Aktueller denn je: Noam Chomskys Kritik an den Massenmedien Wer bestimmt, was Wahrheit ist?

von Stefan Hanitzsch - 19.01.2009
Den Krieg in Gaza hat er vorhergesehen: „Dass es zum Schlimmsten kommt, wirkt zurzeit in der Tat am wahrscheinlichsten“, heißt es in einem Aufsatz, den Professor Noam Chomsky vor anderthalb Jahren veröffentlichte. Der US-Wissenschaftler vom Massachusetts Institute of Technology, kürzlich 80 geworden, ist einer der bedeutendsten Intellektuellen unserer Zeit und schwebt dennoch zwischen Himmel und Hölle bei seinen Kritikern.

Die Wohlgesonnenen verehren Noam Chomsky als Heiligen der Linguistik, schätzen ihn als Friedensaktivisten oder sehen die Mediengesellschaft mit seinen Augen. Die Andern halten Chomsky für einen Verschwörungstheoretiker, werfen ihm Schwarz-Weiß-Malerei vor oder verteufeln ihn wahlweise als Nazi oder als Bombenleger. Das Eine wegen seiner bedingungslosen Unterstützung der Meinungsfreiheit, die er allen zugesteht, also auch Holocaust-Leugnern – weil Staatszensur viel gefährlicher sei als ein paar irre Geschichtsfälscher. Das Andere wegen seiner Vorstellungen vom Anarcho-Syndikalismus.

"Zusammenspiel der Macht"

Eines seiner wichtigsten Werke ist „Manufacturing Consent“. Hier legt Chomsky das Propaganda-Modell dar, gemeinsam mit Edward Herman, dem Schöpfer des Modells. In einem Satz besagt das Buch, dass es bei gemeinsamen Interessen der „Eliten“ in Wirtschaft, Medien und Politik zum Zusammenspiel kommt; dass die Massenmedien zudem „Filtern“ unterliegen, die automatisch die Berichterstattung manipulieren. Propaganda übernehme in der Demokratie die Funktion des Knüppels in der Autokratie. Das ist unverschämt verkürzt, kommt der Sache aber recht nahe.

Einseitige, veraltete Verschwörungstheorie? Chomsky und Herman sagen: „Nein! Unser Modell ist aktueller denn je.“ Zwanzig Jahre nach der Veröffentlichung von „Manufacturing Consent“ richtete die Northumbria University in Newcastle jetzt eine Konferenz aus: „20 Years at the Margins“ – „20 Jahre am Rand“. Die Frage lautete: Wie aktuell, wie schlüssig ist das Werk? Wird Chomsky zu Recht in den Medien ignoriert oder als Fanatiker abgekanzelt?

Besitz und Anzeigenmarkt beeinflussen Berichterstattung

Den Teilnehmern der Konferenz beantworten Chomsky und Herman die Frage anhand der fünf Filter des Propaganda-Modells – die Filter beschreiben, wie Besitzverhältnisse, Anzeigenmarkt und externe Quellen die Berichterstattung beeinflussen. Diese ersten drei Filter behandeln die ökonomischen, strukturellen Automatismen und seien deshalb die wichtigsten.

Chomsky und Herman gehen davon aus, dass ein TV-Sender nicht den Ast absägen wird, auf dem er sitzt. Anders gesagt: Ein Sender, der im Besitz eines multi-nationalen Konzerns ist, wird sich im Wesentlichen an den Interessen der Multis orientieren. Dieser erste Filter habe sich verstärkt, da „Besitz 2008 stärker konzentriert und globalisiert ist als 1988“.

Laut Chomsky verkaufen die Zeitungen nicht Information an Leser, sondern Leser an Anzeigenkunden. Auch der zweite Filter sei „heute eine wichtigere Kraft als 1988, da die Konkurrenz heute größer“ sei. Immer mehr Medien kämpfen um einen instabilen „Anzeigen-Kuchen“. Im Ergebnis dominiere die Profitmaximierung gegenüber seriöser Recherche – immer mehr Redakteure und Reporter werden entlassen.

