Aus der Welt der Bücher Unbekannter Meister

von Reinhard Klimmt - 30.04.2010
In der Bibliothek Suhrkamp erschien 1961 als Band 74 der Roman „Unbekannter Meister“ von Wenjamin Kawerin. Irgendwie war er auch unter meine Bücher geraten. Leider in die Kategorie: Kenn’ ich nicht, vielleicht später mal. So war ich völlig unvorbereitet als er mir auf der Suche nach einer Reiselektüre für den Weg nach St. Petersburg in der russischen Abteilung in die Finger fiel.

Ich blätterte unschlüssig in dem schmalen Band herum. Dem Klappentext zufolge hielt ich das „bedeutendste literarische Zeugnis des Aufeinanderpralls utopistischer Verklärungssehnsucht und realistischer Zukunftskonstruktion“ in den Händen. Ja, ja, das kenn ich – dachte ich und wollte Kawerin zurück ins Regal verbannen. Dann fiel mein Blick auf das Zitat auf dem rückwärtigen Umschlag: „Ich baue den Sozialismus auf. Aber wenn ich zwischen der Moral und einem Paar Hosen wählen müsste, würde ich gewiss die Hosen nehmen. Unsere Moral ist die Moral der Erschaffung einer neuen Welt.“

Ich blätterte erneut, fand noch dunklere Stellen, sah, dass der Roman im Leningrad der 20er Jahre spielte und legte ihn zu Zeitschriften und anderen Büchern, die ich unterwegs lesen wollte. Ich nehme regelmäßig viel zu viel Lektüre auf Reisen mit. Diesmal aber nicht. Die Vulkanasche verhalf mir zu langen Lesezeiten, in denen ich als Alternative außer Warten, Herumschauen und Inmichgehen nichts hätte tun können.

So vertiefte ich mich in den Unbekannten Meister. Obwohl „nur“ eine Übersetzung, mochte ich die Sprache sofort, die Handlung blieb vorerst undurchschaubar, aber die Dialoge lohnten das genaue Zuhören und so hatte ich die 175 Seiten in einem Zuge bald hinter mich gebracht – wäre „verschlungen“ nicht zu abgegriffen, hätte ich gerne dieses Wort verwandt. Es ist eins dieser Bücher, die man zweimal lesen muss, um sie (annähernd) zu verstehen, zu sehr sind die Handlungen und Informationen ineinander verschränkt, lösen sich  phantastische Passagen erst im Rückblick auf und enthüllen den Bezug zum Realen.

Phantastik, Groteske, Humor und artifizielle Konstruktionen sind das Kennzeichen einer literarischen Gruppe, die sich im Jahre 1912 in Petrograd (diesen Namen trug die Stadt von 1914 bis 1924) gründete und sich, von E.T.A. Hoffmann inspiriert, Serapionsbrüder nannte. Maxim Gorki protegierte die junge Gruppe, zu der u. a. Michail Soschtschenko und Konstantin Fedin sowie besagter Wenjamin Kawerin gehörten. Man las und diskutierte bei den Treffen, der Gruppe 47 ähnlich, die Werke der Mitglieder. Der Bruderschaft war keine lange Dauer beschieden, sie löste sich bereits gegen Ende der 20er Jahre auf.

Kawerin gehört zu den Klassikern der Sowjetliteratur. Meinen St. Petersburger Freunden war er nur als „Vaterländischer Schriftsteller“ ein Begriff. Sie kannten ihn außerdem als Kinderbuchautor und waren verwundert, dass er noch bis 1989 gelebt hat. Er starb am 4. Mai 1989 in Moskau.

Das Buch liest man am besten in St. Petersburg unter Anleitung eines Einheimischen, der einem die Schauplätze erklären kann. Ich hatte zusätzliches Glück: Es gibt diese seltenen Momente, in denen alles passt, Momente, von denen einer schon genügt, um Dankbarkeit zu wecken, dass man auf die Welt gekommen ist. Ort und Zeit, die Menschen um einen herum, die eigene Stimmung, alles passt, selbst das Wetter. Es ist weder zu warm, noch zu kalt und der Wind weht nicht, sondern fächelt. So war es auch mit diesem Roman. Ich hatte die vom Vulkan geschenkte Zeit, die mir erlaubte, Satz für Satz zu lesen; niemand wollte irgendetwas von mir; ich war – unvermutet, unerkannt – im Zug auf dem Wege zu den Schauplätzen des Buches, allerdings in eine andere Zeit versetzt, sodass sich mein Bild von der Stadt bereits unterwegs veränderte.

Und alle Themen  tauchten auf, die mich in meiner jetzigen Lebensphase immer noch beschäftigen: die Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit im politischen Agieren, das individuelle Verheddern in den Wünschen nach Bindung und Freiheit in der Liebe und in den Fallstricken von Freundschaften.

Mehr noch: Man lernt die Offenheit der frühen Jahre der Sowjetunion kennen, entdeckt sowohl die Keime des Scheiterns, als auch die Spuren der Hoffnung und der Ideale, die bis in unsere Zeit reichen. Außerdem: ist es nicht schön, dass Ferdinand Lassalle damals in Leningrad ein Denkmal hatte, an prominenter Stelle am Newski-Prospekt in Höhe der Stadtduma?

Wenn ich jetzt im  Menschenstrom an dieser Stelle vorbeitreibe, sehe ich ihn – wie von Kawerin beschrieben – dort stehen. Vor wenigen Tagen befragte ich die imaginäre Statue angesichts der nie enden wollenden Streitigkeiten und Bruderzwiste in der deutschen und europäischen Linken, so wie einst Archimedow, einer der Helden des Romans: „Großer Lehrer, wem gibst du deine Stimme?“ Lassalle schwieg auch bei mir. „Sein Kopf mit der gerunzelten Stirn verharrte regungslos und seine Eidechsenaugen blickten nach Westen.“ Direkt vor meinen Augen schob sich die Bronzestatue Willi Brandts an seine Stelle. „Wir werden uns wohl selber helfen müssen“, dachte ich bei mir.

 

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Ideal und Wirklichkeit.

Bild von Rolf Ullrich

Bin gestern den Weg "Schwabinger Krankenhaus" - U-Bahnstation "Bonner Platz" abgelatscht, um herauszufinden, ob der kürzer ist, als der Weg zum "Scheidplatz". In jedem Fall wäre eine Omnibushaltestelle vor der Kinderstation zweckmäßig. Ich mache mir wegen der Verwirklichung keinerlei Illusionen.

Sie, lieber Herr Klimmt, waren sie nicht mal Minister? Ich erinnere mich dunkel. Ich werde Ihren aufs Neue vorzüglichen Beitrag meinen Followern, darunter die Fa. Hugendubel retweeten.

Erstaunlich, wie Sie es

Bild von armerteufel

Erstaunlich, wie Sie es schaffen, in den beiden letzten Sätzen nichts, aber auch garnichts auszudrücken. Englisch vom abwegigsten; nein danke. Weg damit!

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