Bericht von der Berliner Modewoche Wie man als Obdachloser Fashion Model wird

Die Berliner Modewoche bot einer Vielzahl von jungen Talenten die Möglichkeit, ihre faszinierende Kreationen vorzustellen - und dabei auf ungewöhnliche Models zurückzugreifen. Christiane Leonhardt und Christian Janssen berichten für vorwärts.de von den spannendsten Modepräsentationen.

Vom Anfange der menschlichen Zivilisation an besteht eine Wechselwirkung zwischen den gesellschaftlichen Zuständen einerseits und dem kulturellen Schaffen andererseits, wobei sich von der Kultur das, was man heutzutage Mode nennt, nicht trennen läßt.

Die nunmehr fest zum Veranstaltungskalender der Modebranche gehörende Berliner Modewoche im Sommer vereint erstens die traditionellen Absolventenmodenschauen der Berliner Hochschulen und Modeschulen, zweitens die Modenschauen etablierter Modeschöpfer sowie drittens mehrere Modemessen.

Anlaufpunkt für die meisten Modenschauen war wieder das Veranstaltungszelt auf dem Bebelplatze neben der Staatsoper Unter den Linden. Diesmal verteilte sich das Geschehen rund um die Mode auf einen Veranstaltungsmarathon vom 30.06.2009 bis zum 05.07.2009 und eine abschließende Einzelveranstaltung am 10.07.2009.

Talentschmiede für den Modenachwuchs

Die Ausbildungseinrichtungen bestätigten mit ihrer Experimentierfreudigkeit einmal mehr ihren Ruf als Talentschmiede für den innovativen Nachwuchs unter den Modeschöpfern.

Die Kunsthochschule Berlin-Weißensee präsentierte sich gleich zweimal. In einer Ausstellung für die Presse waren lebendige Laufstegmodelle als leblose Schaufensterpuppen einen abgesteckten, schmalen Gang entlang aufgestellt.

Diese Anordnung bedeutete eine Herausforderung für beide Seiten. Um sich in der vorgegebenen knappen Zeit einen fundierten Eindruck zu verschaffen, mußten sich die Journalisten wie vor zweitausend Jahren der dünne Heerwurm unter Publius Quinctilius Varus durch den Gang von Puppe zu Puppe vorarbeiten.

Demgegenüber wurden Standhaftigkeit und Durchhaltevermögen der Modelle auf eine harte Probe gestellt. Sie standen wie Eichen bis auf ein Modell, das die Wucht des hier verdichteten schöpferischen Potentials buchstäblich umhaute.

Nachwirkungen zeigten sich insoweit, als auf der nachfolgenden Laufstegmodenschau zu beobachten war, daß einige Modelle in einer Art Befreiungsaktion noch vor dem Ende des Laufsteges die Schuhe von ihren lädierten Füßen kickten und den Rest humpelnd zurücklegten.

Ein Wohnzimmersessel als Kleid

Die Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin verband erneut schlicht-elegantes Design mit hoher Praxistauglichkeit. Die Modenschau der Berliner Modeschule ESMOD stand unter dem Motto “I am different but I love you”.

Die sonst übliche Auszeichnung einiger Absolventen als letzter Teil der Modenschau der Universität der Künste Berlin entfiel, weil die Hochschule das Zelt auf Geheiß der Hausherrin pünktlich um 23.00 Uhr räumen mußte, womit die Hausherrin die Chance vertat, sich als gute Gastgeberin zu zeigen.

Dies trübte jedoch nicht die Erinnerung an die regelrechten Kunstwerke, welche auf der Modenschau zuweilen aufgetaucht waren. Beispielsweise hatte ein Kleid die Gestalt eines Wohnzimmersessels, dessen Rückenteil und Armlehnen den Oberkörper bequem umhüllten; durch die Bewegung über den Laufsteg fand dieses Möbel zu seiner Bestimmung: es wurde mobil.

"strassen|feger" als Models

Der Gedanke der Mobilmachung stand auch hinter einer anderen Modenschau. Der Münchner Patrick Mohr, der im Jahre 2007 an der Modeschule ESMOD den Preis “Prix Créateur” erhalten hatte und nun wie andere etablierte Modeschöpfer seine neue, für den Frühling und Sommer 2010 konzipierte Kollektion vorstellte, ging es nicht alleine um den Kommerz, sondern er verfolgte auch ein soziales Anliegen. Neben gewöhnlichen Modellen wollte er seine erste große Modenschau mit Modellen bestreiten, deren Gesichter Lebenserfahrung widerspiegelten und nicht glatt und ausdruckslos waren. Er dachte an Obdachlose und Arme, weshalb er die Verkäufer der Berliner Zeitung “strassen|feger” nach ihrer Bereitschaft fragte, zur Abwechslung einmal über den Laufsteg zu schreiten.

