Sten Nadolny, geb. 1942, ist ein deutscher Schriftsteller und Träger des Ingeborg-Bachmann-Preises. Er schrieb u.a. „Die Entdeckung der Langsamkeit“.
"Was bedeutet uns das Buch?" "Welches denn?“ Ich kann mir die Gegenfrage nicht verkneifen. Denn alle gut gemeinten Appelle, wir müssten unbedingt mehr lesen, ändern nichts daran, dass es hundsmiserable Bücher gibt, und zuhauf Menschen, die auf sie hereinfallen. Sind Bücher als solche schon wertvoll? Alte Bücher vor allem? Ich meine nicht den Marktpreis – den hat auch „Mein Kampf“.
Als ich vor Jahren mit dem Auto in den USA unterwegs war, kam ich nach Sparta/Illinois, und dort in eine Bar. Neben mir dämmerte ein Fernfahrer hinterm Whiskey. Als er merkte, wo ich herkam, erwachten seine Lebensgeister, er machte mir ein Angebot: Da seien noch deutsche Bücher, von seinem Großvater, einem Einwanderer, die könne ich ihm abkaufen! Wieso, fragte ich – ob sie denn irgendwie besondere seien? Er wunderte sich: Mensch, alte deutsche Bücher! Hitler habe doch alle Bücher verbrennen lassen, richtig? Bei ihm aber, dank des Großvaters, seien noch einige vorhanden.
Deutschland ohne alte Bücher oder überhaupt ohne Bücher? Vielleicht irgendwann in der Zukunft. Wir klagen bei jeder Buchmesse erneut über die Flut der Neuerscheinungen. Gleichzeitig ist eine bemerkenswerte Heiligsprechung des Buches und des Lesens schlechthin im Gange. Dazu ein Lamento, als befänden wir uns in Truffauts Film „Fahrenheit 451“: Da herrscht ein totalitäres Regime, das Bücher jeder Art verbrennen läßt. Aber die Menschen ahnen, dass sie nur durch Bücher Menschen bleiben können. Daher flüchtet, wer noch Widerstand leisten kann, in die Wälder und wird selbst zum Buch: Er lernt eines auswendig oder sogar zwei und gibt sie, wenn seine Zeit gekommen ist, an jüngere Gehirne weiter. Ich mochte den Film nicht besonders, ich mochte noch nie Geschichten, in denen die Guten unterliegen und dabei auch noch irgendwie verklärt dämlich aussehen.
Bilder statt Bücher?
Meine Eltern liebten, lasen, übersetzten, schrieben und rezensierten Bücher, da kam in den Regalen einiges zusammen – ich bin mit Buchrücken aufgewachsen. Ich kenne unglaublich viele Titel. Gelesen habe ich auch einiges, aber oft zog ich es vor, mir die Geschichte hinter dem Buchrücken nur vorzustellen. Auch so entstehen Bücher. Haben keine wärmedämmende Wirkung, aber auch kein Gewicht. Ich habe mal einen Philosphen in seiner Münchener Wohnung besucht: Stahlstreben mussten in das Haus eingezogen werden, damit es unter dem Gewicht nicht einstürzte!
Ich sehe das Buch nüchtern. Keine Verklärung, aber auch keine Furcht. Ich fühle mich von der in Bücherregalen versammelten Bildung und Weisheit nicht erdrückt. Schau nur in drei hinein und du merkst: Hier steht auch viel Eitelkeit und vergangene Mode, bedeutsam daherkommendes dummes Zeug. Ich müsste eigentlich der ideale Verschenker und Wegwerfer sein, bin es aber nicht. Neulich versuchte ich es mit Edgar Jungs „Die Herrschaft der Minderwertigen“. Klang mir aggressiv, dieser Titel. Natürlich nie gelesen. Aber Bücher rächen sich. Kaum hatte ich es in den Müll geworfen, plagte mich die Frage: Ist da nicht doch etwas dran? Was meinte dieser Jung – immerhin hat Hitler ihn ermorden lassen. Meinte er mit den Minderwertigen die Nazis? Und dann geht man doch wieder zur Tonne, schaut sich um und macht einen langen Arm.
Mal fortschrittlich: Was würde uns in einer Welt ohne Bücher überhaupt fehlen? Wir bekämen nicht dauernd irgendwelche Neuerscheinungen geschenkt, die der Schenker nicht gelesen hat. Umzüge würden ein Kinderspiel. Leere Wände überall – wir könnten viel mehr Bilder aufhängen! Und lesen, das würden wir selbstverständlich auch ohne Bücher. Das ganze Internet besteht ja aus Lesen! Dann die Lesegeräte: Wir bräuchten keine Nachttischlampe mehr. Außerdem haben wir, wenn uns ein Text langweilt, die Wahl unter hundert anderen, alles geladen, alles dabei! Dumm nur, wenn draußen, im Wald oder mitten auf dem See, der Akku leer ist, ein Schwachpunkt. Oder wenn das Boot mal umschlägt: Buch schwimmt, Kindle ist hin.
Orangenschalen und Gorgonzola
Gut, schade wärs vielleicht doch um das Buch, um den unwandelbaren Gegenstand. Das Ding an sich. Wo man eine Stelle so sucht: „Wichtiger Satz, stand irgendwo rechts oben!“ Bücher bestehen aus Atomen, die man anfassen und fühlen kann, wenn sie in hinreichender Menge auftreten. Bücher riechen auch unterschiedlich, manchmal schwach nach Orangenschalen, ältere oft nach Gorgonzola. Aber eben nur in Atomen! Kilobytes riechen nicht und sagen nichts zu den Fingerkuppen.
Überhaupt verdient der Fortschritt vielleicht doch eine Pause. Ich werde zwar nie auf eine einsame Insel fahren, aber die berühmte Frage: „Welches Buch...?“ würde ich nie mit „Mein digitales Lesegerät“ beantworten. Und nebenbei: Ich würde bestimmt nicht nur ein Buch mitnehmen, sondern fast alle, meine Bibliothek. Und auch Schund müsste mit, Biotope brauchen ihn.
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