Der bekannte & unbekannte Erich Ohser Vielgezeigt - Ungezeigt ...

von Galerie e.o. plauen - 26.12.2009

Literaturhinweis:
 

Detlef Manfred Müller: Erich Ohser – e.o.plauen (1903-1944) "Der politische Zeichner - Annäherung an eine Künstlerexistenz in Weimarer Republik und Drittem Reich“. Vogtlandmuseum Plauen 2004, 28 x 21 cm, 64 Seiten, 50 teilweise ganzseitige Duoton-Abbildungen, Paperback, Preis 10  EUR (Kommissionsrabatt 30 Prozent)

Außerdem erschienen:
Detlef Manfred Müller: Erich Ohser – e.o.plauen (1903-1944) "Vater und Sohn & die Berliner Illustrirte Zeitung", Galerie e.o.plauen 2009, 28 x 21 cm, 160 Seiten, 210 teilweise ganzseitige Duoton- und 11 farbige Abbildungen, Paperback, Preis 16 EUR (Kommissionsrabatt 30 Prozent).

Hg. Friedrich Reichel, Direktor des Kulturbetriebes der Stadt Plauen & Erich Ohser - e.o. plauen Stiftung Kulturbetrieb Stadt Plauen, 2009


In einer Ausstellung zum 75-jährigen Jubiläum von "Vater und Sohn" zeigt die Galerie e.o.plauen eine größere Auswahl von Porträtstudien Erich Ohsers. Auch können erstmals e.o.plauens stenogrammartige Ideenskizzen und seine capricciosen Cartoon-Einfälle bewundert werden. Sogar ein kleiner, noch unbekannter Vater und Sohn-Entwurf erblickt das galeristische Licht.

„Vielgezeigt - Ungezeigt ... der bekannte & unbekannte Erich Ohser“, unter diesem Titel trägt die Galerie  e.o.plauen in einer Ausstellung dem 75-jährigen Jubiläum von "Vater und Sohn" Rechnung. Skizzen, Stenogramme und Capriccios aus zwanzig Jahren können bis April 2010 in den Ausstellungsräumen der Galerie in Plauen betrachtet werden. Das meiste davon dürfte bisher noch nicht zu sehen gewesen sein.

Die früheste Arbeit ist ein Damenportrait, datiert von 1923. Chronologisch am Ende stehende Blätter stammen aus dem Jahre 1943 und sind damit wenige Monate vor dem Tod des Pressezeichners entstanden. Sie werden gemeinsam mit Kriegs-Karikaturen für die NS-Wochenschrift Das Reich gezeigt, denen sie als Vorstudien dienten. Der Betrachter kann so über zwanzig Jahre hinweg die Entwicklung des Zeichners verfolgen. Frühe Skizzen erkennt man an jenen dichten Schraffuren und Schattenlagen, die durchaus noch dem akademischen Geist der Jahre huldigen. Spätere Arbeiten brillieren mit einer unorthodox-strikten Reduzierung, nahezu umrisshaften Minimierungen und einer meisterhaft sich verhakenden, geläufig unterbrechenden Linienführung.

Karikaturen für den "Vorwärts"

Erich Ohser studierte nach einer Schlosserlehre in Plauen von 1920-1927 an der Staatlichen Akademie für Graphische Künste und Buchgewerbe in Leipzig. Rasch gelingt es dem Studenten sich als Zeichner zu profilieren und eigene Wege zu gehen. Zwischen 1925 und 1927 hat Ohser seinen Stil gefunden und am Ende seiner Akademie-Zeit genießt er sowohl die Wertschätzung seiner Mitstudenten, als auch die der Professoren, wird schließlich Meisterschüler des bekannten Hugo Steiner-Prag. 1928, mit dem Umzug nach Berlin, gelingt dem Zeichner und Illustrator auch der öffentliche Durchbruch.