Die Resonanz war groß. Dreißig Interessenten teilten Patrick Mohr ihre Körpermaße und Konfektionsgröße mit. Das “Casting” sei nicht einfach gewesen, machten Gerald Denkler, Verkäuferkoordinator, und Dan-Christian Ghattas, Vorsitzender des mob – obdachlose machen mobil e. V., klar, denn das Leben eines Obdachlosen unterliege zu festen Strukturen.

Die Unterkünfte, Suppenküchen, Kleiderkammern und medizinischen Einrichtungen haben nur zu bestimmten Zeiten geöffnet; die zu verkaufenden Zeitungsexemplare müssen bei den Vertriebsstellen zu festgelegten Zeiten abgeholt werden. Dabei werden die meisten Wege zu Fuße zurückgelegt, was viel Zeit und Kraft in Anspruch nimmt, so daß der Tag schnell vorbeigeht.

Nichtsdestotrotz durften sich achtzehn Verkäufer auf den Laufsteg freuen; die übrigen sollten im Hintergrunde bereitstehen, um notfalls als Ersatz einzuspringen. Lampenfieber und Mineralwasser waren dann reichlich vorhanden. Die für ihren Einsatz versprochene “Aufwandsentschädigung” in Gestalt von Jeanshosen, T Shirts und Sportschuhen erreichte bislang noch nicht alle Modelle, so daß es aus deren Kreise verlautete: “Wir bleiben dran und pochen darauf!”

Übrigens wird am 05.09.2009 ab 9.00 Uhr das Pressefest der Zeitung “strassen|feger” auf dem Helmholtzplatze in Berlin-Prenzlauer Berg jedem Interessierten die Gelegenheit geben, selbst die Modelle nach ihren Erlebnissen zu befragen.

Mit dem Rad über den Laufsteg

Einen ähnlichen Ansatz hatten die Macher der Marke “EASTPAK”, die in Zusammenarbeit mit den “Streetworkern” des Gangway e. V. auf Mobilität setzten und Berliner Jugendliche aus verschiedenen sozialen Brennpunkten in “Streetwear” über den Laufsteg radeln und laufen ließen.

Neben der Präsentation der eigenen neuen Kollektion übernahm die Münchnerin Susanne Wiebe als ehemalige Absolventin der Berliner Modeschule “Lette-Verein” die Schirmherrschaft über die Modenschau der diesjährigen Abschlußklasse.

Den Umweltschutz berücksichtigten die Berlinerinnen Christine Pluess und Livia Ximénez Carillo, die für die Kollektion ihrer Marke “mongrels in common” auf vegetabiler Basis veredelte, also chromfrei gegerbte, Lachshaut verwendeten.

Lebensbejahendes Feuerwerk an Farben

Im übrigen darf bei der großen Präsenz der Berliner Modeschöpfer nicht übersehen werden, daß jeder dort erfolgreiche Modeschöpfer zur Besserung der wirtschaftlichen Lage beiträgt, was für eine Erholung des hiesigen Arbeitsmarktes unerläßlich ist. Insofern offenbarte die dargebotene Vielseitigkeit, daß das Lebens  und Arbeitsumfeld in Berlin eine unerschöpfliche Inspirationsquelle gewesen war und die Modeschöpfer Neues zu wagen ermuntert hatte.

So überraschten Klaus Unrath und Ivan Strano das Publikum mit einer Premiere, und zwar mit ihrer ersten Couture-Brautkleiderkollektion. “Bridal Couture” war ebenso das Stichwort für Alexandra Fischer-Roehler und Johanna Kühl mit ihrer Marke “kaviar gauche”. Selbstverständlich dominierte in beiden Fällen die Farbe Weiß.

Ein lebensbejahendes Feuerwerk an Farben entsprach genau der Parole “Vive la fête”, die Mischa Woeste für die Kollektion ihrer Marke “Smeilinener” ausgegeben hatte. Mit edlen französischen und italienischen Stoffen verfeinerte Gregor Clemens die Marke “LAC ET MEL”. Kilian Kerner legte seinen neuen Entwürfen anonym zugespielte Tagebucheinträge zugrunde.

