Karlheinz A. Geißler: „Lob der Pause" Was fange ich nur mit der Zeit an?

Oekom Verlag
von Joris Steg
Denken Sie manchmal, der Tag hat zu wenig Stunden? Verplanen Sie jede Minute? Vermeiden Sie jede Art von Pausen und Wartezeit? Dann ist es höchste Zeit, sich einmal ein paar Gedanken über den Umgang mit der Zeit zu machen und das Zeitmanagement zu überdenken. Das empfiehlt Karlheinz Geißler in seinem neuen Essay „Lob der Pause“.

Dass „unproduktive Zeiten ein Gewinn sind“, davon ist von Karlheinz Geißler, einer der bekanntesten Zeitforscher Deutschlands, überzeugt. Vehement kritisiert er die „Ökonomisierung“ der Zeit, die immer weiter voranschreitet. Er plädiert dafür, innezuhalten und argumentiert, warum Wiederholungen, Pausen oder Warten, die gewöhnlich vermieden oder zumindest minimiert werden, vielmehr geschätzt und geliebt werden sollten.

Kritik an der „Zeit ist Geld“-Logik

Karlheinz Geißler, der über 30 Jahre Wirtschafts- und Sozialpädagogik an der Universität der Bundeswehr in München lehrte, vertritt die These, dass der „Zeit ist Geld“-Imperativ dringend revidiert werden muss. Er tritt der –in allen gesellschaftlichen Bereichen vertretenen – Ansicht entgegen, dass die Zeit immer und überall produktiv genutzt werden müsse. Der Mensch braucht Freizeit, nicht jede Minute müsse sofort ökonomisch verwertbar verplant werden.

Gerade aus der unproduktiven Zeit kann die Kraft geschöpft werden, wieder produktiv zu werden: die Pause als Reservoir unseres Nachdenkens, Vordenkens, Abschaltens und Verarbeitens. Das Credo unseres Wirtschaftssystems „immer schneller, immer mehr“, das mittlerweile auch für den Alltag gilt, habe sich, so Geißler, als nicht zukunftsfähig erwiesen und müsse überdacht werden. Dieses Umdenken müsse sowohl in der Wirtschaft als auch in anderen Bereichen wie im Bildungssektor, im Privatleben oder im Arbeitsleben geschehen.

Enthetzen statt Entschleunigen
Geißlers Kritik an der Art und Weise, wie die Zeit genutzt und gespart wird, schließt nicht aus, dass er es als richtig und wichtig ansieht, Dinge auch schnell zu erledigen. Daher sollte sein Essay auch nicht als Aufruf zur allgemeinen Verlangsamung verstanden werden. Der Zeitexperte will vielmehr „enthetzen statt entschleunigen“. Nicht alles müsse zwanghaft schnell getan werden, auf überflüssiges Tempo könne verzichtet werden. Er verlangt die Möglichkeit sowohl zur Langsamkeit als auch zur Schnelligkeit. Beides sei nötig – aber jedes zu seiner Zeit.
 
Das Buch „Lob der Pause. Warum unproduktive Zeiten ein Gewinn sind“ ist mit weiteren kurzen Essays in der Reihe „querdacht. Die kleine Reihe für die großen Themen der Zukunft“ des oekom Verlags erschienen. Renommierte Autoren diskutieren zentrale Probleme aus Ökologie und Nachhaltigkeit und geben Antworten auf aktuelle Fragen.

Dem Zeitforscher Karlheinz Geißler ist ein kurzweiliger und interessanter Essay gelungen. Er weckt das Interesse des Lesers, regt zum Nachdenken an und bietet Ratschläge. Einzig die Abschnitte zur Wiederholung, Pause und zum Warten hätten der Autor ein wenig prägnanter oder gemeinsam behandeln können. Geißlers Buch ist schnell gelesen, am besten während einer gemütlichen Stunde auf dem Sofa oder im Café. Anschließend sollte jedoch Zeit sein, in Ruhe über das Gelesene nachzudenken. Denn Zeit ist Leben und das Leben sollte genossen werden, ganz besonders die unproduktive Zeit.

Karlheinz A. Geißler: „Lob der Pause. Warum unproduktive Zeiten ein Gewinn sind´“ Oekom Verlag 2010, 105 Seiten, 8,95 Euro, ISBN 978-3-86581-200-1
 

Verlinken Sie auf diesen Beitrag:

http://www.vorwaerts.de/trackback/10374
Channel: Wirtschaft  Rezensionen  

Mit Kachingle und Flattr können Sie den Online-Journalismus auf vorwaerts.de unterstützen (wie das funktioniert, erfahren Sie in diesem Artikel).

Das Aktuellste aus der Sozialdemokratie - der vorwaerts-Newsletter

Advertising