Geschichte des vorwärts Vorwärts und nicht vergessen

von Martin Leibrock, Vera Rosigkeit - 05.09.2009
Welche Aufgabe hat eine Zeitung, die auf Beschluss eines Parteitages als "Zentralorgan“ gegründet wurde? Ist sie „Sprachrohr des Parteivorstandes“ oder selbstständiges Diskussionsforum, gar ein Korrektiv zur allgemeinen Parteilinie? Das sind Fragen, die den „vorwärts“ seit seiner Gründung am 1. Oktober 1876 beschäftigen.

Die beiden Chefredakteure und Gründungsväter des „vorwärts“, Wilhelm Liebknecht und Wilhelm Hasenclever, mögen anderer Ansicht als der damalige Parteivorsitzende August Bebel gewesen sein, für den war die Sache auf jeden Fall klar: Die Parteizeitung ist Sprachrohr. Dass die Frage jedoch noch 130 Jahre später aktuell ist, zeigt der Beitrag des SPD-Parteivorsitzenden Kurt Beck im Jahre 2006 anlässlich einer Sonderausgabe zum Jubiläum: „Auch Gegenmeinungen werden ihren Platz im „vorwärts“ haben“, heißt es da.

Publikationsverbot

Konträre Ansichten zu vertreten, war dem „vorwärts“ nie fremd. „Dissidentische Machenschaften“ wurden den Redakteuren immer wieder vorgeworfen – mit mäßigem Erfolg. Mehrmals versuchten die Herrschenden den „vorwärts“ mundtot zu machen, etwa im Kaiserreich durch die Bismarcksche Sozialistengesetze von 1878-1890. Die Folge war ein Publikationsverbot, was jedoch nur kurz währte. Bereits 1879 wanderte der „vorwärts“ aus ins Exil nach Zürich. Von dort aus versorgte er unter dem Pseudonym „Sozialdemokrat“ seine Leserschaft mit aktuellen Informationen und sozialdemokratischen Leitideen.

Ähnliches Schicksal ereilte den „vorwärts“ in der Zeit des Nationalsozialismus. Auslöser für das Verbot war eine Karikatur Erich Ohsers. Erneut mussten die Kreativköpfe ins Ausland fliehen. Dieses Mal ging es erst nach Prag und später nach Paris. Wieder schmuggelten sie ihre Ideen und Überzeugungen nach Deutschland, jetzt verpackt im Namen „Neuer Vorwärts“.

Aus heutiger Sicht

Ein lucidum momentum des „vorwärts“ war die Weimarer Zeit, in der er den Kampf der Demokratie gegen Nationalsozialismus und Sozialismus unterstütze. Allerdings erfüllte er auch in Zeiten der Flucht lebensrettende Funktion: Er fungierte als geistiges Bindeglied. Welche Rolle der „vorwärts“ heute spielt, ist wieder klar(er). Entsprechend Erhard Eppler darf dies aber keineswegs soweit gehen, die „Quadratur des Kreises“ von ihm zu fordern. Entscheidend ist, wie Michael Haller es formuliert: „In der offenen Gesellschaft kommt es auf Offenheit an, auf die Transparenz der Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse.“

2006 hieß Hubertus Heil als Herausgeber Uwe-Karsten Heye als Chefredakteur willkommen und wünschte dem „vorwärts“ für die kommende Zeit „neue Impulse und eine Öffnung für gesellschaftliche Gruppen außerhalb der SPD“. Dies sei jedoch nur möglich, wenn der „vorwärts“ „mehr journalistische Freiräume und Gedankenfreiheit“ bekomme. Der „vorwärts“ hat heute seinen Sitz im „Paul-Singer-Haus“ in der Stresemannstraße im Berliner Bezirk Kreuzberg.

