Berliner Modewoche in der letzten Runde Was kostet einer für die Nacht?

Die auf den Modenschauen der Berliner Modewoche gezeigten Kollektionen führten teils zu Begeisterung, teils zu Langeweile beim Publikum.

Für seine Modenschauen fällt dem Münchener Patrick Mohr, der Exzentriker unter den Modeschöpfern, immer etwas Originelles ein. Nach den muskulösen Typen als Sinnbilder beziehungsweise Produkte des Körperkultes im Januar 2010, schickte er diesmal Modelle mit Masken über den Laufsteg. So waren alle Modelle, gleichviel ob weiblich oder männlich, als Glatzen- und Bartträger vereint. Erneut negierten die strengen architektonischen Schnitte seiner Kollektion – das gleichseitige Dreieck für das T-Shirt und das Quadrat für die Jeans – den Unterschied zwischen den Geschlechtern; seine Kleidung ist daher prinzipiell „unisex“. Die Berliner Modeschöpfer Kai Seifried und Katja Schlegel griffen für die Modenschau ihrer Marke „starstyling“ das Konzept einer Modenschau der letzten Berliner Modewoche auf und schickten ein männliches Modell mit einer Beinprothese über den Laufsteg. Das Motto der neuen Kollektion „ANTI AVANTI“ war unter anderem auf Taschen zu lesen.

Hinter der Marke „BLAAK“ stehen seit dem Jahre 1998 die Modeschöpfer Aaron Scharif und Sachiko Okada, die beide in London studiert hatten. Die gezeigte Hosenkollektion spaltete jedoch die Meinung der Anwesenden. Zum einen rief aus lauter Langeweile ein italienischer Photograph ins Publikum: „That’s, why we have Paris Fashion Week!“ Zum anderen regten die adretten Jungen, welche die Hosen mit nacktem Oberkörper vorführten, die Phantasie einer ältere Dame unter den Zuschauen an; sie hätte ihnen am liebsten zugerufen: „Was kostet einer für die Nacht?“ Abwechslung war wieder bei der Kollektion des in Paris arbeitenden Modeschöpfers Thomas Engel Hart zu erleben, der dem Publikum eine „rebellische Collage von traditionellen und innovativen Techniken der Schnittmustergestaltung“ vor Augen führte.

Die letzte Modenschau der Veranstaltungsreihe „Mercedes-Benz FASHIONWEEK BERLIN spring/summer 2011“ bestritt am 10. Juli 2010 der aus Mazedonien stammende Modeschöpfer Risto Bimbiloski. Mit der Reflexion des Themas „Blume“ durch abstrakte Digitaldrucke von Blütenblättern auf Seidencrêpe und Jersey versöhnte er das Publikum. Nach der Präsentation im Januar 2010 war es schade, keine neuen gehäkelten Konstruktionen des Berliner Modeschöpfers Sam Frenzel auf einem der Laufstege erblicken zu dürfen. Gleichwohl war der italienische Photograph endlich beruhigt, indem er zur Verabschiedung ausrief: „Thank you, Berlin, and good-bye!“ Nebenher unterhielt er seine Kollegen mit Gesangseinlagen, indem er zwischendurch die Lieder „Ave Maria“ und „Nessun dorma“ anstimmte. Etwas mehr mediterrane Leidenschaft und Lockerheit wären der Atmosphäre in den Berliner Modewochen durchaus nicht abträglich. Es wäre für die Gäste obendrein angenehmer, nach dem Ende der letzten Modenschau eines Veranstaltungstages noch ein wenig bei Getränken verweilen zu dürfen und das zentrale Veranstaltungszelt nicht sofort verlassen zu müssen.

An anderer Stelle breitete sich ebenso Langeweile aus, wenn es in Richtung auf die „prominenten“ Gäste hieß: „Immer die gleichen Gesichter.“ Der Dauergast Jenny Elvers-Elbertzhagen schien ein Abonnement für die gesamte Veranstaltungsreihe zu haben. Einen Umschwung vermochte sogar die „Porno-Queen“ Dolly Buster nicht zu bewirken. Da mußte schon der international bekannte Star Millla Jovovich für einen ganzen Tag eingeflogen werden, um die anderen Gäste und die Presseleute in Entzückung zu versetzen. Die „ausgehungerten“ Photographen klebten regelrecht mit den Teleobjektiven an den Fensterscheiben, um eine gute Aufnahme zu erhaschen.

Schöne Kleider waren nicht nur an den Modellen auf den Laufstegen zu sehen, sondern auch bei den Hostessen wurde Wert auf ein ansprechendes Erscheinungsbild gelegt. Ein Sponsor kleidete seine Mitarbeiterinnen in Petticoatkleider im Stile der 1950er Jahre. Mit der Ausstattung von Hostessen hatte abermals eine weniger bekannte Modeschöpferin, und zwar die Berlinerin Tatjana Masuhr  mit ihrer Marke „Charlott Atelier“, die Gelegenheit erhalten, ihre Entwürfe einem größeren Publikum abseits eines Laufsteges zu zeigen.