In der Folge arbeitet er für Erich Kästner, die Büchergilde Gutenberg, die Zeitschrift "Der Querschnitt", das Magazin "Neue Revue" und den sozialdemokratischen "Vorwärts". Gegenstand seiner hintergründigen humorvollen Skizzen ist die Semiprominenz der Literatentreffs und das anonyme großstädtische Cafehaus-Publikum. Ohser notiert ein individualistisches Klientel, den moderne Großstadtmenschen der Roaring Twenties. Schnell, ja eilig skizziert er seine Figurationen. Kaum kann der Stift dem Gesehenen folgen. Fragmente und Ausschnitte gewinnen an Bedeutung, die Untersicht wird zum gerne gewählten Stilmittel. Seine bildhaften Formeln sind dabei an den Medien der Zeit, der Presseabbildung, dem Film und der Fotografie geschult.

Der Zeichner befreit sich nun gänzlich von akademischen Resten, seine Bemühungen münden in einem souveränen unverwechselbaren Strich. Reisen nach Litauen (1928), nach Paris (mit Kästner 1929), nach Moskau und Leningrad (gleichfalls mit Kästner 1930), befördern diesen Prozess. Die höchstwahrscheinlich hier zum ersten Mal gezeigten so genannten Stenogramme aus den dreißiger und vierziger Jahren dienen vor allem einem gedanklichen Notat, bewahren und entwickeln die Einfälle. Zugleich sind sie Ideenreservoir für das größte Ohser-Opus, jene Kriegs-Karikaturen, die die Wochenschrift Das Reich so vielfach druckte. Aus dieser Zeit zeigen wir neben dem lakonisch fixierten Einfall, auch die folgenden Vorzeichnungen und einige, im Druck realisierte Karikaturen.

Den letzteren, von uns als Kriegs-Capriccios bezeichneten Blättern, eignete eine enorme, dem Spanier Francisco de Goya (1746-1828) verpflichtete zeichnerische Ausdruckskraft. Darstellungen finden sich, denen mutige doppelbödige Kritik eignet, die im Deutschland der frühen vierziger Jahre singulär sind und auch bisher mit nichts seinerzeit Entstandenem verglichen werden können. Hieran fügt sich ein kleiner zweifarbiger Propagandadruck, eine Novität, die unsere Sammlung erst kürzlich bereichert hat.

Vater und Sohn: Der Plauener Bestand

Der Plauener Kulturbetrieb hütet für die e.o.plauen-Stifung 40 von etwa 200 vorhandenen kostbaren Vater und Sohn-Originalen. Deren überwiegender Teil ist nun zu sehen. Anlass sind uns die siebeneinhalb Jahrzehnte, die seit dem Erscheinen der ersten der berühmten Folgen vergangen sind. Genau drei Jahre, vom Dezember 1934 bis zum Dezember 1937, publizierte e.o.plauen in der Berliner Illustrirten Zeitung die an asiatische Zeichenkunst erinnernden Strips. Nicht zufällig erfreuen sich Ohsers Geschichten deshalb auch dort großer Beliebtheit.

Inzwischen gelten e.o.plauens Erfindungen zugleich als einer der frühesten Comics des deutschsprachigen Raumes. Damals schon begeistert aufgenommen, verstärkten die unterhaltsamen Bilder-Strips sogar noch die enorme Verbreitung der auflagenstärksten illustrierten deutschen Wochenschrift, werden bald zu Imageträgern und Objekten eines so nicht gekannten Merchandisings. Derartige, die Popularität der Marke Vater und Sohn kommerziell nutzende Objekte, sind insbesondere aus der Privatsammlung Klaus Fischer in der e.o.plauen-Galerie zu sehen. Dazu gehört auch die breite Publizistik, denn fast synchron mit der Illustrirten bringt das Verlagshaus Ullstein drei Buchausgaben heraus. Alsbald Klassiker der Branche, erscheinen noch heute die gelben, roten, blauen Bände beim Südverlag Konstanz.

Doch die Sammelausgaben müssen zwangsläufig ohne den Zeithintergrund der Jahre 1934-1937 auskommen. Bei der ausführlichen Sichtung frühester Abdrucke war deshalb bislang Unerkanntes zu entdecken. Redaktion und Zeichner entwickelten zwischen den Zeilen der Berliner Illustrierte Zeitung subtile satirische Kommentare. Angespielt wird auf die Exponenten des Nazi-Reiches und das Geschehen in der Wohlfühldiktatur (Götz Aly). Ohser und sein Redakteur setzen auf kluge Betrachter, die Freude an der Entdeckung, das heimliche Feixen über Führer Adolf. Klar wird, dass Vater und Sohn im deutlichen Gegensatz zum Dritten Reich, dem Umfeld der Veröffentlichung stehen. Auch darüber kann sich der Besucher der neuen Ausstellung informieren - und noch dazu einen kleinen, bisher völlig unbekannten Vater und Sohn-Entwurf betrachten.