PR-Angebote statt Recherche

Entsprechend steige auch die Abhängigkeit von externen Quellen – der dritte Filter. Nachrichtenagenturen, PR-Angebote, Experten-Meinung und Pressemitteilungen bestimmten immer mehr den Inhalt der Medien und würden immer weniger hinterfragt.

Unabhängig davon, ob man Chomskys empirisch fundierte Analysen für schlüssig hält, oder nicht: Information verkommt immer mehr zu einer x-beliebigen Ware, die wie Socken oder Schokoriegel gehandelt wird. Eine Demokratie, die den Namen verdient, ist allerdings auf demokratische, freie Medien angewiesen, die nicht ausschließlich der Profitmaximierung verpflichtet sind.
Die Frage ist, wie investigativer Journalismus und freier, demokratischer Informationsfluss finanziert werden können – oder ob Konzerne bestimmen, was die „Wahrheit“ ist.

 

Der Autor ist Journalist und zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des bayerischen Spitzenkandidaten Wolfgang Kreissl-Dörfler im Europawahlkampf.

 

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AutorIn: Stefan Hanitzsch  

Chomsky-Feedback

Bild von Stefan Hanitzsch

Vielen Dank für das nette, motivierende Feedback!

@Neue Medien/Untersuchung: Tatsächlich wäre es generell auch interessant, das Propaganda-Modell mal auf Deutschland anzuwenden, meines Wissens gibt es das noch nicht.

Den Filtern können die Neuen Medien teilweise entkommen, teilweise nicht.
1. Filter -Besitzverhältnisse: es ist natürlich wesentlich leichter, ein Internet-Portal zu besitzen und somit unabhängig zu bedienen, als einen Sender oder eine Zeitschrift.
2. Filter - Anzeigenmarkt: Sobald man Leute bezahlen muss, braucht man ein Einkommen, und da Internetportale in der Regel kostenfrei sind, finanzieren die sich ausschließlich über Anzeigen...
3. Filter - Quellenabhängigkeit: Ist für Neue Medien vielleicht sogar noch stärker gegeben, außerdem schreiben im Internet die Leute teils noch mehr voneinander ab, als bspw. im Printbereich. Allerdings: Das Internet kann Leute sehr gut vernetzen, also man kann Privatpersonen als Quellen hinzuziehen. Aber das ist natürlich mit größter Vorsicht zu genießen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Wir brauchen neue Wege zur Finanzierung/Förderung eines freien, demokratischen Informationsflusses. Habermas hat sich vor kurzem in der SZ zu dem Thema geäußert. Letzten Sommer.

Habermas in der SZ

Bild von oleseidenberg

Klasse, danke für die Antwort, lieber Stefan,

kannst du noch genau sagen, wann dieser Habermas Artikel in der SZ war?
Hast du eine Kopie davon, die du einscannen könntest?

Würde mich gerne mehr damit auseinander setzen, da ich genau in die Richtung forsche..

Stimme sonst absolut mit deiner Meinung überein!

Liebe Grüße

Ole Seidenberg

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Soziales im sozialen Web.
mail (at) socialblogger.de

Medien, Märkte und Konsumenten...

Bild von Stefan Hanitzsch

...heißt der Artikel,
lieber Ole,

er ist bereits 2007 erschienen und zwar in der SZ vom 16. Mai (Feuilleton). Untertitel: "'Die besondere Natur der Waren Bildung und Information' – Die seriöse Presse als Rückgrat der politischen Öffentlichkeit / Von Jürgen Habermas. (...) Sein Fazit: 'Keine Demokratie kann sich ein Marktversagen auf diesem Sektor leisten.'"

Hoffe, das hilft Dir bei der Forschung weiter; toitoitoi weiterhin.

Herzliche Grüße,

Stefan Hanitzsch

Guter Artikel

Bild von oleseidenberg

Danke für die Anregung des Themas...habe ich gleich mal bei mir beworben:
http://socialaction20.wordpress.com/2009/01/20/wer-bestimmt-was-wahrheit...

Neue Medien

Bild von Ben

Guten Morgen,

danke für den Artikel. Interessant vor diesem Hintergrund wäre es, die Macht (oder die Ohnmacht) der Neuen Medien zu untersuchen. Evtl. besteht ja hier die Möglichkeit den Filtern zu entkommen?

Bester Gruß,

Ben

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