Prominenz in gewagten Kreationen

Die Bedeutung Berlins wurde dadurch unterstrichen, daß sich abermals auswärtige Modeschöpfer wie der Münsteraner Guido Maria Kretschmer und die bereits erwähnte Susanne Wiebe den Standortvorteil, nämlich zur Präsentation neuer Kollektionen eine Plattform mit überregionaler Ausstrahlung zu sein, zunutze machten.

Unter dem Motto “SUMMER SHIVER” reichte Guido Maria Kretschmers erfrischende Palette von luftigen Abendkleidern bis gesellschaftstauglichen Badeanzügen. Susanne Wiebe ging pragmatisch vor und nutzte das chinesische Ambiente der Modenschau, um ihre Kollektion “Black Orchid” sogleich für ihr neues “Lookbook” ablichten zu lassen. Die Modelle, darunter die Schauspielerinnen Anja Kruse, Anna Loos und Sophie Schütt, fühlten sich in den Kleidern und Hosenanzügen, die einen “abenteuerlichen Grenzgang zwischen Classic und Provokantem” darstellten, sichtlich wohl.

Förderung durch den Berliner Senat - und hoffentlich auch durch die Bundesregierung

Seitdem der Berliner Senat die Wichtigkeit der Modebranche für die Entwicklung der Stadt Berlin erkannt hatte, fördert er die Veranstaltungsreihen. Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien Bernd Neumann hatte zwar auf der Vortragsveranstaltung “Kultur in Berlin – Kultur für Deutschland” am 04.03.2008 angekündigt, bei der Förderung künftig auch die Mode zu berücksichtigen, eine Umsetzung ist aber noch nicht zu erkennen.

Trotz der insgesamt erfreulichen Entwicklung blieb wachsamen Augen nicht verborgen, daß einiges einer Verbesserung bedurfte. Für eine Modenschau waren mehr Einlaßkarten ausgegeben worden, als Plätze vorhanden waren, so daß ein plötzlicher “Einlaßstop” dazu führte, daß sich rund fünfzig Personen die Modenschau nur aus der Ferne anhören konnten.

Angst vor den Fotografen?

Manche Modenschauen liefen nach einer eigenartigen Choreographie ab, falls man überhaupt von einer solchen reden konnte. So liefen Modelle ohne erkennbares System teils bis an das Ende des Laufsteges, teils erreichten sie nur die Hälfte desselben. Wenn ein Modell dann noch ohne Pose sogleich ängstlich umkehrte und die Photographen um eine Aufnahme brachte, wurde der Unmut der Photographen, der sich in einem deutlichen Raunen ausdrückte, um so verständlicher.

Immerhin hatte die Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin zur Sicherheit eine deutliche Markierung als Haltepunkt auf dem Boden angebracht, die ihre Wirkung zur Freude der Zuschauer und Photographen nicht verfehlte.

Berliner Schnauze ohne Herz

Die Lichtverhältnisse waren mancherorts nicht optimal, was einen Photographen von einer Mailänder Modenschau erzählen ließ, wo mit einer Beleuchtung von 450.000 Watt ideale Bedingungen geherrscht hätten.

Obendrein verlief die Zusammenarbeit zwischen den Veranstaltern und der Presse nicht immer reibungslos. Vor einer ungarischen Modenschau wurde uns Journalisten der inakzeptable Vorschlag gemacht, die Vorführung von der Straße aus zu verfolgen. Zu einer anderen Modenschau verwehrte man uns den Zutritt mit der barschen Bemerkung: “Wir haben schon genug Berichterstattung!”

Hier paarte sich mangelnde Professionalität mit fehlendem Charme; aus der “Berliner Schnauze mit Herz” war längst eine “Berliner Schnauze” geworden. In weiteren Fällen schien eine kritische Hintergrundberichterstattung nicht gewünscht zu sein, da uns die förmliche Akkreditierung für das zentrale Zelt verweigert wurde.

Der Abstand zu Paris, London, Mailand und New York wird geringer

Alles in allem setzte Berlin seinen Weg als aufstrebendes Zentrum der Modeszene konsequent fort, um den Abstand zu den Modemetropolen Paris, London, Mailand und New York zu verringern und an die eigenen “guten alten Zeiten” anzuknüpfen.

Text: Christiane Leonhardt, Christian Janssen
Bilder: Christian Janssen

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Channel: Kultur  
Bundesland: Berlin  
AutorIn: Christiane Leonhardt  Christian Janssen  

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