Von nicht weniger Relevanz als die Kleiderfrage war für den aufmerksamen, kritischen Beobachter das soziokulturelle Umfeld. Bisweilen gesellten sich Modelle unter die Gäste und sprachen über ihren Berufsalltag. Ein weibliches Modell schilderte es als interessant, die Kolleginnen, also sozusagen auch sich selbst, von den Zuschauerrängen aus bei der Arbeit beobachten zu können. Es stellte fest, einige Modelle hätten erst vor kurzem das Laufen gelernt, denn sie gingen sehr „staksig“. Ihre männlichen Kollegen hätten es hingegen einfacher, da man ihnen eigenartige – wohl ihre natürlichen – Gangarten eher nachsehe. Laut Auskunft des befragten Modelles arbeiteten einige Modelle ohne Vergütung, um so wenigstens die Chance zu haben, über den Laufsteg entdeckt und bekannt zu werden; die anderen, sofern es sich nicht um international gefragte Modelle handele, erhielten nach Einschätzung der Beobachterin in der Regel einen Betrag zwischen 50,00 EUR und 100,00 EUR je Modenschau. Davon müßten sie selbst Strümpfe für den Auftritt kaufen und könnten insofern nicht sehr viel dafür ausgeben, zumal da diese nachher meistens kaputt seien; eine Packung aus der Drogerie für den Betrag von 1,50 EUR müsse dann schon reichen. Das besagte Modell – selbst blond und langbeinig – äußerte sich ebenfalls zum Körper ihrer Kolleginnen. Die eine oder andere war für das Modell zu dünn. Besonders bei Minikleidern, die ohne Strümpfe getragen werden, könne man an den dürren Beinen das schlechte Bindegewebe erkennen. Zumindest kann diese Beobachtung zu einer Selbsterkenntnis verhelfen.

Übrigens ließen die ständige Vorführung und Betrachtung von Körpern den Zuschauer unweigerlich vergleichen. Man war allzu sehr versucht, verschiedene Oberschenkel auf ihre Festigkeit hin zu prüfen. Aus dieser Perspektive war es womöglich eine zu große Ablenkung, zugleich weibliche Modelle in Minikleidern und männliche Modelle in Shorts auftreten zu lassen – ein Vorschlag zur Güte: demnächst besser dunkle Strümpfe oder Leggings.

Ebenso war das Umfeld der Laufstege ein Ort, um Einblicke in die Modellbranche zu bekommen. Ein Berliner Modellagent und -scout sprach über die Arbeitseinstellung von Modellen. Auf die Frage, warum in der Nähe der Veranstaltungsstätten kaum Modelle anzutreffen seien, obwohl dies doch ein riesiger Arbeitsmarkt für neue Engagements sei, kam die Antwort, Modelle aus Berlin seien oft hochnäsig und hätten keine richtige Lust zu arbeiten; wenn ein Auftritt nicht von vornherein feststehe, blieben sie lieber zu Hause als sich hier zu bewerben. Für eine gute, professionelle Modenschau solle man eher auf ambitionierte polnische oder tschechische Modelle zurückgreifen.

Vielleicht schlug sich die mangelnde Einsatzbereitschaft gerade im lustlosen Laufen und Fehlen von Posen nieder. Aus Sorge, selbst in Passivität zu erstarren, brüllte einmal ein Photograph den regungslosen Modellen entgegen: „Move!“ Bei der Frage der Choreographie und der damit zusammenhängen Einweisung der Modelle in ihre Rolle lag noch einiges im argen. Für die Zukunft des Modestandortes Berlin sind vor allem durchdachte Inszenierungen mit exzellenter choreographischer Umsetzung fernab des üblichen Hin- und Herlaufens zu wünschen, denn Kunstschaffen ist das Streben nach Perfektion. Das Publikum muß von der Art und Weise der Präsentation ergriffen werden; sonst bleibt zu Lasten des Modeschöpfers und seiner Kollektion auf Seiten des Publikums lediglich ein – mit den Worten des Philosophen und Kulturwissenschaftlers Peter Sloterdijk – Ergriffenheitsdefizit. Zu guter Letzt spielte der Streit um den richtigen Umgang mit der Geschichte und Bedeutung des Bebelplatzes, auf dem das Zelt früher gestanden hatte und auch jetzt wieder stand, nach den Kontroversen im Januar 2010 nun keine Rolle mehr. Das Denkmal der Bücherverbrennung war vielen Besuchergruppen wie damals frei zugänglich. Die Protestbewegung hatte sich gegen den „Modezirkus“ nicht durchsetzen können.

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