Die Liste der Meinungsverschiedenheiten zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der muslimischen Welt scheint unendlich. Der Krieg in Afghanistan und im Irak gilt den einen als Kampf gegen den Terrorismus, den anderen als Besatzung. Das Atomprogramm des Iran ist für viele Muslime Ausdruck des Rechts auf nationale Selbstbestimmung und der Gleichheit der Nationen, die Amerikaner fordern sein Ende. Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern spaltet die Supermacht und die arabische Welt zusätzlich.
Der amerikanische Präsident Barack Obama wagte es dennoch am vergangenen Freitag in der ägyptischen Hauptstadt Kairo die den USA wohl am kritischsten gegenüberstehende Religionsgruppe in einer einstündigen Rede um einen neuen Dialog zu bitten. „Wir kommen in einer Zeit großer Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und den Muslimen überall auf der Welt zusammen,“ begann Obama seine einstündige Rede vor dreitausend geladenen Gästen an der Universität Kairo. Dreimal zuvor hatte er sich bereits an die arabische Welt gewandt. Diesmal allerdings waren die Erwartungen zwischen Rabatt und Kabul, Bagdad und Damaskus besonders groß.
Neuanfang in Kairo
Würde der Präsident Fehler gegenüber der muslimischen Welt einräumen? Würde er das Leid der Palästinenser erwähnen? Würde er mit der Arroganz und dem Missionierungsdrang seines Vorgängers George W. Bush brechen? Wie würde er mit dem Wort Terrorismus umgehen? Die Fettnäpfchen waren zahlreich und groß. Vage Worte hätten vor allem den Gegnern genutzt. Doch Obama schaffte das Unmögliche.
Statt auf den Fehlern der Vergangenheit zu beharren, plädierte der amerikanische Präsident für einen Neuanfang auf gleicher Augenhöhe. „Ich bin nach Kairo gekommen, um einen Neuanfang zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und den Muslimen überall auf der Welt zu beginnen,“ so Obama, „wir müssen uns bemühen, einander zuzuhören, voneinander zu lernen, uns gegenseitig zu respektieren und Gemeinsamkeiten zu finden.“ Den ersten Schritt dazu machte Obama in seiner Begrüßung auf Arabisch. Zudem verwies er auf vier Koranzitate und zeigte sich besonders respektvoll und sanftmütig.
„Al Quaida profitierte von der Rhetorik des Kampfes der Kulturen bei der Mobilisierung von Anhängern und Kämpfern,“ sagt Mohammad Abu Rumman, Journalist der jordanischen Zeitung Al Ghad in Amman, „Obamas Rede hingegen setzt positive Signale und hebt die strittigen Punkte von grundsätzlich religiös-zivilisatorischen Gegensätzen wieder auf die Stufe politischer Meinungsverschiedenheiten.“ Obama vermied das Wort Terrorismus, das vielfach als Synonym für den Islam und seine Anhänger verwendet und verstanden wurde und daher auf große Ablehnung in der muslimischen Welt stößt.
Gegen negative Stereotypen
Statt dessen differenzierte er. „Gewalttätige Extremisten haben Spannungen in einer kleinen, aber starken Minderheit der Muslime ausgenutzt. Die Anschläge vom 11. September 2001 und die fortgesetzten Bemühungen dieser Extremisten, Gewalt gegen Zivilisten zu verüben, haben einige in meinem Land dazu veranlasst, den Islam als zwangsläufig feindlich nicht nur gegenüber den Vereinigten Staaten und den Ländern des Westens zu betrachten, sondern auch gegenüber den Menschenrechten.“ Verknüpft mit einer Forderung versprach Obama mit diesen negativen Stereotypen aufräumen zu wollen: „Ich sehe es als Teil meiner Verantwortung als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika an, gegen negative Stereotype über den Islam vorzugehen“ und schickte nach, „aber das gleiche Prinzip muss für die muslimischen Wahrnehmungen der Vereinigten Staaten gelten.“
Die Strategie Obamas war also, erst einmal Selbstkritik zu üben, und dann - nach gleichem Maß für alle - Forderungen an die arabische Welt zu stellen. So warb Obama um Verständnis für den schweren Schock, den die Anschläge in New York und Washington ausgelöst hatten. „Der 11. September stellte ein enormes Trauma für unser Land dar. Die Angst und Wut, die er hervorrief, waren verständlich, aber in einigen Fällen führte dies dazu, dass wir entgegen unseren Traditionen und Idealen handelten.“ Dabei nannte er den Einsatz der Folter und das Gefangenenlager auf Guantánamo Bay, mit denen er Schluss machen wolle.
Lob von muslimischen Geistlichen
Die Hörer im Auditorium reagierten vielfach mit Applaus. Jedem Anspruch an die muslimische Welt schickte Obama eine Selbstkritik voraus, so auch in Bezug auf die vergangene Intervention im Iran, bei der ein demokratische gewählter Präsident mit Hilfe des amerikanischen Geheimdienst gestürzt wurde. „Der Putsch von 1953 ist den Iranern noch sehr in Erinnerung geblieben. Dass Obama den Fehler eingestanden hat, sendet ein positives Signal,“ so Alireza Rajaee, politische Analystin in Teheran, „nun können alle, die bessere Beziehungen wollen, sich darauf berufen, dass die USA diesen Fehler eingestanden haben.“
Die Rede war besonders auf die muslimische Welt zugeschnitten. Obama wollte zusammenführen, nicht spalten. Unvergleichlich direkt ging Obama auf alle Themen ein, die in der muslimischen Welt für Empörung und vor allem zu Missverständnissen geführt hatten.
