Die Wohlgesonnenen verehren Noam Chomsky als Heiligen der Linguistik, schätzen ihn als Friedensaktivisten oder sehen die Mediengesellschaft mit seinen Augen. Die Andern halten Chomsky für einen Verschwörungstheoretiker, werfen ihm Schwarz-Weiß-Malerei vor oder verteufeln ihn wahlweise als Nazi oder als Bombenleger. Das Eine wegen seiner bedingungslosen Unterstützung der Meinungsfreiheit, die er allen zugesteht, also auch Holocaust-Leugnern – weil Staatszensur viel gefährlicher sei als ein paar irre Geschichtsfälscher. Das Andere wegen seiner Vorstellungen vom Anarcho-Syndikalismus.
"Zusammenspiel der Macht"
Eines seiner wichtigsten Werke ist „Manufacturing Consent“. Hier legt Chomsky das Propaganda-Modell dar, gemeinsam mit Edward Herman, dem Schöpfer des Modells. In einem Satz besagt das Buch, dass es bei gemeinsamen Interessen der „Eliten“ in Wirtschaft, Medien und Politik zum Zusammenspiel kommt; dass die Massenmedien zudem „Filtern“ unterliegen, die automatisch die Berichterstattung manipulieren. Propaganda übernehme in der Demokratie die Funktion des Knüppels in der Autokratie. Das ist unverschämt verkürzt, kommt der Sache aber recht nahe.
Einseitige, veraltete Verschwörungstheorie? Chomsky und Herman sagen: „Nein! Unser Modell ist aktueller denn je.“ Zwanzig Jahre nach der Veröffentlichung von „Manufacturing Consent“ richtete die Northumbria University in Newcastle jetzt eine Konferenz aus: „20 Years at the Margins“ – „20 Jahre am Rand“. Die Frage lautete: Wie aktuell, wie schlüssig ist das Werk? Wird Chomsky zu Recht in den Medien ignoriert oder als Fanatiker abgekanzelt?
Besitz und Anzeigenmarkt beeinflussen Berichterstattung
Den Teilnehmern der Konferenz beantworten Chomsky und Herman die Frage anhand der fünf Filter des Propaganda-Modells – die Filter beschreiben, wie Besitzverhältnisse, Anzeigenmarkt und externe Quellen die Berichterstattung beeinflussen. Diese ersten drei Filter behandeln die ökonomischen, strukturellen Automatismen und seien deshalb die wichtigsten.
Chomsky und Herman gehen davon aus, dass ein TV-Sender nicht den Ast absägen wird, auf dem er sitzt. Anders gesagt: Ein Sender, der im Besitz eines multi-nationalen Konzerns ist, wird sich im Wesentlichen an den Interessen der Multis orientieren. Dieser erste Filter habe sich verstärkt, da „Besitz 2008 stärker konzentriert und globalisiert ist als 1988“.
Laut Chomsky verkaufen die Zeitungen nicht Information an Leser, sondern Leser an Anzeigenkunden. Auch der zweite Filter sei „heute eine wichtigere Kraft als 1988, da die Konkurrenz heute größer“ sei. Immer mehr Medien kämpfen um einen instabilen „Anzeigen-Kuchen“. Im Ergebnis dominiere die Profitmaximierung gegenüber seriöser Recherche – immer mehr Redakteure und Reporter werden entlassen.
PR-Angebote statt Recherche
Entsprechend steige auch die Abhängigkeit von externen Quellen – der dritte Filter. Nachrichtenagenturen, PR-Angebote, Experten-Meinung und Pressemitteilungen bestimmten immer mehr den Inhalt der Medien und würden immer weniger hinterfragt.
Unabhängig davon, ob man Chomskys empirisch fundierte Analysen für schlüssig hält, oder nicht: Information verkommt immer mehr zu einer x-beliebigen Ware, die wie Socken oder Schokoriegel gehandelt wird. Eine Demokratie, die den Namen verdient, ist allerdings auf demokratische, freie Medien angewiesen, die nicht ausschließlich der Profitmaximierung verpflichtet sind.
Die Frage ist, wie investigativer Journalismus und freier, demokratischer Informationsfluss finanziert werden können – oder ob Konzerne bestimmen, was die „Wahrheit“ ist.
Der Autor ist Journalist und zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des bayerischen Spitzenkandidaten Wolfgang Kreissl-Dörfler im Europawahlkampf.
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