Mit dem Überfall der Deutschen auf Polen, am 1. September 1939, änderte sich Anatol Charis Leben grundlegend. Er war 16 und lebte behütet bei seinem Vater, einem anerkannten politisch und sozial engagierten Mann in Lodz. Schon in den ersten Tagen nach dem Einmarsch verhafteten die Deutschen vor allem wichtige Führungspersonen des Landes, darunter Piotr Chari. Seinem Sohn sagte man, der Vater würde bald wiederkommen, doch dies geschah nicht. Die Situation der Juden in Lodz war ausweglos. Schon 1940 wurde das Ghetto errichtet. Auf sich allein gestellt versuchte Anatol Chari zu überleben und seinen Großeltern zu helfen.
Der lange Arm des Vaters
Chari betont in seinem Buch immer wieder, dass er nur dank der Bekanntheit seines Vaters überlebte. Weil der Vater sich bis 1939 im jüdischen Gemeinderat engagiert und den Armen in Lodz geholfen hatte, erhielt Anatol Chari Hilfe vom Judenrat. Dieser organisiert das Ghetto unter Aufsicht der Deutschen. So konnte Chari sein Abitur beenden und unter besseren Bedingungen arbeiten. Er erhielt mehr Nahrung für sich und seine Großeltern.
Chaim Rumkowski, der von den Deutschen ernannte „Judenälteste“ im Ghetto hielt seine schützende Hand über Chari. Die Stellung der Judenräte ist eine viel diskutierte: Einerseits wird ihnen Kollaboration mit den Deutschen vorgeworfen, denn sie erstellten die Listen der Menschen, die in den Todeslager ermordet wurden. Andererseits versuchten sie ihre Landsleute zu schützen, indem sie sie vor Deportationen warnten oder sich verzweifelt für den Erhalt der Ghettos einsetzen, damit die Menschen wenigstens nicht verschleppt wurden.
Durch Rumkowskis Fürsprache wurde Anatol Chari Mitglied des Sonderkommandos im Lager. Insofern unterscheidet sich sein Lebensbericht von vielen anderen. Unverblümt schreibt er über die Privilegien, die er bekam: „Im Getto, wo jeder ein Niemand war, stellten wir etwas dar. Wir konnten Geschäfte betreten, die für die Allgemeinheit tabu waren. Wir bekamen besondere Lebensmittelkarten, die uns größere Rationen sowie Nahrungsmittelkarten von besserer Qualität bescherten und uns zudem das Schlangestehen vor der Kolonial-Verteilungsstelle ersparten. Meine Großeltern und ich hatten immer genug zu essen. Als Sonder musste man sich nicht vor Deportationen fürchten (zumindest in der Anfangszeit) und hatte keine schweren Arbeiten auszuführen.“
Die Privilegien und die Schuld
Chari beschreibt seinen Alltag im Getto als Sonderpolizist: wie er Lebensmittel organisierte, denn das wichtigste war bei Kräften zu bleiben. Er erzählt über seine Großmutter, die noch im Ghetto versuchte, koscher zu leben, und bis zum Schluss nicht verstand, was eigentlich vor sich ging. Er berichtet, dass seine Großeltern zu den ältesten Befreiten von Auschwitz gehörten, weil sie im Getto immer genügend zu essen hatten.
Zudem rührt Chari an Tabuthemen der Holocaustliteratur. Er schreibt über seine sexuellen Erlebnisse mit den privilegierten Mädchen. Und betont ausdrücklich: „Ich hatte durchaus Möglichkeiten, anderen zu helfen und ließ sie ungenutzt. Aus diesem Grund fühle ich mich schuldig. Doch jedermann versuchte in einer Umgebung, die nicht fürs Überleben gedacht war, so gut wie möglich sein Dasein zu fristen. Noch einmal: Wer ausschließlich die normalen Lebensmittelrationen zur Verfügung hatte, konnte nicht überleben.“
Seltenes Zeugnis
Charis Wille zum Überleben in dieser extremen Situation war unbändig. Inmitten von Tod und Verwüstung gelang es ihm, sich und seine Großeltern zu schützen. Er zahlte den hohen Preis der Schuld. Nach der Liquidierung des Ghettos im Jahr 1944 führte ihn eine Odyssee durch mehrere KZ. Sein Überleben führt er darauf zurück, dass er im Ghetto von Lodz genügend Nahrung hatte, um kräftig genug für die kommenden Strapazen zu sein.
Charis Lebensbericht ist eine schonungslose Abrechnung, er verschweigt nichts. Gerade das macht seinen Bericht zu einem seltenen Zeitzeugnis, denn er rührt an Themen, die bisher in der Shoa-Literatur selten zu finden sind.
Anatol Chari: „Undermensch: Mein Überleben mit Glück und Privilegien“ Mit Timothy Braatz, Deutscher Taschenbuch Verlag, 2010, 238 Seiten, 14,90 Euro, ISBN 978-3-423-24770-2



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Ah ja.
die hühner
Felix Krebs