Europa

Triumph der roten Nelken

Willi Carl24. April 2014

Vor 40 Jahren siegt in Portugal in einer unblutigen Revolution die Demokratie – dank der Unterstützung der SPD und Willy Brandts. Mit der sogenannten Nelkenrevolution in Portugal beginnt schließlich auch die große Demokratisierungswelle in Europa.

Schon als Spanien und Portugal noch von tattrigen Diktatoren beherrscht wurden, schaute der SPD-Vorsitzende auf der Iberischen Halbinsel nach Männern mit Zukunft“, musste sogar „Der Spiegel“ loben. Willy Brandt schaute nicht nur. Er war Geburtshelfer und Verteidiger der jungen portugiesischen Demokratie. „Man kann die Bedeutung Brandts und der SPD für die portugiesische Revolution kaum überschätzen“, sagt Carlos Gaspar, Politologe der Universität Lissabon.

Der Mehltau der Diktatur hatte in fünf Jahrzehnten das politische Leben Portugals erstickt. Dagegen wird 1973 die SPD mit ihrem Vorsitzenden aktiv. Mit ihrer Unterstützung gründen am 19. April zwei Dutzend Exil-Portugiesen in der Akademie der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bad Münstereifel die Sozialistische Partei Portugals (PS). Mario Soares wird ihr Vorsitzender.

Hilfe zur richtigen Zeit

Die Geburtshilfe der SPD für die PS kommt gerade rechtzeitig – denn schon ein Jahr später folgt die Nelkenrevolution. Am 25. April 1974 fegen einige Hundert des Kolonialkrieges müde Militärs in knapp 18 Stunden die Diktatur weg. Sie übernehmen von der Bevölkerung bejubelt die Macht. Die ihnen als Ausdruck der Freude in die Gewehrläufe gesteckten Nelken, das Symbol der Arbeiterbewegung, geben der Revolution ihren Namen. 

Politisch Verfolgte kehren aus dem Exil zurück: Der Sozialist Mario Soares. Und Alvaro Cunhal, der Vorsitzende der KP. Beide fordern eine Regierung der nationalen Einheit, von der Mitte über die Sozialisten bis zu den Kommunisten. 

Obwohl Bonn in diesen Tagen von der Guillaume-Affäre erschüttert wird, bleibt Portugal für Willy Brandt Top-Thema: Am 3. Mai empfängt er Mario Soares als letzten ausländischen Besucher – drei Tage vor dem Rücktritt als Bundeskanzler. Brandt berät mit ihm, was zu tun ist.

Willy Brandt als Vermittler

In den nächsten Monaten tobt verdeckt und offen der Kampf um die Macht im Land. Der Westen fürchtet die Kommunisten. Einige Politiker in den USA wollen sie sogar gewaltsam bremsen. Im Herbst erlebt Willy Brandt bei seinem Besuch, dass die KP drauf und dran ist, „der eben gewonnenen Demokratie den Garaus zu machen“. Brandt bewegt deshalb im März 1975 die Präsidenten von Venezuela und Mexiko, bei Breschnew zu intervenieren. Er reist selbst nach Moskau, um den Kreml-Chef zu warnen. In Stockholm gründet er dann mit Österreichs Bruno Kreisky und Schwedens Olof Palme das Komitee zur Verteidigung der Demokratie in Portugal.

In Bonn gewinnt Willy Brandt die Chefs von CDU und FDP, Kohl und Genscher, zum Mitmachen. Kanzler Helmut Schmidt zieht sowieso mit. Bald schon sind Klaus Wettig, später Co-Präsident der Delegation Europäisches-Portugiesisches Parlament, und der frühere Vowärts-Redakteur Peter S. Ruthmann als politische Berater im Einsatz. Wettig: „Wir berieten Mario Soares, vermittelten politische Informationen und brachten Geld.“
Politische Stiftungen und Gewerkschaften sind in Portugal aktiv. Auch Juso Fritz O. Roll fährt mit Heidemarie Wieczorek-Zeul nach Lissabon: „Was in der Linken einen Namen hat, trifft sich damals in Lissabon.“

Erste freie Parlamentswahl seit 50 Jahren

In ihren Koffern bringen hunderte „Touristen“ hunderttausende DM Bargeld für die junge Demokratie. Klaus Wettig: „Der versuchte Putsch von Teilen der Streitkräfte, in den auch die Kommunistische Partei verwickelt ist, scheitert. Am 25. April 1976 findet die erste freie Parlamentswahl seit 50 Jahren statt.“

Tatsächlich siegen die Sozialisten. Drei Jahre nach ihrer Gründung in Münstereifel wird Mario Soares der erste Ministerpräsident des demokratischen Portugals. „Mittlerweile lebt Portugal genau so lange in einer Demokratie, wie die Diktatur des Estado Novo bestand“, so Ana Monica Fonseca von der Universität Lissabon.

Mit der Nelkenrevolution beginnt die große Demokratisierungswelle Europas: 1974 stürzen Griechenlands Obristen, 1975 starb der spanische Diktator Franco und in den 80er Jahren stürzten die KP-Diktaturen in Mittel- und Osteuropa.

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