Mit dem Koran-Zitat „wenn jemand einen Unschuldigen tötet, so ist es, als habe er die ganze Menschheit getötet“ versuchte Obama den anhaltenden Einsatz amerikanischer Soldaten und ihrer Verbündeten gegen die Taliban und al-Kaida in Afghanistan zu begründen. Dabei betonte er: „Der Islam ist nicht Teil des Problems im Kampf bei der Bekämpfung des gewalttätigen Extremismus - er ist ein wichtiger Teil der Förderung des Friedens.“ Von muslimischen Geistlichen wurde die Rede lobend mit einem Freitagsgebet verglichen, weil sie eine politische, soziale und religiöse Botschaft übermittelte. In Stil und Inhalt konnte Obama dadurch punkten, dass er auch mit Hilfe der Heiligen Schrift des Islam ein Gegenbeispiel zu den Hasstiraden von Terroristen wie Osama bin Laden setzen konnte. Viele Muslime äußerten glückliches Erstaunen darüber, wie belehrt der Präsident über religiöse, kulturelle und historische Themen war.
Abzug aus dem Irak
Obama bestätigte den Abzug aus dem Irak bis 2012. Amerika wolle keine langfristigen Militärstützpunkte, sondern achte das Recht auf Selbstbestimmung. „Die Rede war historisch und wichtig,“ so ein Sprecher der irakischen Regierung, „die Klarheit des Präsidenten überzeugt uns.“ Dass der Einmarsch im Irak nicht Obamas Entscheidung gewesen war, betonte der amerikanische Präsident ebenso wie ein Umdenken: „Die Ereignisse im Irak haben Amerika daran erinnert, diplomatische Wege einzuschlagen und zur Problemlösung einen internationalen Konsens zu suchen.“
Auf den Straßen, im Fernsehen und im Internet zeigte sich die muslimische Welt vor allem positiv überrascht. „Im Gegensatz zu der vorigen Regierung erschien Obama als ein Führer aus der Region, weniger als ein Ausländer,“ lobte Mustafa Hamarneh, ehemaliger Direktor des Zentrums für Strategische Studien an der Universität Jordanien.
Gleiche Rechte für Israel und Palästina
Im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern forderte Obama von beiden Seiten die gegenseitige Anerkennung. In einem besonderen Balanceakt bekräftigte Obama zwar das traditionelle, unzerbrechliche Engagement für Israel, forderte jedoch zugleich in klaren Worten die Schaffung eines Staates Palästina.
Die Nennung des den Juden durch den Holocaust zugefügten Leides in einem Atemzug mit dem Leid der vertriebenen Palästinenser erntete jedoch auch Kritik. „Wie kann Obama es wagen, das Leiden arabischer Flüchtlinge mit dem Mord an sechs Millionen Juden zu vergleichen,“ empörte sich Aryeh Eldad von der National Union Party in Israel. Der stellvertretende Außenminister der Hamas hielt dem entgegen: „Obama verweist auf das Existenzrecht des Staates Israel. Wie jedoch steht es um das Recht der palästinensischen Flüchtlinge, in ihr Land zurückzukehren?“ In Bezug auf den Konflikt zwischen Israel und Palästinensern wurde der amerikanische Präsident ein wenig vage. Schließlich lobte er die arabischen Staaten für die jüngsten Friedensinitiativen.
Gleichberechtigung als Vision
In Bezug auf den Iran wie auch in Bezug auf die Rechte der Frauen gelangen Obama zwei bemerkenswerte Exkurse. Dem nach Atomwaffen strebendem Iran konnte er mit seinen Plänen zur Schaffung einer atomwaffenfreien Welt begegnen. In der Frage der Verhüllung muslimischer Frau setzte Obama nicht auf die oberflächlichen Kontroversen sondern verwies auf die Schaffung von Chancengleichheit und allgemein verfügbaren Bildungsmöglichkeiten, um die Frau selber entscheiden zu lassen. Damit vermied er den Zeigefinger und versuchte stattdessen durch eigene Visionen zu überzeugen.
Obama schwor dem Gehabe einer Supermacht ab, er ging auf die Bedürfnisse seiner Zuhörer ein und versuchte seine Positionen zu vermitteln ohne in Arroganz zu verfallen. Der Präsident lud die Muslime zu einer Partnerschaft auf gleicher Augenhöhe ein, versprach keine geheime Agenda zu verfolgen, sondern durch Transparenz und Ehrlichkeit Misstrauen abbauen zu wollen. „Der Präsident hat viele kritische Themen angesprochen und seine Zusammenarbeit angekündigt,“ sagt Mohammed Rizk, Professor an der Universität Kairo, „das ist einfach gut.“ Nun muss Obama den Worten allerdings Taten folgen lassen. Die Erwartungen der muslimischen Welt sind nun noch höher.
Verlinken Sie auf diesen Beitrag:
- Kommentieren
- 1088 Aufrufe
Druckversion
Artikel verschicken



Auf beta.vorwaerts.de können Sie sich schon mal die neue Seite von vorwaerts.de anschauen.