Verwundete Landschaft

02. Januar 2009

Der Raps blüht. Deutlich hebt sich das Gelb der Blütenblätter vom dunklen Himmel ab. Sicher wird es noch ein Gewitter geben. Es ist ein Landidyll, möchte man meinen und nur die
Bildunterschrift verrät, was sich hier vor gut 90 Jahren ereignet hat. "Frontverlauf im April 1915 nahe Pilken" steht dort und der Betrachter ahnt, dass das blühende Feld von heute damals einer
leichenübersäten Mondlandschaft geglichen haben muss.

Es sind Kontraste wie dieser, die den Bildband "Flanders Fields" besonders anschauenswert machen. Mit seiner Kamera hat sich der freie Fotograf Stefan Boness auf die Suche nach Spuren des
Ersten Weltkriegs in der Landschaft rund um das belgische Städtchen Ypern begeben. Für ihn stand dabei im Vordergrund, das Verborgene und Verschüttete dieses so arg malträtierten Landstrichs
sichtbar werden zu lassen. Das ist ihm gelungen.

Granathüllen am Straßenrand

Beim Blättern in dem schön gestalteten, gut hundert Seiten starken Buch erinnert wenig an die vergangenen Schrecken des ersten industriellen Massenkriegs in der Menschheitsgeschichte. Doch
bei genauerem Hinsehen stößt man auf verlassene Bunker, die wie gefallene Riesen in der Landschaft stehen, oder auf leere Granathüllen am Straßenrand. Es sind diese verborgenen und doch
allgegenwärtigen Narben, die diese verwundete Landschaft prägen.

Viel offensichtlicher und dennoch nicht weniger eindrucksvoll erscheinen die unzähligen Soldatenfriedhöfe, deren akkurat gesetzte weiße Kreuze der zig hunderttausend gefallenen Soldaten
gedenken, die in einem endlosen Stellungskrieg ihr Leben ließen. Stefan Boness setzt die Stätten ihrer letzten Ruhe gekonnt in Szene und verhilft ihnen so zu besonderer Bedeutung als Ort
kollektiver Erinnerung.

Mit seinem Bildband, dessen Titel ein Gedicht des kanadischen Militärchirurgen John McCrae aufgreift, ist Boness nicht nur ein sehenswertes Fotobuch gelungen. Er hat vielmehr ein
fotografisches Denkmal gesetzt, das - pünktlich zum 90. Jahrestag des Ende des Ersten Weltkriegs - jeden mahnt, den Frieden in Europa nicht für selbstverständlich zu erachten.

Stefan Boness: Flanders Fields, Verlag für Bildschöne Bücher 2008, ISBN 978-3-939181-15-6, 35 Euro

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