
Hermann Albers ist seit 2007 Präsident des Bundesverbands WindEnergie e.V.
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vorwärts.de: Herr Albers, in Deutschland werden auch weiter größere Kraftwerkeinheiten geplant. Sehen Sie hier eine Gefahr für den weiteren Ausbau von Erneuerbaren Energien?
Albers: Diese Gefahr liegt auf der Hand, denn Erneuerbare Energien und neue Kohlekraftwerke passen nicht zusammen. Sie stehen in einem grundsätzlichen Systemkonflikt. Wer heute dem Neubau weiterer Kohlekraftwerke oder gar der Laufzeitverlängerung von Kernkraftwerken das Wort redet, hat weder den notwendigen Systemwechsel in der Energiewirtschaft hin zu Erneuerbaren verstanden noch die Dramatik des Klimawandels. Der Bau neuer Kohlekraftwerke vergrößert die Klimahypothek. Sie nehmen den Erneuerbaren Energien den Raum im Netz und gefährden so ihren Vorrang.
Das deutsche Stromnetz ist auf den Zuwachs der Erneuerbaren Energien nicht vorbereitet. Warum kommt der Netz-Ausbau so langsam voran?
Ganz einfach: Der Netzausbau kostet Geld. Die Netzbetreiber müssen investieren, um die Stromproduktion der konkurrierenden erneuerbaren Energieerzeuger abnehmen zu können. Da wundert es kaum, dass der Netzausbau nicht die allerhöchste Priorität im Alltagsgeschäft von Vattenfall & Co. hat.
Trotz des verschleppten Netzausbaus stehen aber genug technische Optimierungs- und Verstärkungsmöglichkeiten für das vorhandene Netz zur Verfügung, um die Stromproduktion der Erneuerbaren Energien abzunehmen.
Was erwarten Sie sich vom Energieleitungsausbaugesetz?
Das Energieleitungsausbaugesetz ist leider ein zu kurzer Schritt in die richtige Richtung. Es ist ein wichtiges Signal für die Windenergie, dass das Energieleitungsausbaugesetz auch bei den regionalen Zubringernetzen eine Möglichkeit zu Erdverkabelung einführt. Der Gesetzgeber bleibt aber deutlich hinter einer dauerhaften Lösung zurück, wie sie etwa in Dänemark in einer Allparteienübereinkunft pro Erdkabel gewählt wurde. Mutigere Schritte müssen in den nächsten Jahren von gesetzgeberischer Seite folgen.
Ein internationales Konsortium hat kürzlich den Bau eines Solarkraftwerkes in Nordafrika angekündigt, dass Strom für Europa liefern soll. Ist ein ähnliches Projekt bei der Windenergie denkbar?
Die Unternehmensinitiative unter Führung der Münchener Rück denkt erst einmal nur laut über eine Machbarkeitsstudie für die Realisierung des Desertec-Projekts nach. Der Rest ist Medienrummel. Ob Wüstenstrom wirklich einen Beitrag zur europäischen Stromversorgung wirtschaftlich leisten kann, bleibt also abzuwarten. Für die kurz- und mittelfristige Stromversorgung Deutschlands ist ein zügiger Ausbau der Erneuerbaren Energien in allen Regionen Deutschlands ohne Alternative.
Die von der Desertec-Initiative vorgesehene HGÜ-Technik lässt sich schon heute für die Speicherung von Windstromüberkapazitäten in norwegischen Wasserspeichern nutzen. Warum also in die Ferne und Zukunft schweifen, wenn jetzt und hier vor Ort die Arbeit wartet?
Dänemark will die Offshore Windenergie massiv ausbauen. Warum spielt Offshore in Deutschland bisher eine untergeordnete Rolle?
Die Rahmenbedingungen für die Nutzung der Windenergie auf hoher See sind in Dänemark deutlich günstiger als in Deutschland. Dänische Offshoreprojekte stehen küstennah und in geringer Wassertiefe. Das ist in Deutschland genau diametral. Die geplanten deutschen Offshore-Windparks sollen bis zu 40 Kilometern von der Küste entfernt und in Wassertiefen bis zu 40 Metern entstehen. Diese Bedingungen machen Offshore in Deutschland zu ingenieurtechnischem Neuland.
Keine der im Bundestag vertretenen Parteien stellt das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) mehr in Frage. Welche Rolle spielt das Thema Erneuerbare Energien im Bundestagswahlkampf?
Das Bekenntnis aller Parteien zum EEG könnte sich für die Branche als trügerische Sicherheit erweisen. Die deutsche Energiepolitik steht im Superwahljahr 2009 vor einer Grundsatzentscheidung: Energieeffizienz und weiterer Ausbau der erneuerbaren Energien oder Laufzeitverlängerung für deutsche Kernkraftwerke.
Beides wird nicht gehen. Ein längerer Betrieb von Kernkraftwerken passt nicht mit dem Ausbau von Wind, Sonne und Co zusammen. Wir brauchen keine Brückentechnologien wie Kernkraft oder neue Kohlekraftwerke mit Kohlendioxidabspeicherung. Wir können eine sichere Stromversorgung aus erneuerbaren Energiequellen auch zur Zeit der höchsten Stromnachfrage zuverlässig gewährleisten.
In den nächsten Wochen kommt es darauf an, den Wahlkreiskandidaten, vor allem aber Wählerinnen und Wählern zu erklären, warum die Stromversorgung der Zukunft erneuerbar ist.
Interview: Karsten Wiedemann
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Studie: Stromverbrauch stagniert bis 2030
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