yüksel, seit dem 17. Mai wird die Deutsche Islamkonferenz (DIK) fortgesetzt. Neben Vertretern von Bund und Ländern und Repräsentanten islamischer Verbände sitzen dort auch Einzelpersonen betei, um die nicht organisierten Muslime zu repräsentieren. Wen repräsentieren Sie?
Turgut Yüksel: Die Verbände geben vor, im Namen von MuslimInnen zu sprechen, vertreten aber nur eine Minderheit von – nach übereinstimmenden Expertenschätzungen – ca. 15 % der muslimischen Bevölkerung. Die Verbände sind keine legitimierte Repräsentanz in Deutschland. Sie sind aber auch ein Teil der Muslime. Die überwiegende Mehrheit der Muslime ist jedoch nicht organisiert und will sich in diese Gesellschaft integrieren, zugleich ihrer Religion nachgehen und ihren Gottesdienst ausüben. Ich setze mich für diese große Mehrheit ein, die ihre Religion als private Angelegenheit und ohne jegliche Diskriminierung ausüben möchte.
Als säkularer Muslim versuche ich, den Interessen der nicht organisierten Muslime eine Stimme zu geben und möchte nicht, dass die öffentliche Aufmerksamkeit sich allein auf die organisierte Minderheit richtet. Ich bin nicht der von dieser Mehrheit legitimierte Repräsentant, bin aber repräsentativ. Also eine Stimme für Viele, die genauso denken wie ich.
Was erhoffen Sie sich von der DIK?
Die BürgerInnen muslimischer Herkunft sind untrennbarer Bestandteil unserer Gesellschaft. Deshalb muss Deutschland sich dieser gesellschaftlichen Realität stellen. Überhaupt ist die Gründung der DIK ein wichtiger Schritt in eine gute Richtung. Die DIK ist eine wichtige Gesprächs- und Diskussionsplattform und kann Empfehlungen aussprechen. Es kommt nun darauf an, ob die VertreterInnen der Länder und Städte diese Empfehlungen zu eigen machen und ob die Verbände die Diskussion in die jeweiligen Gemeinden hineintragen. Hier sehe ich aber auch, dass das der Weg das Ziel sein soll.
Im Vorfeld der Deutschen Islamkonferenz gab es Auseinandersetzungen um den Islamrat, weil gegen führende Mitglieder dieses Verbandes strafrechtlich ermittelt wird. Nun hat dieser Konflikt dazu geführt, dass auch der Zentralrat der Muslime nicht an der DIK teilnimmt? Wie bewerten Sie das Verhalten der Verbände?
Die Suspendierung des Islamrates bzw. der „Milli Görüs“ hat mit der staatsanwaltschaftlichen Ermittlung gegen die Vertreter dieser Institution zu tun. Deshalb hat der Innenminister so entschieden. Das Verhalten dieser Verbände ist ihrer guten Absicht von Integration nicht dienlich. Die Kritik der Verbände an der personellen Zusammensetzung der DIK ist zwar nachvollziehbar, weil sie den Anspruch erheben, dass die öffentliche Aufmerksamkeit sich allein auf sie als Wortführer der organisierten Minderheit der Muslime richten soll. Gerade der Zentralrat der Muslime (ZDM) sollte sich bei seiner Kritik an den Themen und der Zusammensetzung der DIK zurückhalten. Der ZDM sollte sich vielmehr über seine Zusammensetzung und dessen Unterorganisationen Gedanken machen, die zum Teil wegen Islamismusverdachts unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stehen. Ich bin aber dennoch bereit, mich mit allen an einen Tisch zu setzen. Schließlich heißt Dialog auch mit denen zu kommunizieren, die nicht angenehm sind oder anders sind als ich.
Von Seiten der Verbände wurde insbesondere die mangelnde Sensibilität für die scheinbar wachsende Islamophobie kritisiert. Hätte sich auch das BMI geschickter verhalten können?
Man hat die Beanstandung ernst genommen und es wurden zusätzlich noch zwei weitere Verbände, wie „Zentralrat der Marokkaner in Deutschland e.V.“ und "Islamische Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland e.V. (IGBD)", eingeladen. Sie sind nun Mitglied der DIK. Durch ein Fernbleiben isoliert der ZDM sich selbst. Der inhaltliche Vorwurf ist auch falsch und nicht stichhaltig. Die Auseinandersetzung mit Islamophobie und Islamfeindlichlichkeit und deren Bekämpfung sind Bestandteile des beschlossenen Arbeitsprogramms der DIK.
In der Vergangenheit wurde an dem Sinn der DIK gezweifelt, weil sie kaum öffentlich wahrnehmbare Ergebnisse erzielen konnte. Denken Sie nach dem Eindruck der ersten Sitzungen, dass die Arbeit nun konkreter werden wird?
Bislang wurde in der Islamkonferenz ein eher allgemeiner Dialog geführt, der auch wichtig war. Jetzt soll es konkreter werden. Die Erfahrungen aus den Kommunen und der Praxis sollen eingebracht werden. Die Begegnungen, der Dialog und die Auseinandersetzungen finden ja dort statt. Diese Erfahrungen sind wichtig bei Diskussionen über den islamischen Religionsunterricht, Moscheebauten, Bildung, Geschlechtergerechtigkeit und Prävention. Wir sind noch am Anfang. In einem Jahr werde ich die Frage besser beantworten können.
Herr Yüksel, Sie sind nicht nur Jugendreferent, sondern als Sozialdemokrat auch seit drei Jahrzehnten politisch aktiv und hatten bereits ein Landtagsmandat inne. Wieso hat die Sozialdemokratie sich nicht in vergleichbarer Weise um das Thema Islam in Deutschland gekümmert? Was muss sich da ändern?
Die Sozialdemokratie nimmt zwar das Thema ernst, aber reaktiv. Es muss der SPD gelingen, die Debatten zum Islam ohne Tabu positiv zu besetzen und auf die Bedürfnisse der Menschen muslimischer Herkunft entsprechende Antworten zu finden, ohne dass die Vertreter des politischen Islams die Chance bekommen, sie zu instrumentalisieren und zu missbrauchen.
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