 

Galerie e.o.plauen

Bahnhofstr. 36, 08523 Plauen
Telefon 03741 - 2912344 · Fax 03741 - 2912349
E-Mail: galerie-e.o.plauen(at)freenet.de
Ansprechpartnerin: Karin Müller
www.galerie.e.o.plauen.de

Öffnungszeiten:
Montag geschlossen
Dienstag bis Sonntag und Feiertag 13.00 Uhr - 17.00 Uhr und nach tel. Vereinbarung

 

Weitere Informationen:

Die Galerie e. o. plauen wurde am 3. Oktober 1993 eröffnet. Gleichzeitig konnte die e.o.plauen-Gesellschaft gegründet werden. Deren erster Vorsitzender war Prof. Dr. h.c. Willi Daume. Seit 1996 vergibt die Stadt Plauen mit der e.o.plauen-Gesellschaft den e.o.plauen-Preis, einen Preis für Karikaturisten. Preisträger waren bisher u. a.: F. K. Waechter, Robert Gernhardt, Paul Flora, Tomi Ungerer und Jean-Jacques Sempé.  2004 ging der Ohsers-Nachlass in die dafür etablierte e.o.plauen-Stiftung   ein. Die e.o.plauen-Galerie präsentiert im ständigen Wechsel Arbeiten  aus dem künstlerischen Gesamtwerk. Zu sehen sind außerdem Fotografien, Dokumente und Mobiliar, wie etwa der Zeichentisch e.o.plauens.

 

 

Medien

Verlinken Sie auf diesen Beitrag:

http://www.vorwaerts.de/trackback/9403

Channel: Geschichte  
AutorIn: Galerie e.o. plauen  

Unsere Internetseite soll eine Plattform für ernsthafte Diskussionen sein, bei dem Toleranz, Offenheit und Fairness zu den Grundprinzipien gehören. Wir begrüßen sachliche und konstruktive Inhalte, die zu einer angeregten Diskussion beitragen und der Meinung anderer Kommentatoren tolerant und unvoreingenommen begegnen. Teilnehmer, die gegen diese Regeln verstoßen, können von der Teilnahme ausgeschlossen werden.

Unsere Diskussionsregeln

  • Beiträge und Themen, deren Titel oder Inhalt gegen das deutsche Presserecht verstoßen, also Beleidigungen, Verleumdungen o.ä. enthalten, löschen wir. Das gilt auch für Polemik und Falschmeldungen. Strafrechtlich relevante Beiträge werden zur Anzeige gebracht.
  • Aus Gründen des deutschen Namensrechts löschen wir auch Beiträge, deren Autor geschützte Namen oder Pseudonyme benutzt.
  • Beiträge, die sich nicht auf den Inhalt beziehen, sondern nur eine persönliche Mitteilung an andere Diskussionsteilnehmerinnen und -teilnehmer sind, werden gelöscht.
  • Beiträge, die einen Wahlaufruf für andere Parteien beinhalten, löschen wir. Das Forum dient nicht als Plattform für Werbung anderer Parteien, Institutionen, Unternehmen, Gruppen oder Privatpersonen. Werbliche Hinweise werden gelöscht.
  • Beiträge, die Verweise auf www- oder email-Adressen enthalten, können gelöscht werden.
  • Aus urheberrechtlichen Gründen dürfen nur eigene Beiträge eingestellt werden. Artikel oder Namensbeiträge von Agenturen, aus Zeitungen oder Zeitschriften sowie Auszüge aus Büchern als Diskussionsbeitrag werden daher gelöscht.
Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
If you have a Gravatar account, used to display your avatar.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Allowed HTML tags: <a> <em> <strong> <cite> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd> <p> <br> <br />
  • Zeilen und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Use <!--pagebreak--> to create page breaks.

Weitere Informationen über Formatierungsoptionen

Das Aktuellste aus der Sozialdemokratie - der vorwaerts-Newsletter

Advertising