vorwärts-online: Frau Tatje, was macht eigentlich eine Demographiebeauftragte?
Susanne Tatje: Der Oberbürgermeister der Stadt Bielefeld Eberhard David hat im April 2004 die neue Stabsstelle „Demographische Entwicklungsplanung“ in seinem Dezernat eingerichtet. Dadurch hat er den Themenkomplex hochrangig in der Verwaltung verankert. Und auch mit Kompetenzen ausgestattet wie ein Mitzeichnungsrecht bei Planungsvorhaben, das dafür sorgen soll, dass der demographische Faktor bei künftigen Entscheidungen berücksichtigt wird.
Aber meine Aufgabe ist es auch, aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen auszuwerten und das Thema in der Stadt Bielefeld bekannt zu machen. Eine meine Hauptaufgaben: Ein kommunales Handlungskonzept entwickeln mit Vorschlägen, wie sich die Stadt Bielefeld auf die zukünftigen Herausforderungen durch den demographischen Wandel einstellen kann, also Entscheidungshilfen für die Zukunft zu geben.
Dieses Konzept mit dem Titel „Demographischer Wandel als Chance?“ liegt inzwischen vor, es ist nach intensiven Beratungen Ende August 2006 fraktionsübergreifend und einstimmig im Rat der Stadt Bielefeld beschlossen worden und wird jetzt umgesetzt.
Wie können Städte und Gemeinden auf den demographischen Wandel reagieren, haben sie überhaupt Handlungsmöglichkeiten?
Wir können den demographischen Wandel nicht aufhalten oder gar umkehren, darüber sind sich alle Experten einig. Aber: Wir können die Veränderungen in unseren Städten und Gemeinden mitgestalten und in eine positive Richtung lenken. Und uns im Kern darüber verständigen: Was für eine Stadt wünschen wir uns? Und auf welcher Basis von Werten und Normen wünschen wir uns diese Stadt?
Denn es liegt an uns, ob wir alte Menschen in unserer Gesellschaft isolieren oder ob wir engagierte Seniorinnen und Senioren in unser Gemeinwesen einbinden. Es liegt an uns, ob das Zusammenleben künftig durch soziale und kulturelle Konflikte geprägt sein wird oder ob es gelingt, die verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu integrieren. Wichtig ist vor allem: Wir müssen jetzt aktiv werden.
Aber in den Städten und Gemeinden ist eine positive Leitbildentwicklung mit entsprechenden langfristigen Strategien für politisches Handeln immer noch eher selten. Auf den ersten Blick verwundert das, denn der Demographische Wandel ist inzwischen das Medienthema geworden. Aber – ein zweiter Blick - wenn wir uns mit den Folgen befassen, müssen wir weit reichende Perspektiven und Strategien in den Blick nehmen - und die reichen deutlich über die nächsten Wahltermine hinaus. Das erklärt vielleicht das Zögern. Trotzdem: Wir brauchen unbedingt positive Ziele, um den demographischen Wandel kreativ zu gestalten.
Eine entscheidende Voraussetzung, um das Demographiethema erfolgreich in einer Kommune zu verankern ist in meinen Augen eine einheitliche Strategie und politisch abgestimmte langfristige Ziele und damit Planungen. Wir benötigen passgenaue Vorschläge für unsere Städte, die wir – ganz wichtig – zusammen mit den Bürgerinnen und Bürgern erarbeiten – Alt und Jung. Mein Anliegen ist es, Menschen für dieses sperrige Thema zu interessieren, damit sie sich an der Diskussion über die Zukunft ihrer Stadt beteiligen.
Ein Beispiel: Die „Demographischen Stadtrundgänge“, die ich für Bielefeld mit dem Historiker Thomas Niekamp entwickelt habe. Die Idee, die dahinter steckt, ist einfach: Nach einer kurzen Einführung in das Demographiethema und die Stadtgeschichte können Bürgerinnen und Bürger hautnah erfahren, wie sich eine Stadt wandeln kann – von der Vergangenheit in die Gegenwart mit Blick in die Zukunft. Diese Rundgänge sind auf ein großes Interesse gestoßen. Und das bestätigt mich in meinem Gefühl, dass Menschen sich durchaus informieren möchten und Interesse an ihrer Stadt haben. Das ist unsere große Chance!
In Zukunftsvisionen wird of das Bild einer vergreisenden und kinderarmen Gesellschaft projiziert. Gibt es auch positive Aspekte?
Ja, wir betreiben viel zu viel Schwarzmalerei. Ich will das Thema keineswegs schön reden, aber diese Horrorszenarien lösen vorrangig Angst aus, und Angst ist ein schlechter Ratgeber. Und: mit der Angst der Menschen lassen sich auch gute Geschäfte machen. Deswegen finde ich es sehr gut, dass es inzwischen in einigen Medien eine Versachlichung der Diskussion gibt.
Mein Anliegen in der Stadt Bielefeld ist es, dazu beizutragen, auch die Chancen zu nutzen, die die Bevölkerungsentwicklung bietet. Das „weniger, älter und bunter werden“ muss nicht zwangsläufig ein Drama sein. Als positiver Effekt des demographischen Wandels gewinnt das Thema „Familie und Kinder“ wieder an Bedeutung in unserer Gesellschaft. So denken z.B. Politik und auch Firmen über eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie nach, um gut ausgebildete Frauen im Unternehmen zu halten.
Ich bin vom diesem offensichtlichen Mentalitätswechsel sehr beeindruckt, Kinder- und Familienpolitik steht zum Glück inzwischen ganz oben auf der politischen Agenda. Ein anderer Aspekt: Bessere Berufschancen von Mädchen, denn die Wirtschaft braucht zukünftig durch den Bevölkerungsrückgang dringend qualifizierte Arbeitskräfte. Außerdem bietet der Bevölkerungsrückgang in "schrumpfenden Städten" die Chance, Stadträume attraktiver zu gestalten und die urbane Lebensqualität zu verbessern.
Interview: Karsten Wiedemann
Weitere Infos: http://www.bielefeld.de/de/rv/ds_stadtverwaltung/demo/
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