Ukraine. Einblicke in den neuen Osten Europas Von innen und außen betrachtet

von Nils Michaelis
Nichts als Krise? Die von effektvollen Reibereien begleitete Präsidentenwahl hat der Ukraine im Ausland reichlich Aufmerksamkeit beschert. Wer einen tieferen Blick auf den großen Nachbarn der EU im Osten riskieren möchte, sollte das sehr persönliche Porträt von Viktor Timtschenko lesen.

Mit einer schrillen Grundfarbe lässt sich das Bild charakterisieren, das westliche Medien überwiegend von der Ukraine vermitteln. Gerade wenn wieder einmal eine politische Zäsur ins Haus steht, wird die frühere Sowjetrepublik als ein chronisch labiler Chaosstaat dargestellt: Hin und her gerissen zwischen russlandorientierten Industriegiganten im Osten und nationalistisch gelagerten und Richtung EU und Nato schielenden Eliten in der westlichen Hälfte.

Im jüngsten Kampf um die Präsidentschaft erlebte dieses Schema eine neue Blüte. Was für eine Bewertung von schillernden Spitzenpolitikern wie dem neuen Staatsschef Viktor Janukowitsch oder   von dessen unterlegener Kontrahentin und  Premierministerin Julia Timoschenko gilt, ist auch dann angeraten, wenn es darum geht, die schwierigen Gemengelagen der ukrainischen Gesellschaft zu verstehen: Es ist der Blick hinter die oft schlaglichtartigen Meldungen. Was käme also gelegener als ein Buch, das das einseitige Bild korrigiert?

Neue Perspektiven verspricht Viktor Timtschenko in dem sehr persönlich gehaltenen Band „Ukraine. Einblicke in den neuen Osten Europas“. Damit richtet sich der Journalist sowohl an jene, die mit der Krim allenfalls eine Sektsorte verbinden als auch an viel gereiste Osteuropafans. Es gereicht ihm zum Vorteil, dass der Autor sowohl den nahen als auch den fernen Blick auf die Ukraine pflegt: Vor 20 Jahren wanderte er von dort nach Deutschland aus, wo er seitdem mit seiner Familie lebt. Dringt mancherorts die Verbundenheit mit Land und Leuten durch, wahrt er andererseits die gebotene Distanz, gerade was die politische und wirtschaftliche Entwicklung betrifft.

Timtschenko streift die klassischen Wahrnehmungslinien von seinem Geburtsland, führt diese aber zusammen, indem er zum Beispiel die Entwicklung der Oligarchen, die vielen Beobachtern als die eigentlichen Machthaber in der „Monetokratie” gelten, bis in die Sowjetunion zurückverfolgt. Die Debatten um eine nationale Identität der Ukrainer – laut offizieller Zählung sind 17,3 Prozent der Staatsbürger russischer Nationalität – verknüpft er geschickt mit deren Ringen um eine eigenständige Sprache und Literatur während der von Repressionen geprägten Zaren- und Sowjetherrschaft.

Ob die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl oder heimliche Religiösität unter Breschnew: Es sind gerade jene Erfahrungen der jüngeren Vergangenheit, die der im Jahr 1953 geborene Autor selbst durchlebte, welche diesem Buch eine besondere Plastizität verleihen. Ließ sich der Leser gerade noch im lockeren Plauderton den kalkulierten Ausverkauf ganzer Wirtschaftsbranchen nach der Loslösung von Moskau erklären, wird er im nächsten Moment in den Bann einer autobiografischen Erzählung gezogen. Zusätzliche Farbe gewinnt das Buch durch einen vergleichenden Blick auf Deutschland, den der Autor mit viel Humor und Lakonie würzt.

Gerade die Einblicke in manch (scheinbare) Absurdität des ukrainischen Alltags mögen einige Leser fremdeln lassen, zumal sich auch Timtschenko bisweilen in Schlaglichtern erschöpft. Ein sympathischer und unterhaltsamer Versuch, den Schleier zu lüften, ist das Buch allemal.

Viktor Timtschenko: Ukraine. Einblicke in den neuen Osten Europas, Ch. Links Verlag, ISBN 978-3-861-488-453, 16,90 Euro.

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