Die beiden Chefredakteure und Gründungsväter des „vorwärts“, Wilhelm Liebknecht und Wilhelm Hasenclever, mögen anderer Ansicht als der damalige Parteivorsitzende August Bebel gewesen sein, für den war die Sache auf jeden Fall klar: Die Parteizeitung ist Sprachrohr. Dass die Frage jedoch noch 130 Jahre später aktuell ist, zeigt der Beitrag des SPD-Parteivorsitzenden Kurt Beck im Jahre 2006 anlässlich einer Sonderausgabe zum Jubiläum: „Auch Gegenmeinungen werden ihren Platz im „vorwärts“ haben“, heißt es da.
Publikationsverbot
Konträre Ansichten zu vertreten, war dem „vorwärts“ nie fremd. „Dissidentische Machenschaften“ wurden den Redakteuren immer wieder vorgeworfen – mit mäßigem Erfolg. Mehrmals versuchten die Herrschenden den „vorwärts“ mundtot zu machen, etwa im Kaiserreich durch die Bismarcksche Sozialistengesetze von 1878-1890. Die Folge war ein Publikationsverbot, was jedoch nur kurz währte. Bereits 1879 wanderte der „vorwärts“ aus ins Exil nach Zürich. Von dort aus versorgte er unter dem Pseudonym „Sozialdemokrat“ seine Leserschaft mit aktuellen Informationen und sozialdemokratischen Leitideen.
Ähnliches Schicksal ereilte den „vorwärts“ in der Zeit des Nationalsozialismus. Auslöser für das Verbot war eine Karikatur Erich Ohsers. Erneut mussten die Kreativköpfe ins Ausland fliehen. Dieses Mal ging es erst nach Prag und später nach Paris. Wieder schmuggelten sie ihre Ideen und Überzeugungen nach Deutschland, jetzt verpackt im Namen „Neuer Vorwärts“.
Aus heutiger Sicht
Ein lucidum momentum des „vorwärts“ war die Weimarer Zeit, in der er den Kampf der Demokratie gegen Nationalsozialismus und Sozialismus unterstütze. Allerdings erfüllte er auch in Zeiten der Flucht lebensrettende Funktion: Er fungierte als geistiges Bindeglied. Welche Rolle der „vorwärts“ heute spielt, ist wieder klar(er). Entsprechend Erhard Eppler darf dies aber keineswegs soweit gehen, die „Quadratur des Kreises“ von ihm zu fordern. Entscheidend ist, wie Michael Haller es formuliert: „In der offenen Gesellschaft kommt es auf Offenheit an, auf die Transparenz der Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse.“
2006 hieß Hubertus Heil als Herausgeber Uwe-Karsten Heye als Chefredakteur willkommen und wünschte dem „vorwärts“ für die kommende Zeit „neue Impulse und eine Öffnung für gesellschaftliche Gruppen außerhalb der SPD“. Dies sei jedoch nur möglich, wenn der „vorwärts“ „mehr journalistische Freiräume und Gedankenfreiheit“ bekomme. Der „vorwärts“ hat heute seinen Sitz im „Paul-Singer-Haus“ in der Stresemannstraße im Berliner Bezirk Kreuzberg.
Literaturhinweis: Zwei Rezensionen zu Büchern, in denen die wechselvolle Geschichte des sozialdemokratischen „Vorwärts“ beschreiben ist, finden Sie hier:
Jens Scholten: Zwischen Markt und Parteiräson. Die Unternehmensgeschichte des "Vorwärts" 1948-1989. Veröffentlichungen des Instituts für soziale Bewegungen, Schriftenreihe A, Darstellungen, Band 40. Lieferbar, erschienen am 15.10.2008, 410 Seiten, Abb., Euro 39,90, ISBN 978-3-89861-863-2
Hermann Schueler: Trotz alledem. Der Vorwärts - Chronist des anderen Deutschlands. 655 Seiten, mit vielen s/w-Abb. Hardcover mit SU, 16,8 x 22,4 cm. ISBN: 978-3-86602-790-9.Preis: 28,00 Euro
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