 

Literaturhinweis: Zwei Rezensionen zu Büchern, in denen die wechselvolle Geschichte des sozialdemokratischen „Vorwärts“ beschreiben ist, finden Sie hier:

Jens Scholten: Zwischen Markt und Parteiräson. Die Unternehmensgeschichte des "Vorwärts" 1948-1989. Veröffentlichungen des Instituts für soziale Bewegungen, Schriftenreihe A, Darstellungen, Band 40. Lieferbar, erschienen am 15.10.2008, 410 Seiten, Abb., Euro 39,90, ISBN 978-3-89861-863-2

Hermann Schueler: Trotz alledem. Der Vorwärts - Chronist des anderen Deutschlands. 655 Seiten, mit vielen s/w-Abb. Hardcover mit SU, 16,8 x 22,4 cm. ISBN: 978-3-86602-790-9.Preis: 28,00 Euro

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AutorIn: Vera Rosigkeit  Martin Leibrock  

Leserbrief von Karl-Erich Weber vom 01.06.2010, 16.50 Uhr

Bild von Gernot Steins

Potzblitz!
Da hörte ich doch in meinem Sozialistenherzen wie von ferne ein leises "Vorwärts, und nicht vergessen, worin uns're Stärke besteht...", vielleicht sogar - mit Verlaub - ein "Völker, hört die Signale!"
Ich habe noch nie die Internetseite des Vorwärts aufgeschlagen, und da finde ich sofort ein solches Kleinod von Leserbrief.
Ich bin leidenschaftlicher "Presse-Querleser" und Fan von Radiosendungen, welche ausländische Zeitungen zitieren (was mir meine spärlichen Sprachkenntnisse verwehren). Und ich wundere mich seit Jahren, dass der VORWÄRTS nach meiner Beobachtung NIE irgendwo zitiert wird. Andere P a r t e i blätter (BILD, RHEINISCHER MERKUR) werden schließlich auch zitiert.

"Devotismus gegenüber Berlin", "Kampfblatt für die nächste große Koalition". Wunderbare Formulierungen!

Ich bin kein Mitglied der SPD. Ich gehöre zu denen, die es vorziehen, als Kind des Ruhrgebiets aus alter SPD-Tradition stammend, über die Dauerkrise der Sozialdemokratie tatkräftig zu trauern. Aber wenn dieser Leserbrief auch nur die Meinung von 10 Prozent der Parteimitglieder wiedergibt, dann besteht Hoffnung!

Und Hut ab vor der Redaktion, dass sie einen derart kritischen Kommentar veröffentlicht!!

Pathetisch formuliert: Wenn die SPD sich darauf besinnt, dass ihre Fahne rot ist, wird sie wieder aufleben. Keine Angst, mit Hinweisen auf das zunehmende Massenelend in Deutschland und dergleichen macht sie sich nicht lächerlich!
Als Sozialarbeiter weiß ich, wie sehr die Verlierer des gepriesenen freien Marktes die Schnauze voll haben von einer Freiheit, die lediglich den Starken und Rücksichtslosen die Freiheit gibt, soviel Geld zusammenzuraffen, wie sie nur können.

Werde diese Seite jetzt regelmäßig besuchen.

Viele Grüße,
Gernot Steins

Vorwärts!

Bild von Karl-Erich Weber

Öffnung für Gruppen außerhalb der SPD - das wäre nicht nur dem Vorwärts zu wünschen. Von den fliehenden Kreativköpfen sind allerdings auch im Zeitalter von Hartz IV und Agenda 2010 nicht viele vorhanden.

Auch "mundtot" macht sich der "Vorwärts" zur Zeit selbst. Wo sind die kritischen Berichte über das NRW-Theater, den Egomanen und Innen der Führungsspitze? Wo sind die Kisten kritischer Leserbriefe hingeraten, seit es den Rechtsruck im Vorwärts gab?

Wie sieht es mit Eigenkritik aus? Dem Devotismus gegenüber Berlin treu, als Kampfblatt für die nächste große Koalition.

Der "Vorwärts" weiß, was die Mitglieder denken - aber er behält es gerne für sich - weil er sich nicht traut!

Loyalität und Solidarität sind zwei grundverschiedene Dinge. Das eine ist burgois und das andere demokratisch!

Gute Besserung!

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