Vision einer besseren Welt

von Anke Schoen
In was für einer Welt leben wir eigentlich – diese Frage entsteht bei der Lektüre von Jutta Dittfurths „Zeit des Zorns“. Radikal stellt die linke Autorin gesellschaftliche Strukturen in Frage. Sie beleuchtet aktuelle globale Probleme wie Weltwirtschaftskrise und Klimawandel. Aufs Schärfste kritisiert sie dabei die rot-grüne Bundesregierung und 68er Aktivisten, die im Mainstream angekommen sind.

Die einstige Mitbegründerin der Grünen, in den Jahren 1984 bis 1988 war sie deren Vorsitzende, ist studierte Soziologin, Publizistin und Journalistin. Nach ihrem Parteiaustritt 1991 gehört sie zur Ökologischen Linke. Die Autorin kennt den „politischen Laden“ von innen, ist eine erfahrene Aktivistin. Ihr politisches Standing einer außerparlamentarischen Linken wird auch in ihren Ausführungen immer wieder deutlich: Ablehnung aller bürgerlichen Parteien, Feindbild USA, grundlegende Kapitalismuskritik. Dabei wirken ihre Darstellungen streckenweise einseitig beleuchtet.

unscharfe, subjektive Darstellung

Ein Beispiel: Jutta Dittfurht schildert den Fall eines Germanistikstudenten aus einer Arbeiterfamilie. Er jobbte als Kellner, um überhaupt studieren zu können, „wofür er einen winzigen Lohn erhielt“. Nach kurzer Zeit kann er seine Krankenversicherungsbeiträge nicht mehr bezahlen, „das waren rasch insgesamt ein paar hundert Euro geworden“. Ditfurth erzählt, dass der Student einen missglückten Selbstmordversuch unternimmt, in die Psychatrie eingewiesen wird, heute von Hartz IV leben muss. Beim Lesen bleiben allerdings ein paar Fragen offen: War der Student als Kind einer Arbeiterfamilie nicht BAFöG-berechtigt? Wie definiert die Autorin „winzigen Lohn“ oder „rasche Zeit“? Das macht die Sache unscharf, die Darstellung büßt an Objektivität ein.

Andere Ereignisse, wie die Proteste während des EU-Gipfels, hingegen unterlegt Ditfurth mit einer wahren Zahlenflut, was jedoch eher als unverhältnismäßig erscheint. Der Autorin fehlt dabei das gesunde Maß.

Verräter am Pranger

„Eine Streitschrift für eine gerechtere Gesellschaft“ – der Untertitel ihrer Publikation ist geschickt gewählt. Gibt er doch den Tenor wieder, der die Quintessenz des Buchs ausmacht. Jutta Dittfurth prangert gesellschaftliche Missstände an und sie rechnet mit denen ab, die ihrer Meinung nach das Ideal der humanen Gesellschaft verraten haben.

Dabei wagt Dithfurth den Blick über den nationalen Tellerrand und mahnt an, dass wirtschaftlich schlechter gestellte Nationen nicht vergessen werden dürfen. Wohlstand der einen Nation gehe mit der Armut einer anderen einher: So werde unter Arbeits- und Lebensbedingungen wie zu Zeiten der Industrialisierung in chinesischen Fabriken Spielzeug für Kinder hergestellt. Die Produzenten, die für „namhafte deutsche Marken“ am Fließband stehen, seien oftmals genauso alt wie die deutschen Konsumenten. Dithfurth warnt auch vor einem neu entflammenden Nationalismus in Zeiten der Finanzkrise und fragt provokativ: „Was ist ‚deutsch’ außer einem Zufall der Geburt?“

Schwer verdaubare, leichte Kost

Jutta Dittfurths Publikation „Zeit des Zorns“ ist leicht lesbar und gut verständlich, aber schwer zu verdauen. Ihr Konglomerat gesammelter Erkenntnisse regt zum Nachdenken an, kommt jedoch ohne wirkliche inhaltliche Stringenz daher. Ein roter Faden und Handlungsorientierungen fehlen.

Jutta Dittfurth analysiert die Probleme unsere Zeit aus ihrer Sicht. In ihren Ausführungen bleibt sie zwar vage und doch ist es wohltuend, dass sie sich für alte linke Werte einsetzt und den Mutlosen Mut macht, nicht zu resignieren – auch wenn sie ihre Vision einer lebenswerten Welt erst ganz zum Schluss und sehr kurz beschreibt: „Unser Ziel ist eine Gesellschaft, die auf Solidarität aufbaut und auf sozialer Gleichheit, in der es keine Ausbeutung und keine Herrschaft von Menschen über Menschen mehr gibt, eine Gesellschaft, in der wir basisdemokratisch entscheiden, wie wir leben und arbeiten wollen.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Anke Schoen

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